In Karlshafen blühte einst die Zigarrenindustrie – Nach dem Zweiten Weltkrieg brach der Handel ein

Früher Tabakduft, heute Solbäder

Das große Stammhaus der Familie Baurmeister am Hafenplatz 7: Dahinter ist das ehemalige Fabrikgebäude – heute Hugenottenmuseum. Fotos: Löschner

Bad karlshafen. Wer heute das Hugenottenmuseum unweit des Hafenbeckens besucht, darf unter anderem vielfältige Erinnerungsstücke aus hugenottischer Handwerkstradition erwarten. Die erste Vitrine – im Erdgeschoss bereits vor dem eigentlichen Museumseingang platziert – zeigt jedoch Artefakte einer ganz anderen Vergangenheit des Wirtschaftsstandortes Karlshafen: Töpfe mit Kautabak, eine aufwändig gearbeitete hölzerne Schnupftabakdose, eine Zigarre.

Seit einigen Jahrzehnten sind Kur und Tourismus das wichtigste Standbein der Badestadt. Entwickeln konnte sich dies durch die Nutzung der Solequelle, die auf das Jahr 1841 zurückgeht als der hugenottische Pfarrer Eduard Suchier die ersten Solbäder einrichtete. Weniger präsent in den Köpfen von Urlaubern und Einwohnern ist die Tatsache, dass bereits zu dieser Zeit Tabak in dem kleinen Städtchen zwischen Weser und Diemel verarbeitet wurde.

Bereits seit 1789 produzierte die Familie Baurmeister Tabakprodukte in Hann. Münden. Ferdinand Carl (1798-1850), der zweitälteste der drei Söhne des Firmengründers, absolvierte eine landwirtschaftliche Lehre in Würgassen und muss in dieser Zeit das benachbarte Karlshafen kennen und schätzen gelernt haben. Nach den Erkenntnissen seines heute in Bad Karlshafen lebenden Ur-Urgroßneffen Joachim Baurmeister begann Ferdinand eine kleine Tabakverarbeitung in der Weserstraße.

Kaufvertrag für Nummer 7

Der älteste erhaltene Geschäftsbericht datiert aus dem Jahr 1828. Im Jahr 1832 heiratete Ferdinand die Karlshafener Witwe Amalie Schuwicht, die am Hafenplatz 5 die thurn- und taxische Poststelle und eine kleine Schnapsbrennerei betrieb. Mit dem Ehevertrag schloss Ferdinand auch einen Kaufvertrag für das Haus Nummer 7, das danach aufgestockt wurde und noch heute als Stammhaus der Familie Baurmeister ist.

Nach dem Kauf begann der Aufbau der großen Tabakfabrik im Innern des Karrees hinter dem Haus. Ab 1847 lief die Herstellung von Kau-, Schnupf- und Rauchtabak mit zeitweise rund 200 Angestellten in der neuen Fabrik. Der Standort Karlshafen war für die Zigarren- und Tabakfabrikanten Baurmeister umso wichtiger, da sie auf die Produktion innerhalb des deutschen Zollvereins angewiesen waren. Das zu Hannover gehörige Münden trat diesem erst später bei.

Rohtabak kam per Schiff

In logistischer Hinsicht fand Ferdinand Baurmeister in Karlshafen ebenso gute Bedingungen vor wie in Hann.  Münden: Der Rohtabak konnte von Bremen aus direkt per Schiff bezogen werden, ab 1847 gab es zudem die Carlsbahn in Richtung Kassel. Neben der großen Fabrik waren weitere, kleinere Tabakbetriebe in Karlshafen ansässig, beispielsweise in der Brückenstraße. Als zwischen 1939 und 1945 Tabakimporte aus Kuba nicht mehr möglich waren, verarbeiteten die Baurmeisterschen Tabakproduzenten deutsche Tabake, denen Rosenblüten beigemischt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bedingungen für die Tabakindustrie in Karlshafen schwieriger, die Produktion kam gegen die moderne Großindustrie nicht mehr an.

In der vierten Generation schloss Alice Baurmeister den Betrieb im Jahr 1958. Gut ein Jahrzehnt lag das Areal brach, bis Joachim Baurmeister als Erbe des Besitzes die Herausforderung annahm, eine Sanierung durchzuführen. Sieben Gebäude nebst Kraftwerk, Soßenhaus und Fabrikschloten wurden abgerissen, weitere saniert oder verkauft. Die Stadt Karlshafen etwa kaufte das zentrale Fabrikgebäude und richtete dort den städtischen Bauhof ein. Seit 1989 befindet sich hier das Hugenottenmuseum, das mit seiner kleinen Vitrine an die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes erinnert.

Von Markus Löschner

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