Menschen ohne Haare helfen

HNA-Volontärin Kira Müller spendet Haare für guten Zweck

Besprechung vor der Haarspende: Tanja Hölker schneidet Kira Müllers Haare, die sie für einen guten Zweck hergibt.
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Besprechung vor der Haarspende: Tanja Hölker ist seit 34 Jahren Friseurin und schneidet Kira Müllers Haare, die sie für einen guten Zweck hergibt.

Die Volontärin der HNA Kira Müller hat sich ihren Zopf abschneiden lassen. Die Haare sollen für einen guten Zweck eingesetzt werden.

Grebenstein – Schnipp, schnapp, Haare ab. So schnell wie dieser Satz ausgesprochen ist, sind meine Haare auch schon ganze 36 Zentimeter kürzer. Auch wenn ich mich seit zwei Jahren auf diesen Moment vorbereitet habe, ist es ein komisches Gefühl, meine Haare an einen fremden Menschen abzugeben.

Im Friseursalon Hair Creative Team in Grebenstein kommen nicht viele Menschen zum Haare spenden: „Ab und zu kommt schon mal jemand, aber in den letzten Jahren war es eine Handvoll“, erklärt Inhaberin Alex Beck-Kuhl.

Ich bin eine davon. Mir wurde oft gesagt, wie schön und dick meine Haare wären. Von Freunden, der Familie, selbst von Personen, die ich gar nicht kannte. Schnell war da klar, dass ich meine Haare gerne mit jemandem teilen möchte, der nicht so viel Glück hat wie ich. Und von da an ließ ich sie wachsen. Jetzt – gut zwei Jahre später – stehe ich vor dem Eingang des Friseurs und bin bereit meine Haare abzugeben.

Haare gehen an Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten

Nachdem ich die schwere, hölzerne Eingangstür geöffnet habe, kommt mir auch schon der typische Friseursalonduft entgegen – eine Mischung aus Haarspray und Shampoo. Nachdem ich eine schwarze Wendeltreppe hochgegangen und die Türklingel gedrückt habe, werde ich hereingelassen und stehe mitten im Geschehen. Ein großer Raum. Weiße Waschbecken, viele Flaschen mit Shampoo, Conditioner stehen im Raum verteilt. Sieben weiße Lederstühle, drei besetzt, und drei Mitarbeiterinnen, die Scheren und Lockenwickler schwingen.

„Guten Tag“, höre ich eine fröhliche Stimme. Sie kommt von einer jungen Frau mit langen blonden Haaren, die ihr bis zur Hüfte reichen. Die Auszubildende, wie ich erfahre. Sie nimmt mir meinen schwarzen Mantel ab und hängt ihn an die Garderobe. Anschließend folge ich ihr und nehme auf einem der Friseurstühle Platz.

Nach Rücksprache mit Alex Beck-Kuhl habe ich entschieden, wo ich meine Haare hinschicken möchte: an den Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten (BVZ). Dieser wurde gegründet, um Betroffene über Haarausfall, Glatzenbildung, Toupets, Perücken, Haarersatz und deren Möglichkeiten zu informieren.

Da Beck-Kuhl schon im Friseursalon ihrer Mutter mit dem Thema Haarersatz konfrontiert wurde, eiferte sie ihrer Mutter nach und machte auch ihren Friseurladen in Grebenstein zu einem anerkannten Zweithaar-Friseursalon. „Dafür brauche ich einen extra Raum, in dem die Kunden ihre Ruhe haben können“, erklärt die Inhaberin. „Aber ich habe es so erlebt, dass ein Großteil der Personen mit Zweithaar lieber im Laden, mitten im Geschehen, ist“, sagt sie weiter.

Die Haare kommen ab

Tanja Hölker ist seit 34 Jahren im Beruf tätig und heute meine Friseurin. Ihre dunklen Locken wippen, als sie sich auf den Hocker hinter mir setzt und mich im Spiegel anschaut. Wir sprechen kurz über das, was heute gemacht werden soll: 25 Zentimeter an Haar müssen mindesten ab, noch besser wären 30. Ganz kurz sollen sie aber nicht werden – knapp über die Schulter, das fänd ich gut.

Als sie aufsteht und das Messband holt, muss ich schlucken. Jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Schon zuhause habe ich ein paar mal gemessen. Ich spüre ihre Finger zwischen meinen Schulterblättern. „Wenn ich bis hier hin abschneide, sind es 36 Zentimeter“, sagt sie und lächelt. Das läuft ja besser als gedacht. „So lang sind meine Haare?“, murmel ich vor mich hin. Tanja Hölker scheint es gehört zu haben und misst, nur so zum Spaß, vom Haaransatz bis zu den Spitzen. „70 Zentimeter“, verkündet sie.

Zwei Jahre hat Kira Müller ihre Haare wachsen lassen: Jetzt sind sie ab.

Nachdem sie meine Haare zu einem Zopf gebunden hat, setzt sie die Schere knapp über dem Haargummi an und keine fünf Sekunden später hält sie einen langen Pferdeschwanz in die Höhe. Sie lächelt. „Und wie fühlst du dich?“, fragt sie. „Sehr gut“, sage ich. Mein Kopf fühlt sich viel leichter an und das Glücksgefühl, dass jemand meine Haare tragen wird, übertrumpft alles. Alex Beck-Kuhl nimmt die Haare, flechtet sie zu einem Zopf zusammen und legt sie auf die Heizung, denn sie müssen durchgetrocknet sein, bevor sie verschickt werden können und verarbeitet werden.

Haare werden nach Asien geschickt

Zur Verarbeitung werden die Haare nach Asien geschickt, denn dort werden die Perücken größtenteils hergestellt. 95 Prozent der Haare für Echthaarperücken stammen aus asiatischen Ländern. Durch Corona gibt es zurzeit sowohl bei der Lieferung der Haare nach Asien, als auch bei der Lieferung der fertigen Perücken zurück nach Deutschland Probleme und steigende Kosten.

Die Anfertigung und Lieferzeit kann also viele Monate in Anspruch nehmen. Dadurch bekommen meist Menschen mit der Immunkrankheit Alopecia areata (Kreisrunder Haarausfall) Echthaarperücken. Frauen und Männer, die an Krebs erkrankt sind und ihnen, aufgrund der Chemo-Behandlung, die Haare ausfallen, greifen oft auf synthetische Haare zurück. „Meist ist die Kopfhaut aber so empfindlich, dass viele Krebspatienten gar keine Perücken tragen wollen“, erklärt Ramona Rausch, Geschäftsführerin des BVZ.

Meine Haare können jetzt gesund weiter wachsen und in zwei Jahren werden sie wieder so lang sein, wie vor meinem Besuch beim Friseur in Grebenstein. Und mal ehrlich: Was sind schon zwei Jahre, wenn man ein ganzes Leben von jemandem verändern und ein kleines bisschen schöner machen kann? (Kira Müller)

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