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Gutachten liegt vor: Atommüll-Zwischenlager in Würgassen nicht notwendig

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Von: Daria Neu, Monika Wüllner

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Der Druck auf die Bundesregierung wird immer größer: Laut Gutachten ist das geplante Atommüll-Zwischenlager in Würgassen nämlich nicht notwendig.
Der Druck auf die Bundesregierung wird immer größer: Laut Gutachten ist das geplante Atommüll-Zwischenlager in Würgassen nämlich nicht notwendig. © Markus Löschner

Der TÜV Nord kommt zu dem Schluss: Das zentrale Bereitstellungslager in Würgassen ist nicht notwendig – und zwar standortunabhängig.

Würgassen – Als Meilenstein bezeichnen die Kritiker des geplanten Atommüll-Zwischenlagers in Würgassen das Ergebnis des Länder-Gutachtens, das am Donnerstag in einer Sondersitzung des Umweltausschusses Niedersachsen verkündet worden ist. In einem mehr als 160 Seiten langen Entwurf kommt TÜV Nord zu dem Schluss: Das zentrale Bereitstellungslager ist nicht notwendig – und zwar standortunabhängig.

Laut Dirk Wilhelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Atomfreies Dreiländereck und Gast der Sondersitzung, ist die Freude in der Region groß: „Das ist ein riesiger Aufschlag.“ Seit Monaten protestieren Bürgerinitiativen, Lokalpolitiker und Privatpersonen gegen das Logistikzentrum unter anderem aufgrund der hohen Belastung durch Transportwege und aufgrund des Gefahrenpotenzials für die Menschen vor Ort.

Das Gutachten, das seinerzeit von den Ländern NRW und Niedersachsen auf den Weg gebracht worden ist, sollte die Frage klären, ob ein Zwischenlager überhaupt nötig ist.

Olaf Lies: Kein Vorteil durch das zentrale Bereitstellungslager

Der niedersächsische Landesumweltminister Olaf Lies verkündete am Donnerstag laut Mitteilung: Die Bewertung unter Einbezug der zurückzulegenden Transportstrecken, der Strahlenbelastung und der Zeit, sowie der Prüfung der generellen Belieferung des Endlagers Konrad bei Salzgitter ergebe sich kein Vorteil durch das zentrale Bereitstellungslager.

Dieses wurde von der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMUV) geplant.

Die Bürgermeister im Dreiländereck zeigen sich erleichtert – auch wenn die endgültige Ausarbeitung und ihre tatsächlichen Konsequenzen noch abzuwarten blieben. Beverungens Bürgermeister Hubertus Grimm sagte auf HNA-Anfrage: „Für uns ist es eine gute Nachricht, wir hoffen, dass das Bundesumweltministerium sich dieses Ergebnis zu Herzen nimmt.“

Erleichterung in Breuna

Sorgen um mögliche atomare Lkw-Transporte hatte sich auch die Gemeinde Breuna, nahe der A 44, gemacht. Breunas Bürgermeister Jens Wiegand nimmt deshalb das Ergebnis des Gutachtens mit Erleichterung auf.

„Das hat schon mal Gewicht und ich hoffe, dass es vom Umweltministerium so auch anerkannt wird“, so Wiegand auf HNA-Nachfrage. Transporte zum Endlager würden dann vermutlich über die A 7 geführt. „Da werden sich andere nicht drüber freuen“, so Wiegand.

Hoffnung: Ist das Bereitstellungslager notwendig?

Nachdem sich die Staatssekretäre Christian Kühn und Stefan Tidow Ende Mai mit dem Standort-Arbeitskreis Würgassen zu einem ausführlichen Austausch in Beverungen getroffen hatten, schöpfte man im Dreiländereck bereits Hoffnung, dass es perspektivisch endlich Antworten auf die Fragen gebe, ob ein zentrales Bereitstellungslager in Würgassen überhaupt notwendig sei.

Bislang seien diese nämlich mehr als lückenhaft gewesen, sagt Dirk Wilhelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Atomfreies Dreiländereck. Nun aber liegt das Ergebnis des Lände-Gutachtens vor. Und das scheint eindeutig: Unter Berücksichtigung aller relevanten Aspekte sei das Bereitstellungslager nicht notwendig. Die Bundesregierung dürfte nun unter Druck geraten.

Gutachten soll bis zum 15. Juli veröffentlicht werden

Der niedersächsische Landesumweltminister Olaf Lies betonte bei seiner Sitzung am Donnerstag, dass das Gutachten Grundlage der zügigen Kommunikation mit dem Bundesumweltministerium werden solle. Zunächst soll eine Nachbereitung in Kooperation mit der Landesregierung NRW stattfinden und das Gutachten bis zum 15. Juli vollumfänglich veröffentlicht werden.

Endlich werde dem Entsorgungsübergangsgesetz von 2017 Rechnung getragen, betonte Wilhelm in seiner Mitteilung. Gegenüber der HNA fügte er an: „Man hat ein gigantisches Bundeszwischenlager unter dem Deckmantel der Logistik verkaufen wollen – das ist zum Glück gescheitert.“

Das Gesetz sehe die mögliche Errichtung des Bereitstellungslagers nach Abwägung von Kosten, Risiken und Nutzen vor. Aber: Nur wenn es sich im Vergleich zur dezentralen Anlieferung an das Endlager als vorteilhaft erweisen sollte, sei das Bereitstellungslager zu errichten. Dies sei jedoch nicht der Fall.

Bürgermeister nehmen Stellung

„Das aktuelle Gutachten attestiert dem ehemaligen Bundesumweltministerium eine fehlgeleitete Arbeit in puncto Atommüllentsorgung“, heißt es in der Mitteilung der Bürgerinitiative. Akzeptanz bedinge unweigerlich Transparenz und nachvollziehbare Entscheidungsfindungen unter der Beteiligung der betroffenen Menschen.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung nehmen auch die Bürgermeister der umliegenden Kommunen Stellung zu dem Ergebnis des Gutachtens. Von Marcus Dittrich aus Bad Karlshafen, Martin Lange aus Trendelburg, Tino Wenkel aus Boffzen (Niedersachsen) und Hubertus Grimm aus Beverungen (NRW) machen darin deutlich, dass sie das Gutachten „mit Freude zur Kenntnis genommen“ hätten.

Gutachten müssen nun einzeln ausgewertet werden

„Leider kennen wir bisher nur das Ergebnis, dass ein zentrales Bereitstellungslager nicht benötigt wird“, heißt es. Einen Einblick habe man noch nicht bekommen, als hauptbetroffene Kommunen bitte man um Details.

„Im Logistikstandort Deutschland muss es möglich sein, mithilfe intelligenter Lösungen eine dezentrale Anlieferung an den Schacht Konrad so zu organisieren, dass die dortigen Erfordernisse erfüllt werden“, da sind sich die Rathauschefs einig.

Nun gelte es, das Gutachten im Einzelnen auszuwerten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Eigentlich hätte ein solches Gutachten am Anfang des Prozesses stehen und vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben werden müssen, finden die Bürgermeister. (Daria Neu und Monika Wüllner)

Statement der BGZ

Die BGZ kenne das Gutachten nicht. „Unseres Wissens liegt auch noch keine finale Version vor. Die vom niedersächsischen Umweltminister getroffene Aussage, der Betrieb des Endlagers Konrad sei ohne Logistikzentrum Konrad (Lok) möglich, ist nicht überraschend, auf dieser Aussage basiert bereits der Planfeststellungsbeschluss für das Endlager“, heißt es in der Mitteilung. Auch die BGZ habe immer deutlich gemacht, dass eine Belieferung des Endlagers ohne LoK möglich ist. Es sei jedoch nur mit dem LoK möglich, einen störungsfreien Einlagerungsbetrieb mit passgenauen Chargen just in time abzusichern und die Einlagerungszeit in einem Mehrschichtbetrieb um zehn Jahre zu verkürzen. Dies sei nicht nur ein Sicherheitsgewinn für uns alle, es stelle auch eine zügige Leerung von Zwischenlagern an mehr als 30 Standorten in Deutschland sicher. „Ohne das LoK werden diese Zwischenlagerstandorte – auch in Niedersachsen - deutlich länger in Betrieb bleiben müssen als notwendig“, heißt es weiter.

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