Hymnen der Heimat

Warm ums Herz: Die Kastelruther Spatzen beim Hessentag

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Hofgeismar. Ein Stimmung zum Mitsingen, Klatschen und Schunkeln: Die Kastelruther Spatzen brachten Freitagabend das Festzelt auf dem Hessentag in Wallung. Das allerdings war halbleer.

Adler statt Hessenlöwe: Zwei Südtiroler Fahnen wehten Freitagabend zum Auftakt des Hessentags im Festzelt. Die Kastelruther Spatzen, zuverlässige Gäste des Hessenfests, gastierten auch wieder in Hofgeismar, und die echten Fans kamen in Krachledernen und Dirndl. Und eben mit rot-weißer Flagge mit Tiroler Adler. Als Spatzen-Frontmann Norbert Rier Heimat und Berge besang, jubelten die 2400 begeisterten Fans. Voll war das riesige Zelt aber beileibe nicht. Mit einem Vorhang war es abgeteilt, die hintere Hälfte war gar nicht erst bestuhlt worden.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Auch nicht, dass Rier das Publikum anfangs etwas nachlässig nuschelnd in einem vermeintlichen Ort namens „Hofwärtsheim“ begrüßte, ehe er sich angesichts der irritierten Reaktionen eines Besseren besann und „Hofgeismar“ nachschob. Die Spatzen mussten überhaupt nicht viel tun, um das zumeist 60-plus-Publikum in Schwung zu bringen. Die Bereitschaft mitzuklatschen, zu schunkeln, Leuchtstäbe und Schals zu schwenken, irgendwann aufzustehen und nach vorne zu stürmen, war von Anfang an spürbar. Zwei junge Frauen wagten bald ein Tänzchen miteinander, von der Theke kam eher Gejohle. Während an der Seite Fässchen um Fässchen herangerollt wurde.

Die Spatzen spulten ihr Programm routiniert und solide ab – „wie immer alles live“, wie Rier gleich zu Beginn versicherte. Medley um Medley folgte, viele Hits wurden angespielt, ein Höhepunkt natürlich: „Eine weiße Rose“. Spatzen-Musik ist, wenn man unwillkürlich mit den Füßen wippt und wie von selbst mitsingt. Insofern ist es logisch, dass sich die Gruppe von Seiser Alm und Schlern auch bei den Zillertaler Schürzenjägern bediente („Sierra Madre“) und den „viel zu früh gestorbenen Udo Jürgens“ würdigte, indem man sich eins seiner Lieder auslieh: „Griechischer Wein“ wurde in einer flotten Version präsentiert, die dem Schlager das Melancholische austrieb.

Musikalisch gab es wenig Überraschungen, wenig Unerwartetes – womit vermutlich auch niemand im Ernst rechnete. Auf Trompeter Walter Mauroner stützt sich der Spatzen-Sound ganz wesentlich, auch Valentin Silbernagl hatte ein feines Saxofon-Solo. Ganz zum Schluss gab es ein paar richtig rockige Riffs von Gitarrist Kurt Dasser, und einmal klang es gar nach einer Art Alpen-Blues. Am stärksten sind die Spatzen, wenn sie sich auf ihre Ursprünge besinnen und echte, unverfälschte Volksmusik machen, mit Schifferklavier und Klarinette, mitunter ganz zackig, ohne allzu viel Gefühlssoße drüberzukippen. Auch die textsicheren Besucher goutierten jede Hymne der Heimat ganz besonders.

Ein Phänomen ist auch, dass die Spatzen über sich selbst und ihren eigenen Erfolg singen, als sei das das Selbstverständlichste der Welt, so wie Südtirol eben das schönste Land der Welt ist – da, wo die Sonne und die Wolken am Himmel lachen, wo am Abend das Glöcklein ruft und nachts die Sterne zärtlich sind. Mit einem Lied warb die Gruppe fürs große Spatzenfest, ebenfalls „das beste der Welt“, das dieses Jahr bereits zum 31. Mal in Kastelruth stattfindet: „Denn wir sind alle eine große Familie“, singt Rier, „wir stehen zusammen, da ist niemand allein.“ Immer werde das so sein. Was für ein Versprechen. Auch „Leben und leben lassen“ lautet ein Spatzen-Refrain. Das Spatzenfan-Dasein allerdings eine ernste Sache. Wehe, man stellt sich in der 20-minütigen Pause einen halben Meter in eine leere Sitzreihe, da kommt gleich ein Trachtenjanker-Träger und weist unmissverständlich darauf hin, dass hier besetzt sei – „damit wir mal klar reden“.

Fotos: Volle Stimmung bei den Kastelruther Spatzen

Viel ist in den Spatzen-Texten von wahren Werten die Rede, nicht nur von Liebe, sondern von Treue, Ehrlichkeit, Hoffnung und Vertrauen. Rier und seine Formation entwerfen keine reine heile Welt, wie man es der Volksmusik oft vorwirft, sondern sie wissen um die Gefährdungen des Daseins: „Momente des Glücks“ werden besungen, „manchmal für nur Augenblicke“. Momente des Glücks, „du kannst sie nicht halten, sie gehören der Zeit“. Sie wissen auch, wie viele Träume mit den Jahren zerstoben sind: „Die größte Liebe ist die, die sich nicht erfüllt.“

Der häufigste Begriff aber ist vermutlich das Herz. Herzen brennen, Herzen gewinnen, schlagen schneller. Es gibt die Hand aufs Herz und das Herz, das einem geschenkt wird. Klar, dass es einem da irgendwann ganz warm wird ums Herz, „vom Leben ganz losgelöst“, wie sie das Spatzenfest beschreiben.

Nach exakt zweieinhalb Stunden aber ist auf einmal alles vorbei, Rier bedankt sich noch beim „superhervorragenden Publikum“, nach der Zugabe geht’s dann nahtlos in Musik von der Konserve über. „Ciao Amore, es tut so weh.“ Aber das Hollahihaho, das Klatschen und die weiße Rose, all das klingt noch lange nach.

Von Mark-Christian von Busse

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