Nach ZDF-Bericht über angeblichen Nazi-Treff

Nach ZDF-Bericht: Gaststätten-Betreiber fühlen sich verunglimpft

Anfeindungen aus der Bevölkerung: Seit dem Fernsehbeitrag schlägt den Betreibern der Scharfen Ecke (früher Scharfes Eck) Misstrauen entgegen. Sie wollen nun Hilfe bei Bürgermeister Fred Dettmar suchen. Foto: Schumann

Reinhardshagen. Nach dem ZDF-Bericht über angeblichen Nazi-Treff: Die heutigen Betreiber des Bistro Scharfe Ecke in Reinhardshagen fühlen sich verunglimpft. Aus der Bevölkerung gebe es Anfeindungen, berichtet das Ehepaar. Dabei betreiben sie das Gasthaus erst seit 2008.

„Es fehlte nur ein kleiner Satz. Aber dieser Satz hätte alles geändert.“ Gaetano Dell’Aquila steht an der Theke seines Bistros und erzählt von der Beklemmung der letzten Tage. Sein Lokal in Reinhardshagen, das Bistro Scharfes Eck (heute umbenannt in Scharfe Ecke), ist seit Dienstag berühmt - in einem Nachrichtenbeitrag des ZDF wurde es als möglicher Treffpunkt zu Beginn der 2000er-Jahre für Neonazis bezeichnet. Das NSU-Mitglied Uwe Mundlos soll hier womöglich zu Gast gewesen sein.

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„Seit der Ausstrahlung gibt es extreme Anfeindungen aus der Bevölkerung gegen uns“, sagt Gaetanos Frau Kathleen. Dabei führen die Dell’Aquilas das Bistro erst seit 2008. „Seitdem habe ich nie einen Nazi bei uns gesehen. Und auch im Ort nicht“, sagt der Betreiber. „Die Leute sehen nur das Bild unserer Gaststätte im Fernsehen. Es fehlte der Satz, dass wir damit nichts am Hut haben.“ Seit der Berichterstattung spürt Kathleen Dell’Aquila, dass sie gemieden wird. „Leute, die mich sonst im Ort grüßen, schauen abschätzig.“ Drohungen habe es aber nicht gegeben.

Dass das Scharfe Eck mit Walter Krawczyk zuvor mindestens einen anderen Betreiber hatte, ist bekannt in der Gemeinde. Doch auch damals, zwischen 1999 und 2002, sei das Lokal kein offenkundiger Treffpunkt für Rechtsradikale gewesen. „Das Lokal war nicht als Szenetreffpunkt für Neonazis bekannt“, sagt Siegfried Lotze, langjähriger Gemeindevorstand in Reinhardshagen.

Zwar hätten sich Motorradclub-Mitglieder der Hells Angels immer wieder in der alten Gaststätte getroffen, „aber dass das Scharfe Eck ein Nazitreffpunkt gewesen sein soll, hat uns alle doch sehr überrascht“, sagt Lotze.

Gleiches sagen auch die jetzigen Betreiber. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Behauptungen über Nazitreffen im früheren Scharfen Eck der Wahrheit entsprechen“, so Dell’Aquila. „Ich hoffe nur, dass alles aufgeklärt wird.“

Das Bistro Scharfe Ecke von außen: Das ZDF zeigte Bilder der Kneipe in seinem Beitrag. Archivfoto: Siebert

Bürgermeister Fred Dettmar zeigte sich am Donnerstagabend erbost über die öffentlich-rechtliche Berichterstattung: „Was die mit der Gemeinde Reinhardshagen machen, hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun“, schimpfte er. Besonders schlimm sei, dass die Reservistenkameradschaft Reinhardshagen in die Sache hineingezogen werde, die für die Gemeinde und die Kriegsgräberfürsorge viel getan habe.

Das jetzige Betreiberehepaar, das sich verunglimpft fühlt, will sich jetzt mit dem Reinhardshäger Bürgermeister in Verbindung setzen. „Wir wollen Vertrauen herstellen und uns Rat holen, was wir nun tun sollen.“

Beim ZDF habe Gaetano Dell’Aquila gestern versucht, eine ergänzende Richtigstellung zu erwirken. „Aber mein Anruf wurde abgewimmelt, irgendwann wurde einfach aufgelegt.“

Von Jan Schumann und Göran Gehlen

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