Vorräte anlegen

Lieferketten für Bauunternehmen nicht mehr so zuverlässig

Genügend Rohre: Auf Vorrat kaufte Bauunternehmer Kord Kayser in diesem Jahr Kunststoffrohre. Einer möglichen Materialknappheit hat er so ein Schnippchen geschlagen.
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Genügend Rohre: Auf Vorrat kaufte Bauunternehmer Kord Kayser in diesem Jahr Kunststoffrohre. Einer möglichen Materialknappheit hat er so ein Schnippchen geschlagen.

Knappe Rohstoffe, unterbrochene Lieferketten, teilweise schwer kalkulierbare Preise – das Bauhandwerk hat derzeit mit Problemen zu tun, die es jahrzehntelang nicht gab.

Grebenstein - Kord Kayser (45) kennt das Baugewerbe seit seiner Kindheit. Sein Opa gründete den Betrieb 1947, sein Vater Bernd führte ihn fort, und seit inzwischen einem Vierteljahrhundert ist auch er im Betrieb. Doch einen solchen Wandel, wie in den vergangenen zwei Jahren, hat es bislang nicht gegeben.

Kayser nennt ein einfaches Beispiel. „Wenn früher Baumaterial gebraucht wurde, griff ich zum Telefonhörer, rief den Lieferanten an und sagte: Morgen hätte ich es gerne.“ Die Zeiten sind vorbei. „Heute sage ich: Ist es möglich, dass wir es in zwei Wochen bekommen.“

Lieferketten

Die Coronapandemie und die weltweit voneinander abhängigen Lieferketten zwingen die Unternehmen dazu, umzudenken. Die Folge: „Ich habe im Hof einen großen Vorrat an Kunststoffrohren“, sagt Kayser. Für ein Einfamilienhaus benötigt man im Schnitt um die 100 Meter. 5000 Meter hat er auf Vorrat gekauft. Dass dadurch Kapital gebunden ist, ist aus Kaysers Sicht nicht schlimm: „Eine höhre Verzinsung bietet keine Bank.“ Denn die Preise für Kunststoff stiegen, wie bei vielen anderen Baumaterialien in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich stark.

Mangel an Rohstoff

Dass inzwischen nicht nur bei Lieferketten, sondern auch bei der Produktion von Baumaterialien die Wirtschaft eng verzahnt ist und dass das Räderwerk nicht auf eine Nation begrenzt ist, erhöht die Anfälligkeit. Der Befall von Wäldern in Kanada auf den Holzpreis in Deutschland ist dabei nur ein Beispiel. Ein anderes, das mit der Pandemie zu tun hat, zeigt sich bei der Verfügbarkeit von Dämmstoffen. Weil der Flugverkehr vergangenes Jahr zeitweise zum Erliegen kam, gab es hier Probleme. Der Grund: Abfallprodukte des Kerosins werden bei der Produktion von Dämmstoffen benötigt. Keine Flüge, kein Kerosinverbrauch, Mangel beim Dämmstoff, fasst Kayser das Problem kurz zusammen.

Lange Wege

Beim Stahl sieht er im Sommer ähnliche Probleme auf die Bauwirtschaft zukommen. Wegen der hohen Energiekosten in Deutschland wird auf dem Bau Stahl aus Italien und Frankreich eingesetzt. „Dort sind die Werke während des Sommers teilweise monatelang geschlossen“, sagt Kayser. Kurzfristige Bestellungen sind dann kaum möglich.

Die Marktsituation hat auch den Arbeitsalltag in der Baubranche verändert. Früher, sagt Kayser, war das Verhältnis zwischen seiner Architektentätigkeit und den organisatorischen Aufgaben 75:25. „Das hat sich jetzt total umgedreht: 75 Prozent Logistik, 25 Prozent Architekt“, meint der Chef des 20 Mitarbeiter zählenden Betriebs.

Preisschwankungen

Auch für die Kunden hat sich manches geändert. Bei einigen Gewerken sind die Preisschwankungen so stark, dass Bauunternehmen teils dazu übergingen, keinen Festbetrag mehr zu nennen, sondern den dann gültigen Einkaufspreis in den Vertrag eintragen. Auf Konventionalstrafen bei Industrie- oder Gewebebauten wenn der Zeitplan nicht eingehalten werden kann, lässt sich eh kaum noch ein Bauunternehmer ein. „Bei der Unsicherheit mit den Lieferketten würde das an wirtschaftlichen Selbstmord grenzen“, sagt Kayser.

Dabei haben die Traditionsunternehmen, die schon jahrelang vor Ort sind, einen deutlichen Vorteil gegenüber ortsfremden Firmen. Sie haben ein gutes Netzwerk, gute Kontakt zu heimischen Handwerkern und helfen sich auch gegenseitig einmal aus, wenn Not am Material ist. So können sie im Regelfall die Zeit- und Preiskorridore, die vereinbart wurden, auch halten.

„Vertrag ist Vertrag“ sagt denn auch Nadine Hofmeyer, Marketingleiterin bei Sander Haus in Hofgeismar. Das Unternehmen, das mit zu den führenden Unternehmen im Sektor Holzhaus in der Region zählt, hat sich seinen guten Ruf in den sieben Jahrzehnten seines Bestehens durch Zuverlässigkeit erworben. Nachträglich einen zugesagten Preis zu ändern, wäre unseriös, sagt Hofmeyer. Allerdings schlägt die explosionsartige Steigerung der Holzpreise natürlich bei den neuen Angeboten durch. Um gut zehn Prozent würden die Preise wohl steigen, sagt die Fachfrau.

Mitarbeiter

Das größte Problem neben Kosten und zeitweiliger Materialknappheit sehen beide Unternehmen allerdings im Personalnotstand. „Handwerk hat heute mehr denn je goldenen Boden“, sagt Kayser und ermuntert junge Leute, ein Handwerk zu erlernen. Viele Jugendliche würden ein Studium präferieren oder „glauben auf Youtube“ zum Star zu werden, hat Hofmeyer beobachtet. Dabei sei gerade das Handwerk sicher, bodenständig und zukunftssicher.

Nur für Kopfschütteln sorgt deshalb ein Fall, den Kayser kürzlich erlebte. Er erzählt von einem jungen Auszubildenden, der die Kündigung einreichte und dies mit den Worten begründete: „Ich mache jetzt auf Bitcoins.“ Ob der Handel mit der virtuellen Währung den Mann dauerhaft ernähren kann, bezweifelt Kayser. Das Handwerk könnte es aber auf jeden Fall. (Michael Rieß)

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