Begrüßung für den Ex-Feind

Grebensteins Turmwächter Wolf Gebhardt haucht der Stadtführung Leben ein

+
Akustische Begrüßung: Mit einem Horn heißt Grebensteins Turmwächter Wolf Gebhardt die Gäste seiner Stadtführung, hier die Hofgeismarer Herzsportgruppe der TSG, willkommen. 

Grebenstein. „Sieben, fünf, drei – Rom schlüpft aus dem Ei“ – wer kennt die Sprüche nicht, die einst im Geschichtsunterricht das tröge Auswendiglernen von Jahreszahlen erleichterte.

Wer in die Grebensteiner Geschichte eintaucht und eine Stadtführung mit Turmwächter Wolf Gebhardt macht, erfährt zwar auch einige Jahreszahlen, doch ebenso wie bei Führungen in anderen Städten wie Hofgeismar, stehen nicht Zahlen im Vordergrund, die die meisten Teilnehmer schon am Ende einer Führung nicht mehr wissen. Vielmehr wird ein Gefühl für die Stadt gefördert, untermauert mit geschichtlichen Fakten, die sogar manch Einheimischem neu sind oder mit Anekdoten, die ohnehin für sich sprechen und dem Zuhörer in Erinnerung bleiben.

Jetzt hatte Gebhardt wieder eine extra Führung, nachgefragt von der Herzsportgruppe der TSG Hofgeismar. Als er die rund 50 Gäste begrüßte, warb er für die Stadt, schilderte ihre Infrastruktur und wies darauf hin, dass Bistro und Eisdiele anschließend gerne Gäste bewirten.

Die Hofgeismarer, auch das erfuhren sie während der Stadtführung, waren in Grebenstein nicht immer so gerne gesehen. „Grebenstein war immer hessisch“, erzählt der Turmwächter. Anders als Hofgeismar. Das gehörte zu Mainz. Das Mainzer Rad im Wappen von Hofgeismar zeugt noch heute davon. Und eine der Aufgaben des Turmwächters früher war es, das Anrücken des Feindes aus Richtung Hofgeismar lautstark kundzutun.

Turmwächter Grebenstein Wolf Gebhardt bei einer Führung mit der Hofgeismarer Herzsportgruppe.

Von der Feindschaft ist heute nichts mehr zu spüren. Zu sehen ist nur noch ein Großteil der Stadtmauer. „Die war früher sechs Meter hoch, heute sind es noch drei“, erklärt Gebhardt. Dass Grebenstein im Vergleich zum nördlichen Nachbarn an politischer Bedeutung verlor, wurde 1821 zementiert: Der Landkreis Hofgeismar wurde gegründet.

Zeugnisse dafür, dass die Grebensteiner schon immer Hessen waren, gibt es hingegen genug. In der Stadtkirche beispielsweise zeigt der Endstein eines Spitzbogens den Hessenlöwen. Und das Grebensteiner Wappen über dem Eingang des Rathauses zeigt den Heiligen Georg, wie er einen Drachen besiegt. „Georg war mutig, und das Wappen war wohl eine Art Tapferkeitsmedaille für die Einwohner der Festungsstadt Grebenstein wegen ihres Einsatzes im Kampf gegen die Mainzer“, mutmaßt Gebhardt.

Und natürlich erzählt er auch etwas über den Turmwächter, dessen Kostüm der Stadtführer von Grebenstein trägt. Über seine Aufgaben (Feindessichtung, Uhrzeit kundtun, Brände melden) und auch manch Fehler, der einem seiner Vorfahren wohl einst unterlief, als sein Domizil im Turm der Stadtkirche abbrannte. Gebhardt: „Den Grund wissen wir nicht, aber vielleicht war es Rosenmontag.“

Info: Die nächste Stadtführung in Grebenstein ist am Sonntag, 12. August, 14.30 Uhr; Treffpunkt Rathaustreppe. Zusätzliche Stadtführungen können auch abgesprochen werden mit Wolf Gebhardt, 05674/6424.

Übersicht über Stadt- und Naturführungen in der Region: www.reinhardwald.de

Zur Person

Wolf Gebhardt (75) ist seit ungefähr 15 Jahren als Turmwächter Stadtführer in Grebenstein. Gebhardt kommt aus Stammen und wohnt seit 1952 in Grebenstein. Der zweifache Familienvater ist gelernter Bankkaufmann und arbeitete zuletzt als Prokurist bei der Landeskreditkasse (Landesbank) in Kassel. 

Als ein Nachfolger für den früheren Stadtführer Karl Wolff gesucht wurde, war Gebhardt Mitglied eines Arbeitskreises, der sich damit beschäftigte, welche Projekte in der Stadt umgesetzt werden könnten. Nachdem er bei einem Besuch in der Heimat seines Vaters, Bautzen, auf eine Türmerin als Stadtführerin stieß, schlug Gebhardt vor, einen Turmwächter in Grebenstein zu installieren. Als sich niemand fand, übernahm er die Rolle, machte eine Schulung des Landkreises mit und begleitete zunächst Wolff. Alle zwei Monate bietet er turnusgemäß eine Führung an, zu der im Schnitt ein Dutzend Menschen kommen.

Schon gewusst?

• Der Grebensteiner Jungfernturm hat nichts mit Jungfrauen zu tun. Während in anderen Städten, in denen es gleichnamige Türme gibt, der Turm teils genutzt wurde, um junge Frauen, an deren „Tugend“ gezweifelt wurde, im heiratsfähigen Alter bis zu ihrer Hochzeit zu kontrollieren, kommt der Name des Grebensteiner Turms von der Wetterfahne. Sie hatte die Form einer Meerjungfrau. 

• Die Grebensteiner Stadtkirche ist seit der Reformation evangelisch. Davor war das katholische Gotteshaus als Liebfrauenkirche der Muttergottes Maria geweiht. 

• In Grebenstein gibt es keine Bauern mehr. Um 1900 verdienten 80 Prozent der Grebensteiner ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Heute sind es noch zwei Prozent. Deren Höfe liegen außerhalb der Kernstadt. 

• Die Grebensteiner Straßennamen sind manchmal ausgefallen. In der Unterstadt gibt es die Höpperstraße oder eine Straße namens Storch. Sie sind ein Zeugnis dafür, dass hier bevor die Oberstadt erweitert wurde, ein Sumpfgebiet war. Störche fanden hier Nahrung. Höpper, also Frösche, tummelten sich hier. 

• Der Grebensteiner Turmwächter zieht die Gäste nicht nur durch sein Wissen und seine Worte in seinen Bann, sondern er bringt während der Führung auch manch Lied zu Gehör, das mit dem Namen Grebenstein zu tun hat. Er kann singen: Er gehört auch dem örtlichen Männerchor an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.