Deutschlandweit einmalig

Reinhardswald: Mittelalter hat sich im Waldboden erhalten

Ofenstelle: Innerhalb weniger Minuten holte Roland Henne im Wald diese mittelalterlichen Töpferscherben zutage.

Hofgeismar. Wer von Gottsbüren durch den Reinhardswald nach Helmarshausen fährt, kann im Winter, bei niedrigem Sonnenstand, quadratkilometerweit die Spuren der mittelalterlichen Bewohner erkennen.

Und zwar beiderseits der Kreisstraße 75. Die Wölbäcker fallen zwar nicht sofort ins Auge, doch einmal erkannt, sieht man sie überall.

Historikern und Archäologen ist die einmalige Situation hier schon seit Jahrzehnten bekannt und der frühere Bürgermeister von Oberweser, Roland Henne, hat in 20-jähriger akribischer Arbeit den gesamten Reinhardswald durchwandert und jede Fundstelle kartiert. Denn nirgendwo sonst in Deutschland ist eine derartige Kulturlandschaft mit Äckern, Kirchen- und Dorfstellen, Brenn-, Bach- und Glasöfenstellen einschließlich über 100 noch älterer Hügelgräber so geschlossen erhalten wie hier. Denn der Wald hat alles im Boden bewahrt.

Alarmglocken läuten

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Jetzt aber läuten die Alarmglocken. Denn wenn gerade im nördlichen Reinhardswald Windkraftanlagen, eine Rohrleitungstrasse und ein Salzspeicherbecken gebaut würden, wäre von dieser fast lückenlos erhaltenen Fundsituation nicht mehr viel wissenschaftlich Verwertbares und kulturell Bedeutsames übrig.

Der Denkmalbeirat des Kreises Kassel hat deshalb beim Land Hessen die Ausweisung dieses Waldareals mit acht Kilometer Nord-Süd- und sechs Kilometer Ost-West-Ausdehnung als „flächenhaftes Kultur- und Bodendenkmal“ nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz beantragt.

Dafür gestimmt hat im Beirat auch der frühere Kasseler Landrat Dr. Udo Schlitzberger, der es für überfällig hält, die Öffentlichkeit auf den Wert dieser Kulturlandschaft aufmerksam zu machen. Die jüngsten Aufnahmen mit Laserscans hätten die zuvor gesammelten Fakten über die lückenlose Ausdehnung der Wölbäcker sogar noch weit übertroffen.

Für ihn ist es nun nicht mehr verwunderlich, dass sich das Land Hessen vor einige Jahren vehement gegen die Ausweisung des Reinhardswaldes als Naturpark sträubte. So erkläre sich auch das Schweigen der Forstverwaltung zu diesem Thema, in dem Landespolitik mitspiele. Mit den Pachteinnahmen für die Windkraftanlagen könnte das Land ebenso viel einnehmen wie durch die Holzernte, Zehn Anlagen mit jeweils 40 000 Euro Pacht brächten immerhin 400 000 Euro pro Jahr.

Dr. Schlitzberger stellt sich die Frage, warum nicht stattdessen der gut erschlossene südliche Bereich des Reinhardswaldes für die Windkraftanlagen genutzt wird. Die ohnehin schon existierenden Straßen könnten für Bau und Wartung genutzt werden. Die Ablehnung dieser Flächen allein wegen der Sichtung eines Schwarzstorches hält der frühere Landrat für nicht überzeugend - so ein Tier könne auch im nördlichen Reinhardswald vorkommen. Es liege wohl eher daran, dass der Wald als Jagdgebiet für Gäste nicht mehr so attraktiv wäre.

Von Thomas Thiele

So entstanden die Wölbäcker/Hochäcker

Wölbäcker, auch Hochäcker oder Ackerhochbeete genannt, entstanden bis ins Mittelalter durch die Verwendung nicht wendbarer Pflugschare. Um das Pfluggespann möglichst selten wenden zu müssen, wurden die Fluren in der Form von Langäckern angelegt. Sie hatten eine Breite von wenigen Metern und Längen von 100 Metern und mehr. Der Bauer zog mit seinem Gespann die erste Furche in der Mitte des Ackers und die folgenden Furchen abwechselnd immer außen anschließend und immer zur Mitte kippend in Form einer großen Spirale.

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Durch langjähriges Pflügen wurde immer mehr Ackerkrume zur Ackermitte verlagert – die Ackermitte wurde erhöht, die Ränder des Ackers vertieft. Dabei wurden Scheitelhöhen bis zu einem Meter erreicht. Der Zweck von Wölbäckern wird kontrovers diskutiert. Als möglicher Hintergrund gelten die Entwässerung feuchter Böden, die Anreicherung von Nährstoffen und Humus, eine sichtbare Grenzziehung sowie die Risikominimierung: In feuchten Jahren wuchs das Getreide in der Ackermitte besser, in trockenen Jahren das Getreide am Rand. H

eutzutage lassen sich Reste von Wölbäckerfluren an vielen Stellen im Grünland oder unter Wald an einer wellenförmigen Geländeausformung erkennen. Wölbäcker in Waldflächen zeigen an, dass der Wald auf brachliegendem Kulturland entstand. Viele Wölbäcker sind unbekannt, da die Kartierung aufwändig ist. Mit Laserscanning von Flugzeugen aus können Wölbäckerfluren neuerdings auch im Wald dokumentiert werden . (tty)

Wüstungen im Kreisteil Hofgeismar

Wüstungen sind von der Bevölkerung verlassene Dorfstellen. Insgesamt sind im Kreisteil Hofgeismar 170 bis 180 Siedlungs- und Wohnplätze nachgewiesen, einschließlich der etwa 60 heute noch bestehenden. 17 wurden schon um das Jahr 500 n. Chr. gegründet. In der Rodungsperiode zwischen 800 und 1300 wuchs die Zahl auf 164. Als die Menschen in die neuen Städte abwanderten, waren um das Jahr 1430 schon 128 wieder verschwunden, darunter das 1317 verlassene Wichmanessen im heutigen Reinhardswald (siehe unten). Seine Lage wurde erst 1995 von Roland Henne entdeckt. (tty)

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