Freisprüche im Prozess um angeblich fingierte Autounfälle

Hofgeismar/Reinhardshagen/Kassel. Versicherungsbetrug in großem Stil wähnten sich die Ermittler auf der Spur. Jahrelang sollten drei Männer aus Hofgeismar und Reinhardshagen nach Autounfällen zu Unrecht abkassiert haben.

Abkassiert wurde angeblich mit falschen Abrechnungen oder weil die Unfälle gar von vornherein vorgetäuscht waren. Doch nach zweitägigem Prozess vor dem Kasseler Landgericht kam am Mittwoch die Ernüchterung: Fast alle Vorwürfe seien nicht zu belegen, befand die Strafkammer und verurteilte nur einen der Angeklagten zu einer bescheidenen Geldstrafe von 900 Euro (90 Tagessätze à zehn Euro). Die anderen beiden wurden freigesprochen.

Dass das Gericht Zweifel an dem von Polizei und Staatsanwaltschaft gezeichneten Szenario hatte, war bereits vor Eröffnung der Hauptverhandlung klar geworden: Mehrere Anklagepunkte hatte die Kammer gar nicht erst zur Verhandlung zugelassen. Und von den verbliebenen vier Fällen hielt sie am Ende lediglich einen einzigen zumindest insoweit für erwiesen, dass es für die Verurteilung des 34-Jährigen aus Reinhardshagen reichte.

Nach Überzeugung des Gerichts hatte der Mann nach einem Auffahrunfall im Herbst 2006 auf der Frankfurter Straße in Kassel, hübscherweise direkt vor dem Gerichtsgebäude, mehr Schäden geltend gemacht, als bei dem Crash hätten entstanden sein können. Also: Betrug. Aber dass der Unfall mit dem Verursacher – dem 36 Jahre alten Mitangeklagten aus Hofgeismar – abgesprochen worden sei, dafür gebe es keinerlei Belege. „Wir haben nichts handfest Ermitteltes, dass die beiden sich überhaupt kennen“, rügte Richter Jürgen Dreyer. „Außer dass der Polizeibeamte geschrieben hat: Die kennen sich.“ Wobei er leider nicht verraten habe, woher er diese Erkenntnis hatte.

Bei einem Zusammenstoß in Hofgeismar, der sich bereits im Februar 2003 ereignet hatte und erst jetzt dem 36-Jährigen als Versicherungsbetrug angekreidet werden sollte, war zwar ein Arbeitskollege des Angeklagten beteiligt. Doch diese Bekanntschaft wollte das Gericht nicht als Indiz für einen gestellten Unfall sehen. „Dass sich Leute in Hofgeismar kennen, was ja nun keine Millionenmetropole ist, finden wir nicht ungewöhnlich“, sagte Dreyer.

Nichts nachzuweisen

Und auch die beiden weiteren Anklagepunkte – hier ging es um angebliche Manipulationen des Tachostands – bügelte die Strafkammer ab: nicht nachzuweisen. Mit seinem Urteil schloss sich das Gericht weitgehend der Verteidigung an, die für alle drei Angeklagten Freispruch beantragt hatte. Oberstaatsanwalt Dieter Wallbaum dagegen hätte die Männer gerne verurteilt gesehen, wenn auch nicht eben drakonisch: Er verlangte Geldstrafen sowie für den 36-Jährigen, dem er unterstellte, „davon gelebt zu haben, solche Sachen mit Autos zu machen“, eine zwölfmonatige Bewährungsstrafe.

Von Joachim F. Thornau

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