Dem Tod nur knapp entronnen

Mann erkrankt schwer an Covid und kämpft sich zurück ins Leben - „Er lief schon leicht blau an“

Nach Corona: Karl-Klaus Thöne aus Grebenstein, hier mit Frau Ilona, erhielt zahlreiche Genesungswünsche. Am meisten freute er sich über eine Zeichnung seiner Tochter Kim-Leoni, die ihn als Eiche darstellt. Die Blumen symbolisieren Kinder und Enkel.
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Nach Corona: Karl-Klaus Thöne aus Grebenstein, hier mit Frau Ilona, erhielt zahlreiche Genesungswünsche. Am meisten freute er sich über eine Zeichnung seiner Tochter Kim-Leoni, die ihn als Eiche darstellt. Die Blumen symbolisieren Kinder und Enkel.

Ein 63-jähriger Mann aus Grebenstein im Kreis Kassel erkrankte schwer an Corona. Sein Leben hat sich dadurch nun radikal geändert. 

Grebenstein – Karl-Klaus Thöne ist dankbar. Der 63-jährige Mann aus Grebenstein im Kreis Kassel hat Covid überlebt. Nach zweiwöchigem Koma und nach Komplikationen kämpft er sich zurück ins Leben. In ein Leben, das nach der Genesung aber nicht mehr so sein wird, wie es vorher war.

Vorher, das war bis Anfang dieses Jahres. Da war der KKT, wie er von vielen genannt wird, auf vielen Feldern aktiv. Er, der Finanzbuchhalter, war in Sachen Geld der Fachmann der SPD-Fraktion im Stadtparlament. Als Zeitnehmer im Handball war er oft bei der MT Melsungen, aber auch bei internationalen Spielen, im Einsatz. Auch bei der SHG Hofgeismar/Grebenstein war er engagiert. Keine Frage: Das Wort des 130-Kilo-Mannes hatte Gewicht.

Mann aus dem Kreis Kassel erkrankt an Corona - „hätte nie gedacht, dass das Virus so gefährlich ist“

Jetzt ist er kaum wiederzuerkennen. In kurzer Zeit hat er 30 Kilo abgenommen, seine Stimme ist brüchig, sein Gang langsam. „Aber ich lebe“, sagt er. Und wenngleich die Erkrankung körperlichen Tribut forderte, so blieb er mental der Alte. „Ich hätte nie geglaubt, dass das Virus so gefährlich ist“, blickt er zurück. Von der Krankheit zu hören oder über sie zu lesen sei das Eine. Sie zu erleben etwas ganz Anderes. Wenn er von Corona-Leugnern hört, kann er nur den Kopf schütteln. Die vergangenen fünf Monate zeigten ihm, was die Erkrankung bedeutet.

Anfang Januar spürte Thöne leichte Symptome einer Erkrankung. Größere Sorgen machte er sich noch nicht. Im Winter kann man sich ja mal erkälten. Doch in den Folgetagen wurde es schlimmer. Weil er immer schlechter Luft bekam, rief seine Frau Ilona nach einigen Tagen den Arzt. „Er lief schon leicht blau an“, erinnert sie sich. Aus eigener Kraft das Haus verlassen konnte Thöne zu dieser Zeit nicht mehr.

Vor Corona: Karl-Klaus Thöne fungierte in seiner Freizeit als Zeitnehmer bei Handballspielen.

Zwei Wochen im Koma: Mann aus Grebenstein (Kreis Kassel) bekommt Corona-Diagnose

Als die Rettungssanitäter in seiner Wohnung eintrafen, stellten sie akuten Sauerstoffmangel fest. 48 Prozent, sagte das Messgerät. Knappe 100 sind normal. Er wurde mit Sauerstoff versorgt und sollte mit einer Trage zum Krankenwagen gebracht werden. Doch das Treppenhaus war zu eng und selbst konnte er nicht mehr gehen. Die Feuerwehr wurde gerufen und holte ihn über das Fenster im ersten Stock nach draußen. Kurze Zeit später war er in der Klinik.

In der Lungenfachklinik Immenhausen wurde diagnostiziert, dass Thöne sich mit dem Corona-Virus infiziert hatte. Eine Lungenentzündung verschlimmerte die Diagnose. Dann ging es schnell. Thöne: „Ich wurde über die Behandlung aufgeklärt. Ich sagte ja. Das weiß ich noch. Dann wurde ich schon ins Koma versetzt.“ Dass sich auch seine Frau infiziert hatte, erfuhr er nicht mehr. Auch dass er an ein Beatmungsgerät angeschlossen wurde, bekam er erst zwei Wochen später mit, als er langsam aus dem Koma geholt wurde. Auch die positiven Nachrichten erhielt er erst später: dass der Krankheitsverlauf bei seiner Frau milder und keines seiner drei Kindern erkrankt war.

„Da geht man durch die Hölle“ - 63-Jähriger aus Grebenstein kämpft mit Corona-Folgen

Auch den Kampf der Ärzte bekam er nur am Rande mit. Nach zwei Wochen am Beatmungsgerät sollte Thöne wieder eigenständig atmen. Es klappte, aber doch nicht so ganz problemlos. Ein Luftröhrenschnitt sollte erfolgen. Der Facharzt war schon auf dem Weg zu ihm, da gab es Entwarnung. „Der Kelch ist an mir vorbeigegangen“, sagt Thöne erleichtert. Überm Berg war er aber noch nicht.

Für Ehefrau Ilona waren diese zwei Wochen die wohl schlimmsten in ihrem Leben. Sie war in Quarantäne. Alleine in der Wohnung. Einerseits hofft man, so erzählt sie, dass man gute Nachrichten aus der Klinik erhält, andererseits zucke man beim Klingeln des Telefons mit dem Gedanken „hoffentlich ist nichts passiert“ zusammen. Thöne: „Da geht man durch die Hölle.“

„Ein Magengeschwür ist aufgegangen und Magenblutungen waren die Folge“, schildert Karl-Klaus Thöne Teil zwei seiner Krankheitsgeschichte. Er wurde nach Hofgeismar verlegt, auch dort wurde er wieder kurzzeitig ins Koma versetzt. „In Hofgeismar haben sie es glücklicherweise wieder schnell hingekriegt“, blickt Thöne zurück auf den Januar, der sein Leben veränderte.

Kreis Kassel: 63-Jähriger bleibt nach Corona-Erkrankung motiviert und zuversichtlich

Geholfen habe ihn in all der Zeit, dass er geistig fit geblieben sei. Er habe sich motiviert, habe sich gesagt, dass er wieder laufen lernen, dass er zum runden Geburtstag seiner Frau im März wieder zu Hause sein und dass er wieder eigenständig leben wolle. Dass seine Stimmbänder durch die lange künstliche Beatmung Schaden nahmen und dass seine Schulter durch die Lagerung lädiert wurde, sei Nebensache, im Vergleich dazu, dass er überlebt habe.

Seine Motivation setzte Thöne dann in Erfolge um. Nach gut einer Woche konnte er das Bett verlassen und erste Schritte mit einem Rollator machen. Es folgte eine dreiwöchige Reha. Nach zehn Tagen konnte er dort ohne Gehhilfen 300 Meter gehen. „Das war Willenssache. Ich wollte unbedingt so fit werden, dass ich nach Hause kann.“ Der Kampf lohnte sich, Mitte März kam er nach Hause – pünktlich zum Geburtstag seiner Frau.

Nach Corona-Infektion: Mann aus Grebenstein erleidet Rückschlag - und dankt dem Pflegepersonal

Überstanden hatte er die Covid-Folgen aber damit noch nicht. Die Erkrankung schlug auf die inneren Organe durch, die Galle musste ihm entfernt werden. Wieder Krankenhaus, wieder Intensivstation. In dieser einen Nacht auf der Intensivstation in Hofgeismar erlebte er dann hautnah, wie dort das Personal arbeitet: „Das kann man sich nicht vorstellen. Die Schwestern und Pfleger hatten während der gesamten Nachtschicht keine Sekunde Zeit, sich einmal für eine Sekunde hinzusetzen. Das glaubt man nicht, aber das ist so“, sagt Thöne. Das für ihn Überraschende dabei: „Die waren immer höflich und nie genervt.“

Den Galleneingriff in Hofgeismar hat Thöne gut überstanden. Seit einiger Zeit ist er zu Hause. „Treppen steigen geht wieder“, sagt er erfreut, und auch in die Stadt könne er jetzt wieder ohne Begleitung gehen. Nur alles dauere halt ein wenig länger als sonst.

Dass er in den Kliniken in Hofgeismar und Immenhausen fachlich hervorragend und menschlich warmherzig behandelt wurde, rührt Thöne noch heute. Natürlich fuhr er, nachdem er zu Hause war, noch einmal in die Klinik um sich beim Pflegepersonal zu bedanken. Unter anderem mit einer Schachtel „Merci“, das Wort Merci (frz. danke) schien im passend. Als er in Immenhausen war, traf er auch den Chefarzt der Lungenfachklinik, Prof. Stefan Andreas. Mit den Worten „Sie sind dem Tod nur ganz knapp entkommen“ hat er Thöne begrüßt. Und Thöne weiß, dass diese Worte nicht zuletzt Anerkennung für seinen Kampfeswillen waren. Von Michael Rieß

In Habichtswald (Kreis Kassel) kämpft eine fünfköpfige Familie nach einer Corona-Infektion noch immer mit den Folgen.

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