Mit Menschlichkeit gegen die Not

125 Jahre Evangelische Altenhilfe in Hofgeismar: Fachkräfte fehlen

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Das Hofgärtnerhaus am Hofgeismarer Gesundbrunnen: Dort wurden 1893 die ersten Bewohner untergebracht. Erstaunlich ist, dass damals auch die Bewohner abgebildet wurden. Die sind noch dazu direkt vor dem Gebäude ganz zwanglos zu sehen. Denn zumeist wurden damals Menschen in „statischen“ Gruppen abgebildet. Links vorn sind die Diakonissen zu sehen, die die Bewohner betreuen. Der Mann ganz vorn ist Dr. Albert Klingender, der erste Leitende Pfarrer.

Hofgeismar. Am Anfang stand das „Hessische Siechenhaus“ in Hofgeismar. 1893 nahm es die ersten pflegebedürftigen Menschen auf. 

Daraus entwickelte sich die Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen in Hofgeismar.

Sie ist mit 2300 Beschäftigten an 19 Standorten in Nordhessen und Thüringen der größte Anbieter von Altenpflege in der Region. Am 2. September feiert die Altenhilfe das 125-jährige Bestehen mit einem großen Fest. 

Die Geschichte der evangelisch geprägten Altenpflege vor Ort sei eng mit der der Entstehung des Sozialstaates in Deutschland verbunden, sagt die Leitende Pfarrerin Barbara Heller. Versorgung und Pflege alter und hilfsbedürftiger Menschen waren vor 125 Jahren eine große Errungenschaft in der Region. 

Heute will die Evangelische Altenhilfe ihre Häuser zukunftsfähig ausbauen, erklärte Heller. Sie will an möglichst vielen Standorten ein möglichst breites Spektrum anbieten. Dazu gehören neben der stationären Pflege Tagespflege oder „Wohnen mit Dienstleistungen“. So wird das betreute Wohnen in Hofgeismar bezeichnet. 

Die größte Herausforderung ist auch für die Altenhilfe die Gewinnung von Mitarbeitern. Der Fachkräftemangel sei an allen Standorten angekommen, sagt die Pfarrerin. In Hofgeismar wird an der eigenen Altenpflegeschule ausgebildet. Nach der Gesetzesänderung zur gemeinsamen Ausbildung für Gesundheits- und Altenpflege passt die Schule ihre Lehrpläne an. 2020 beginnt in Hofgeismar diese übergreifende Ausbildung. 

Die Bezahlung der Mitarbeiter orientiert sich an den Vergütungsrichtlinien der Diakonie. Aus Kostengründen hatte die Altenhilfe ihre Sätze gesenkt, die Absenkung aber teilweise wieder rückgängig gemacht, sagte Heller. Laut Diakonie-Tarif verdient eine Altenpflegerin im ersten Jahr rund 2900 Euro brutto plus Zulagen.

Ein Blick in die Altenhilfe-Geschichte: Diese beiden Bewohnerinnen sind auf diesem Nachkriegsfoto im Rollstuhl auf dem Gelände am Gesundbrunnen unterwegs. Ihre Namen sind nicht bekannt.

Von Lippoldsberg im Norden bis Birstein im Main-Kinzig-Kreis, von Marburg im Westen bis Steinbach-Hallenberg im thüringischen Kreis Schmalkalden-Meiningen ist die Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen an 19 Standorten mit 22 Alten- und Pflegeheimen vertreten. 

Am Unternehmenssitz in Hofgeismar betreibt sie das geriatrische Spezialkrankenhaus sowie ein Aus- und Fortbildungszentrum. In Kassel gehört ein Hospiz zum Angebot. 

Knapp 2300 Mitarbeiter hat das Unternehmen insgesamt (Stand Januar 2018). In Hofgeismar sind es etwa 700. Dazu zählen die 300 Beschäftigten des geriatrischen Krankenhauses. Damit ist die Altenhilfe zweitgrößter Arbeitgeber in der Stadt. Barbara Heller (Leitende Pfarrerin) und Ralf Pfannkuche (kaufmännischer Vorstand) leiten die Altenhilfe.

Aus dem Siechenhaus wurde größter Pflegedienstanbieter

Pflegebedürftigkeit war früher vor allem ein Armutsproblem. Wer vermögend war, konnte Vorsorge schaffen. Für Arbeiter war der Weg zur Armut kurz. Alleinstehende gerieten noch schneller ins finanzielle Abseits. Das hatte der Hofgeismarer Landrat Ludwig Beckhaus Ende des 19. Jahrhunderts erkannt und schaffte Abhilfe.

Landrat Ludwig Beckhaus: Er erkannte die soziale Not alter und kranker Menschen.

Beckhaus gründete in Hofgeismar das Hessische Siechenhaus. Im Sommer 1893 wurde im früheren Hofgärtnerhaus am Gesundbrunnen die erste Einrichtung für Pflegebedürftige in der Stadt gegründet. Gut 20 Menschen fanden dort einen Platz. Zwölf kamen aus dem damaligen Kreis Hofgeismar, zehn waren „Pfleglinge“, die aus dem Hospital Merxhausen überführt worden waren. Schließlich wohnten im ersten Jahr drei Pensionäre in dem Haus.

Zwei Drittel der Kosten trug der Kreis, ein Drittel die Gemeinde. Damit war sichergestellt, dass Pflegebedürftige einen Heimplatz fanden, auch wenn sie oder ihre Gemeinde arm waren. Das Siechenhaus wuchs ständig. Im Dezember 1913 gab es 264 Bewohner. Pensionäre waren gern gesehen. Mit ihnen wurden individuelle Verträge ausgehandelt – sie subventionierten den Betrieb des Hauses.

Medizinische Hilfe oder Behandlung bekamen alte Patienten damals üblicherweise kaum. Ihre Leiden galten als altersbedingt und nicht mehr heilbar.

Oberin Marie Behre: Sie schickte Diakonissen aus Kassel ins Siechenhaus nach Hofgeismar.

Dagegen galt das Hofgeismarer Siechenhaus als vorbildlich: Diakonissen des Kurhessischen Diakonissenhauses in Kassel sicherten eine fachliche Pflege. Die Mitarbeiter legten Wert auf Hygiene. Und für die Versorgung standen der eigene Gemüseanbau und eine Viehhaltung zur Verfügung. Oberin Marie Behre schickte die Diakonissen nach Hofgeismar. Auch aus dem Umland gab es Unterstützung.

Erster Leiter Albert Klingender: Er kam aus dem benachbarten Predigerseminar.

Der erste Leitende Pfarrer war Dr. Albert Klingender, Leiter des damals schon bestehenden Predigerseminars in Hofgeismar. Das Verständnis christlicher Nächstenliebe bewog ihn, auch die Leitung des Siechenhauses zu übernehmen, berichtet die heutige Leitende Pfarrerin Barbara Heller. Die Bewohner arbeiteten – soweit möglich – in der kleinen „Hausindustrie“: Sie strickten und sponnen, flochten Strohmatten und Stuhlsitze. Damit leisteten sie ihren Beitrag zum Betrieb.

1963 wurde das Hessische Siechenhaus in Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen Hofgeismar umbenannt.

Barbara Heller: Sie ist heute die Leitende Pfarrerin der Evangelischen Altenhilfe.

Derzeit werden dort etwa 100 junge Menschen ausgebildet, die meisten natürlich im Pflegebereich. Außerdem gibt es Ausbildungsplätze in der Hauswirtschaft, im Büromanagement sowie für Kaufleute im Gesundheitswesen.

Das Jubiläum will die Altenhilfe mit den Menschen der Region gemeinsam feiern. Sie lädt zu ihrem Jahresfest ein, das am 2. September auf dem Gelände der Altenhilfe dem Jubiläum gewidmet ist. Der Gottesdienst zum Festauftakt steht unter dem Thema „Kein Mensch ist eine Insel“. 

Flott unterwegs: Diakonissen arbeiteten nicht nur in der Hofgeismarer Einrichtung. Sie kümmerten sich auch um Bewohner der Region bei Erkrankungen.

Geschichte per Karte

Postkarten erzählen Geschichte (n) der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen. Zum Jubiläum zeigt das Unternehmen eine Ausstellung im Café Gesundbrunnen mit Postkarten, die Gebäude der Altenhilfe zeigen oder Bezüge zu der Einrichtung haben. Die Organisatoren haben dafür Sorge getragen, dass die Besucher die Kartentexte lesen können. 

Bewohner Johann Magerl unterstützt ehrenamtlich das Archiv der Evangelischen Altenhilfe. Er hat die Handschriften in alter deutscher Schrift oder in Sütterlin übertragen. Gezeigt werden Karten von Hofgeismarer Sammlern, eigene Anschaffungen und Karten, die sich in den Akten des Altenhilfe-Archivs fanden. Nach dem Jahresfest wird die Postkarten-Ausstellung im Café Gesundbrunnen gezeigt (geöffnet dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr, montags ab 19 Uhr).

Heute das Andreas-Möhl-Haus: Diese Karte schrieb ein Landsturmmann 1915 aus Hofgeismar nach Eberstadt.

Fest beginnt mit Gottesdienst

Das Festprogramm beginnt am Sonntag, 2. September, um 10.30 Uhr mit dem Festgottesdienst im Café Festhalle auf dem Gelände der Altenhilfe. Ab 11.30 Uhr gibt es Eintopf und Bratwurst, ab 13.30 Uhr Kaffee, Kuchen und Waffeln. 

Um 11.30 Uhr öffnet der Bücherflohmarkt auf der Café-Terrasse. Für Kinder gibt es Spiel- und Mitmach-Angebote auf der Spielwiese. 

Auf dem Gelände gibt es Informations- und Mitmachangebote auch für Erwachsene, Verkaufsstände, eine Eisenbahnausstellung (Festwiese), Musik sowie „Spiele aus alten Zeiten“ (Else-Steinbrecher-Haus).

Um 11.30 Uhr wird die Postkartenausstellung eröffnet (kleiner Brunnentempel). Auch der Freundes- und Fördererkreis der Altenhilfe informiert. Von 11.30 bis 15.30 Uhr lädt das ambulante Therapiezentrum zum Tag der offenen Tür (Neues Brunnenhaus) ein. Offene Türen gibt es ab 13 Uhr in der Tagespflege (Andreas-Möhl-Haus/Neues Brunnenhaus). Ab 13 Uhr ist das Erinnerungscafé (Else-Steinbrecher-Haus) geöffnet. An der Spielwiese starten Rikschafahrten über das Gelände. Außerdem gibt es einen Streichelzoo (Else-Steinbrecher-Haus und Neues Brunnenhaus). 

Die Sing-Spiel-Gruppe aus Obermeiser, die B-Country-Liner (Linedance Gruppe) sowie die Gesanggruppe „Gute Laune“ treten ab 14 Uhr am Neuen Brunnenhaus (Wohnbereich 1) auf. Ab 14.30 Uhr singen der Gospelchor „Zoom“ und der Zierenberger Chor „In Progress“ im Café Festhalle. Um 15.30 Uhr beginnt die Preisverleihung des Jubiläumsquiz (Café Festhalle/Teilnahmeschluss um 14.30 Uhr).

Erinnerungen unserer Leser sind gefragt

Die Evangelische Altenhilfe gehört seit 125 Jahren zu Hofgeismar. Viele Menschen haben hier gewohnt und gearbeitet. Und sie haben sicher interessante Geschichten erlebt. Deswegen bitten wir Sie, liebe Leser, uns Ihre Erlebnisse mit der Altenhilfe mitzuteilen. Wir möchten Ihre Berichte in der HNA veröffentlichen. Berichte – gern mit Bild – an die HNA-Redaktion, Bahnhofstr. 6, 34369 Hofgeismar, oder per Mail an hofgeismar@hna.de.

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