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Hofgeismarer Kapelle trägt Handschrift eines verstorbenen Star-Architekten

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Von: Peter Dilling

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Ort der Stille und Spiritualität: Dr. Friederike Erichsen-Wendt (von links) und Dr. Ursel Wicke-Reuter sind immer noch fasziniert von der Ausstrahlung der Kapelle im Studienseminar. Erichsen-Wendt präsentiert das Buch, das seinerzeit zum Umbau der Kapelle erschien.
Ort der Stille und Spiritualität: Dr. Friederike Erichsen-Wendt (von links) und Dr. Ursel Wicke-Reuter sind immer noch fasziniert von der Ausstrahlung der Kapelle im Studienseminar. Erichsen-Wendt präsentiert das Buch, das seinerzeit zum Umbau der Kapelle erschien. © Peter Dilling

Der kürzlich mit 87 Jahren verstorbene, international renommierte und mehrfach preisgekrönte Star-Architekt Meinhard von Gerkan hat auch in Hofgeismar Spuren hinterlassen.

Hofgeismar – Der preisgekrönte Star-Architekt Meinhard von Gerkan ist durch seine Entwürfe für Monumental-Bauten, beispielsweise den neuen Berliner Flughafen „Willy Brandt“ (BER), Sportstadien, Opernhäusern und Museen bekannt. In China, nahe der Weltmetropole Shanghai, hat er sogar eine ganze Stadt – „Lingang New City“ – konzipiert.

Weniger bekannt dürfte sein, dass der von einer Pfarrerfamilie als Pflegekind aufgezogene von Gerkan auch in Hofgeismar seine Spuren hinterlassen hat. Kein Wunder. Die von ihm entworfene Kapelle des Studienseminars der evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck am Gesundbrunnen wirkt wie eine verborgene Schatzkiste in dem Barock-Bau des Seminars, in dem schon viele Generationen von angehenden Vikaren und Pfarrern ihre Ausbildung genossen haben. Nur eine Glocke am Eingang weist auf ihre Existenz hin.

Das Predigerseminar, das später zum Studienseminar der Kirche erweitert wurde, residiert seit mehr als 130 Jahren in dem, einst von den Landgrafen errichteten und längere Zeit als Kurbad genutzten Barock-Bau. Die Kapelle war in der umgebauten ehemaligen Pförtnerloge gleich neben dem Haupteingang untergebracht. Angehende Pfarrer üben hier, Andachten zu halten und zu predigen.

Hofgeismarer Kapelle: Provisorium gefiel früherem Landesbischof nicht

Das Provisorium gefiel dem früheren Landesbischof Prof. Dr. Martin Hein nicht. Deshalb sprach er während der Expo 2000 in Hannover den damals schon berühmten Architekten von Gerkan an. Dieser hatte den ökumenischen Christuspavillon auf der Weltausstellung entworfen. Ob dieser nicht eine Idee für die Neugestaltung dieser Kapelle habe? Von Gerkan sagte schließlich zu. 2007 konnte die neue Kapelle eingeweiht werden.

Die Studienleiterinnen Dr. Friederike Erichsen-Wendt und Dr. Ursel Wicke- Reuter stehen in dem von dem Star-Architekten entworfenen Raum. Die beiden Pfarrerinnen sind immer aufs Neue von dessen Ausstrahlung fasziniert. Die Kapelle wirke durch die Kargheit ihrer Ausstattung, die Konzentration auf das Wesentliche. Kein Tageslicht fällt herein.

„Der Architekt hat praktisch einen Raum-im-Raum entworfen“, erklärt Erichsen-Wendt. Tatsächlich hat die Kapelle keine Verbindung zur Fassade des Gebäudes. Das Tageslicht ist ausgesperrt. Dafür leuchtet die Außenwand der Kapelle im weichen Licht, der dahinter verborgenen LED-Strahler. Ein klappbarer, mobiler Altar, eine mobile, der Farbe von Wänden und Boden angepasste kleine Orgel, ein Pult, ein nur bei genauem Hinsehen erkennbares Kreuz, das sich durch die Spalte der Wandverkleidung vor der Heizung bildet, eine Reihe von Stühlen.

Alles reduziert sich auf das Wesentliche

Das ist die karge Ausstattung der Kapelle. Alles ist reduziert auf das Wesentliche. „Man hat das Gefühl, dass man ganz woanders ist“, sagt Erichsen-Wendt. Manche Schüler des Studienseminars empfänden das als bedrohlich“, erzählt sie. Die mobilen Elemente böten aber auch die Chance, die Anordnung der Kapelle jedem Zweck anzupassen.

Meinhard von Gerkan Architekt
Meinhard von Gerkan Architekt © Soeren Stache

Einen Ort der Stille, Meditation und Spiritualität hatte der Stararchitekt schon mit seinem Entwurf für die Expo realisiert. In der Hofgeismarer Kapelle hat er dieses Ziel noch konsequenter verfolgt und die Kargheit zum Programm gemacht. „Das Billigste vom Billigen“ habe er an Material eingesetzt, berichtete von Gerkan in einem Interview für die Landeskirche. Boden und Vertäfelung der Wände bestehen aus – freilich nachträglich veredeltem – Schalholz, das sonst für das Formen von Betonkonstruktionen eingesetzt wird.
Die Außenwand besteht aus eingeschmolzenem Glas von gebrauchten Flaschen. „Heute würde man das Upcycling nennen“, sagt Dr. Wicke-Reuter. Der Umbau der Kapelle sei übrigens ganz aus Spenden finanziert worden, erzählt sie. Auch die HNA trat damals als Sponsor auf.

Buch „Es braucht nichts als Stille“

Zur Geschichte des Studienseminars und des Umbaus seiner Kapelle ist das Buch „Es braucht nichts als Stille“ im Jonas Verlag für Kunst und Literatur, Kromsdorf, inzwischen in zweiter Auflage erschienen (ISBN 978-3-89445-535-4), weitere Exemplare sind beim Studienseminar, Gesundbrunnen 10, 3436 Hofgeismar, Tel. 0 56 71 / 88 12 71 erhältlich. (Peter Dilling)

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