350 Jahre alte Prunkstücke des Gotteshauses befallen

In Grebensteiner Stadtkirche ist der Holzwurm drin

Die Kirche in Grebenstein von außen.
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In der Grebensteiner Kirche haben es sich die Holzwürmer gemütlich gemacht.

Die Grebensteiner Stadtkirche hat mehr Besucher, als Pfarrerin Ulrike Bundschuh lieb ist. Denn die Gäste kommen nicht zum Gebet oder zu Gottesdiensten, sondern sind Dauerbewohner.

Grebenstein - Sie zerstören das Interieur der im 14. Jahrhundert gebauten Kirche. Nahezu alle Holzteile in der Kirche sind vom Holzwurm befallen. „Nur die Orgel, die vor einigen Jahren restauriert wurde, ist nicht betroffen“, sagt Pfarrerin Bundschuh. Jetzt will man dem gefräßigen Hausbock zu Leibe rücken.

Seit der Renovierung der Orgel wird diese regelmäßig untersucht. Bei einer dieser Untersuchungen wurde über die Gefahr des Holzwurms gesprochen. Daraufhin wurde die hölzerne Einrichtung, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war alles andere als erfreulich: Empore, Kirchenbänke, Kanzel, Lesepult – alle Holzteile in der Kirche waren von dem Befall betroffen.

Pfarrerin Bundschuh schaltete staatliche und kirchliche Stellen ein. Die erste Resonanz macht ihr durchaus Mut, dass es beträchtliche finanzielle Hilfen für die Sanierung geben wird. Die Kosten für ein Gutachten, das die einzelnen Schäden genau auflistet, wurden vom Amt für Denkmalpflege übernommen. Und auch die Sanierung von drei Einzelstücken, unter anderem die vor dem Altar stehende Ersatzkanzel aus dem Jahr 1638, wurden von der Denkmalpflege übernommen.

Kampf dem Holzwurm: Restauratorin Beate Demolt zeigt den Helferinnen Ulla Tauche und Renate Müller (rechts) wie man mit Klebebändern dem Holzwurm auf die Spur kommt.

Doch das ist, sieht man die Vielzahl der Holzteile in der Kirche, nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Wie teuer die Sanierung sein wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Im Gutachten ist von einer Summe zwischen 60.000 und 300.000 Euro die Rede. Sie werden auch davon abhängen, wie viel ehrenamtliche Arbeit die Kirchengemeinde in ihr Gotteshaus investieren kann. Bundschuh bat die evangelischen Christen, doch zu helfen. Zum ersten Treffen kamen etwa zehn Grebensteiner.

Diplom Restauratorin Beate Demolt erläuterte dabei das weitere Vorgehen. Grundsätzlich gebe es drei Möglichkeiten den Holzwurm zu bekämpfen. Hitze (das scheidet in der Kirche bei den schön verzierten Holzteilen aus), Gas (die Kirche wird verhüllt und mit Gas gefüllt, sodass der Sauerstoff entweicht; das Verfahren ist derzeit verboten) und Schädlingsvernichtungsmittel.

Hunger auf Holz: Die Larve des Hausbocks (Foto) ist etwa so groß wie ein 10-Cent-Stück und vertilgt im Lauf ihres Lebens vor der Verpuppung eine Holzmenge, die in eine Espressotasse passt. In einem befallenen Gebäude können etliche tausende Tiere aktiv sein.

Bei Letzterem werden Tropfen des Mittels in die Löcher geträufelt. Die Flüssigkeit enthalte Stoffe, wie sie auch die Anti-Läuse-Mittel enthalten. Es enthalte also Giftstoffe. Da die Kirche aber ein großes Raumvolumen habe, sei die Konzentration in der Luft nicht unverantwortlich hoch. Und beim Auftragen der Flüssigkeit trage man Schutzmasken, um die Gesundheitsgefahr zu minimieren.

Etwa zehn Grebensteiner kamen zu der Einweisung. Loslegen konnten sie noch nicht. Aufgrund der Coronapandemie gibt es Lieferengpässe bei den Schutzanzügen, die die Helfer ebenfalls tragen sollen; nicht zuletzt, um ihre Kleidung zu schützen. Der Befall durch den Holzwurm ist übrigens sehr unterschiedlich. Manche Teile weisen nur wenige Löcher auf, andere, beispielsweise die unteren Teile des Altargestühls sind so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie wohl nur ersetzt werden können, befürchtet Demolt.

Übersäht mit Löchern: In der Ersatzkanzel aus dem Jahr 1638 sind die Spuren des Holzwurms nicht zu übersehen.

Der Kampf gegen den Hausbock ist also nötig, um das Interieur dauerhaft zu retten. Verdient hat es die Grebensteiner Kirche. Sie zählt zu den wenigen Kirchen Nordhessens, deren Innenausstattung nahezu komplett in den Zeitraum Mitte des 17. Jahrhunderts fällt. „Das ist schon selten“, sagt Demolt. „Man muss sich das vorstellen“, ergänzt Bundschuh, „da ist man 1638 mitten im Krieg, man weiß nicht, wie lange er noch dauert – und dann finden sich zwei Grebensteiner Handwerker und gestalten diese wunderschöne Ersatzkanzel.“

Zehn Jahre dauerte damals der 30-jährige Krieg noch. Auch die Sanierung der Kirche wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen, wenngleich Bundschuh hofft, dass es nicht eine ganze Dekade ist. Aber: „Einige Jahre wird es dauern.“ (Michael Rieß)

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