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Ärger um verlassene Häuser: Es dauert Jahre, um Probleme mit Gebäuden zu lösen

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Von: Thomas Thiele, Bernd Schünemann

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Wurde zum Problemfall: Bei diesem Haus (Mitte) am Kirchweg in Arenborn sind schon Teile des Daches eingestürzt. Dieses Weitwinke
Wurde zum Problemfall: Bei diesem Haus (Mitte) am Kirchweg in Arenborn sind schon Teile des Daches eingestürzt. Dieses Weitwinke © täuscht darüber hinweg, dass der Kirchweg link sehr eng ist. Das Haus rechts ist die Heimatstube. Davor soll eine Grünfläche entstehen. Foto: Thomas Thiele

Herrenlos wirkende Häuser gibt es in fast jeder Stadt oder Gemeinde. Ihr Anblick ist unschön. Zum Problem werden sie, wenn eine Gefahr von ihnen ausgeht.

Kreis Kassel – Dann wird es kompliziert: Denn nicht immer sind solche Häuser oder Grundstücke tatsächlich ohne Besitzer. Die Frage, wer wann einschreiten darf oder muss, ist heikel. Keine einfache Situation für Kommunen, Nachbarn und den Landkreis, dessen Bauaufsicht teilweise eingebunden wird.

So bemüht sich die Gemeinde Wesertal, ein wohl bald vom Einsturz bedrohtes Fachwerkhaus in Arenborn zu kaufen. In Gieselwerder gibt es noch eine teilweise denkmalgeschützte Fabrikhalle. Die frühere Fabrikantenvilla konnte laut Bürgermeister Cornelius Turrey kürzlich verkauft werden.

Viele Gemeinden haben Probleme mit herrenlosen Häusern

Bei einer nun herrenlosen früheren Gaststätte in Gottstreu wurde der Saalanbau aus Sicherheitsgründen abgerissen. Für das Haupthaus haben sich noch nicht alle betroffenen Parteien zurückgemeldet, um über das weitere Vorgehen entscheiden zu können, erklärt Turrey.

Eine Gemeinde könne erst handeln, „wenn das Wasser unter den Türschlitzen rausläuft“, ergänzt sein Amtskollege Andreas Schönemann (Helsa) zu Gebäuden in Privatbesitz. In Helsa hatte die Gemeinde Rattenköder auf ein Grundstück geworfen und wird auf den Kosten wohl sitzen bleiben, weil die Besitzverhältnisse nach dem Tod des Eigners unklar sind.

Liebenaus Bürgermeister Harald Munser hat mehrfach Erfahrung mit solchen Immobilien. Viel Geduld sei in solchen Fällen nötig. In einem Stadtteil gibt es ein Wohnhaus, das eine südosteuropäische Immobilienfirma ersteigerte.

Schrottimmobilien machen Ärger

Seither sei dort nichts passiert. In Zwergen konnte die Stadt eine Schrottimmobilie kaufen, die als Fiskalerbschaft ans Land gefallen war. Es dauerte Jahre, bis die Stadt das verfallende Gebäude übernehmen konnte. Es wurde abgerissen und das Grundstück zum attraktiven Dorfplatz umgestaltet.

Das dritte Objekt ist das ehemalige Lagergebäude am Liebenauer Bahnhof. Das ersteigerte die Stadt, um dort eine Schrottimmobilie zu vermeiden.

Gibt es keine Erben, fallen Immobilien ans Land: Dieses Schicksal ereilte auch das alte Gebäude an der Straße Zur Steinkautein Heimarshausen.
Gibt es keine Erben, fallen Immobilien ans Land: Dieses Schicksal ereilte auch das alte Gebäude an der Straße Zur Steinkautein Heimarshausen. © Antje Thon

Seit Monaten wartet Wesertals Bürgermeister Cornelius Turrey darauf, dass die Gemeinde ein baufälliges Fachwerkhaus im historischen Ortskern von Arenborn abreißen lassen kann. Der geplante Ankauf für möglicherweise einen Euro ist aber noch nicht über die Bühne gegangen, fast alle anderen erforderlichen Schritte sind getan.

Das Haus steht an prägender Stelle in einer malerischen Fachwerkszenerie am Kirchweg, doch es steht schon seit Jahren leer und wird wegen herabfallender Ziegel und Bretter mehr und mehr zum Problem. Der Abriss soll mit einem Zuschuss im Zuge der Dorferneuerung finanziert werden, anstelle des Hauses soll eine Grünfläche entstehen.

Kontaktprobleme

Wie in vielen Orten gibt es auch in anderen Ortsteilen der Gemeinde Wesertal unbewohnte und vernachlässigte Häuser, die mit der Zeit vor allem zum Sicherheitsproblem werden.

Für die Lippoldsberger Marktstraße und eventuell auch die Vogtei soll ein Konzept in Auftrag gegeben werden, um die Substanz von Häusern zu prüfen. Bei einem, das saniert werden sollte, gelinge es nicht, mit dem Besitzer Kontakt aufzunehmen. Es war einmal ein Verkaufsschild angebracht, doch es ist laut Bürgermeister Turrey unklar, ob das nicht ein Scherz war.

Auch für Liebenaus Bürgermeister Harald Munser sind in solchen Fällen „langer Atem und Zähigkeit“ wichtig. Damit ließen sich in mühsamer Kleinarbeit solche Probleme lösen.

Der Verwaltungschef verweist auf das Beispiel des Lagergebäudes am Liebenauer Bahnhof. Das hatte die Stadt im März 2019 gekauft. Aber erst vor zwei Wochen sei die „Freistellungserklärung von Bahnbetriebszwecken“ im Liebenauer Rathaus eingetroffen – drei Jahre später. Diese Erklärung sei aber die Grundlage, um die Immobilie zu nutzen oder verkaufen zu können.

Eine Nutzung hatte der Bürgermeister seinerzeit im Visier: Er hoffte, mit der Kreishandwerkerschaft dort eine Fortbildungsstätte für (Bau-) Handwerker einrichten zu können. Das hatte seinerzeit nicht geklappt. Jetzt gebe es einen neuen Investor, der sich für das Lagergebäude interessiere.

Schnäppchenkauf

Gewissermaßen ein Schnäppchen war für die Stadt der Hauskauf aus einer Fiskalerbschaft in Zwergen. Für einen Euro hatte die Stadt das verfallende Bauwerk vom Immobilienbetrieb des Landes gekauft. Auch dort sei viel Geduld notwendig gewesen. Und die sei nicht nur bei der Stadt notwendig gewesen, sondern auch bei den Nachbarn, die unter dem verfallenden Anwesen stark gelitten hatten.

Munser spricht von „unglaublichen bürokratischen Hürden“. Ein solcher Kauf sollte „deutlich einfacher gehen“, fordert der Liebenauer Bürgermeister. Dass es solange gedauert hat, kann Munser noch aus einem anderen Grund nicht versehen: Diese Immobilie ohne Wert habe das Land noch Geld gekostet. Das habe die Grundsteuer zahlen und für Verkehrssicherung sorgen müssen.

Inzwischen ist das Haus abgerissen. Die freie Fläche wurde als Dorfplatz an das neugestaltete Dorfgemeinschaftshaus angefügt und steht als Treffpunkt zur Verfügung.

Von den Häusern, die südosteuropäische Immobilienfirmen gekauft hätten, gehe derzeit keine Gefährdung aus, sagte Munser.

Wenn sich kein Besitzer findet oder die Nachkommen das Erbe nicht antreten, springt das Land als Erbe ein. Sogenannte Fiskalerbschaften werden vom Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen verwaltet. Der informiert unter anderem regelmäßig den Landkreis, wo es solche Immobilien oder Grundstücke gibt, erklärt Kreissprecher Harald Kühlborn auf Nachfrage.

Fachwerkbörse

Derzeit listet der Immobilienbetrieb unter anderem Grundstücke in Naumburg, Hofgeismar, Trendelburg, Breuna und Baunatal auf. „Wir gucken uns jedes Haus oder Grundstück genau an“, sagt Kühlborn. Wenn es für einen Weiterverkauf in Frage kommt, nimmt der Landkreis es in die Fachwerkbörse auf, damit es genutzt werden kann und nicht weiter verkümmert.

Solche Fiskalerbschaften seien seltener als gedacht. In vielen Fällen täusche der Eindruck: Oft gibt es einen Besitzer oder zumindest sind die Besitzverhältnisse noch nicht geklärt. Das Erscheinungsbild aber lässt etwas anderes vermuten.

Die Bauaufsicht schreite in Absprache mit den Kommunen dann ein, wenn eine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht und der Besitzer nicht reagiert. Solche Ersatzvornahmen kämen vor.

Die Gründe, warum Grundstücke verkommen, seien vielfältig, sagt Fuldatals Bürgermeister Karsten Schreiber: die Besitzer pflegebedürftig oder psychisch krank, die Erben im Streit, das Grundstück belastet. Wenn eine Gemeinde solche Besitzer anschreibe, laufe das oftmals ins Leere. Auch auf Rechnungen zur Gefahrenabwehr bleibe die Gemeinde sitzen, ergänzt Schreiber. (Thomas Thiele und Bernd Schünemann)

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