Vorwurf: Mediziner spricht zu viel mit Patienten

Ärger um Abrechnungen: Arzt schließt Praxis

Hofgeismar. Der Hofgeismarer Mediziner Dr. Michael Hermeling wird seine Praxis schließen und ins Ausland auswandern. Grund: Streit mit der Kassenärztlichen Vereinigung um Honorare.

Dr. Hermeling ist einer von 3000 Ärzten, die jährlich nach einer Erhebung der Bundesärztekammer aus Deutschland ins Ausland abwandern. Die Gründe sind vielfältig: schlechte Bezahlung, vor allem in den ersten Berufsjahren, ungünstige Arbeitszeiten und ein zunehmender Verwaltungsaufwand machten den Medizinern zu schaffen.

Hermeling führt noch einen weiteren Grund an: Die Prüfstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Die kontrolliert die Abrechnungen der Ärzte. Geben sie zu viel aus, hebt sie, bildlich gesprochen, erst den Zeigefinger. Nutzt dies nichts, werden die Ärzte in Regress genommen. „Strafzahlungen“ nennen es die Ärzte, wenn sie zur Kasse gebeten werden, weil sie überdurchnittlich viele Medikamente oder Anwendungen (Krankengymnastik und ähnliches) verschrieben haben.

Hermeling flatterte die Regressforderung der KV freilich aus einem anderen Grund ins Haus. Er sprach zu viel mit seinen Patienten. Ein Satz in dem Schreiben stieß ihm dabei besonders sauer auf. „Die verbale Intervention bei hochbetagten Patienten ist zu hinterfragen“, heißt es dort. Einfach ausgedrückt: Der Arzt soll sich fragen, ob die persönliche Ansprache nötig gewesen sei. Genau das aber, so sagt der Hofgeismarer Arzt, der eine psychotherapeutische Zusatzausbildung hat, sei wichtig. Unabhängig vom Alter. Den Hinweis der Prüfungsstelle findet er denn auch altersdiskriminierend. Die KV widerspricht dem: Da Hermelings Gesprächsabrechnungen so stark vom Schnitt abwichen, müsse man die Frage stellen, ob all die abgerechneten Gespräche tatsächlich so stattgefunden hätten.

Hintergrund: Jede zehnte Praxis wird gemahnt

In drei Feldern können Ärzte von der Prüfungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung in Regress genommen werden.

• Medikamente: Ärzte verschreiben zu viel. Von den etwa 9500 Ärzten in Hessen wurden im Jahr 2012 (das sind die neuesten Zahlen) 850 gemahnt. 54 Verfahren wurden eröffnet, letztlich drei Ärzte in Regress genommen. Gesamtsumme: 50.000 Euro.

• Heilmittel (Krankengymnastik etc.): 1025 Mahnungen, 122 Verfahren, zwei Regresse (18.000 Euro).

• Wirtschaftlichkeit: Betrifft 12.000 Praxen. Hier wird die Abrechnung des Arztes untersucht. Es gab 119 Bescheide, 97 Regressforderungen: 2,35 Mio. Euro brutto angemahnt. Nettobetrag offen.

Rubriklistenbild: © dpa

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