Infoveranstaltung und Gegen-Demo

Atommüll-Lager bei Würgassen: Gegner und Befürworter prallen aufeinander

Teilnehmer der Infoveranstaltung in der Stadthalle Beverungen
+
Teilnehmer der Infoveranstaltung in der Stadthalle Beverungen

Gegner und Befürworter trafen bei einer Infoveranstaltung über das geplante Atommüll-Lager in Würgassen aufeinander. Vorher bekräftigen die Gegner auf einer Kundgebung ihre Ablehnung des Projekts.

Berverungen/Würgassen - Laute Rufe von Demonstranten, dazu Fragen von Besuchern und Antworten von Planern auf einer Infoveranstaltung der BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung: In Beverungen tauschten Gegner und Befürworter des Atommüll-Logistikzentrums ihre Argumente aus.

Die lokale Politik

Beverungens Bürgermeister Hubertus Grimm formulierte es bei der Demo-Kundgebung am Weserufer und dann in seinem Grußwort gegenüber den BGZ-Verantwortlichen in der Stadthalle so: „Alle Kreise, alle Kommunen in der Region lehnen dieses Vorhaben ab. Die Standortauswahl muss neu aufgelegt werden.“ Dafür bekam er Beifall von den Demonstranten und von den Zuhörern im Saal – auch von Bad Karlshafens Bürgermeister Marcus Dittrich und vom Kasseler Vize-Landrat Andreas Siebert.

Die Entsorgung des mittel- und schwachstrahlenden Atommülls sei eine nationale Aufgabe, sagte Grimm. Diese Aufgabe müsse in einem breiten gesellschaftlichen Prozess mit Regionalkonferenzen angegangen werden. Bislang seien die Planungshoheit der Stadt Beverungen sowie die Mitsprache der Menschen vor Ort „eklatant verletzt worden“, so Grimm. Die BGZ habe die Entscheidung für Würgassen „oktroyiert ohne Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten“. Das gelte für die Anbindung an das Schienennetz ebenso wie für das Straßennetz. Grimm stimmt indes zuversichtlich, dass Bundes- und Landespolitiker der Region das Unverständnis für die Standortauswahl Würgassen mittlerweile in die Landeshauptstädte und nach Berlin tragen. Er selbst hat einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben.

Die BGZ

„Wir sind die Gesellschaft, die den Atomausstieg umsetzt“, sagt Dr. Ewold Seeba, BGZ-Geschäftsführer. „Atomkraft Nein danke“, das sei immer auch sein Motto gewesen. Glücklicherweise werde dies 2022 mit dem Abschalten des letzten deutschen Atomkraftwerks Realität. Die BGZ stehe für die Aufgabe, die Hinterlassenschaften des Atomzeitalters zu entsorgen. Das solle man nicht verharmlosen, aber was die Entsorgung des mittel- und schwachradioaktiven Mülls angeht, auch nicht dramatisieren. Diese Stoffe machten nur etwa ein Prozent der gesamten durch die Atomkraftwerke angefallenen Strahlungsmenge aus, sagte Seeba.

303.000 Tonnen dieser Abfälle würden ab 2027 im genehmigten Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter eingelagert. Um das dortige hochkomplexe Einlagerungssystems zu realisieren brauche es das Logistikzentrum Würgassen – etwa 30 Jahre lang, bis Konrad verfüllt ist. „Kein Atomarer Dreck im Dreiländereck“, laute das Motto der BI, sagte Seeba, er aber wolle „atomaren Dreck in keinem Eck in Deutschland.“

Die Grundlage für die BGZ seien das vom Bundestag mit breiter Mehrheit 2013 beschlossene Entsorgungsübergangsgesetz und der Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Mithilfe des „Lok“, wie die BGZ das Zwischenlager nennt, lasse sich der strahlende Müll zügig einsammeln und kontinuierlich termingerecht beseitigen. Insgesamt führe das Lok in Würgassen zu einem Zeitgewinn von zehn Jahren zur Beseitigung der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle.

In ihren Antworten auf die zumeist kritischen Fragen der 80 Zuhörer in der Stadthalle machten neben Geschäftsführer Seeba auch Projektleiter Dr. Heinz-Walter Drotleff und Generalbevollmächtigter Christian Möbius deutlich, dass bei einer Lagerkapazität von 60 000 Kubikmetern mit 15 000 an- und abtransportierten Atommüllgebinden in Würgassen zu rechnen sei. Die BGZ geht davon aus, dass sowohl die Bahnverbindung als auch das Straßennetz die Transporte mühelos aufnehmen kann.

Die Atommüllgebinde in runden Fässern oder quaderförmigen Behältern würden in normalen Containern transportiert, sie seien sicherer als Transporte mit explosiven Stoffen. Die BGZ-Verantwortlichen gehen davon aus, dass Würgassen der im Rahmen der von der Entsorgungskommission vorgegebenen Bedingung der beste und geeigneteste Standort im Umkreis von 200 Kilometern von Schacht Konrad ist. Und der am schnellsten, weil im Bundesbesitz befindlich, verfügbare ebenfalls. Allerdings, so stellte Möbius klar, das Genehmigungsverfahren für den Lok-Standort Würgassen startet erst im zweiten Halbjahr 2021. „Wir sind überzeugt, dass Würgassen sich eignet“, sagte Ewold Seeba.

Demonstration gegen das Zwischenlager Würgassen

Die Bürgerinitiative

Anders als bei den jüngsten Bürgerversammlungen, den Rats-, Stadtverordneten- und Kreistagssitzungen war die Bürgerinitiative „Atomfreies 3-Ländereck" am Mittwochabend in der Beverunger Stadthalle nicht auf dem Podium präsent. Da es eine Veranstaltung der BGZ war, saßen dort nur die Verantwortlichen der Gesellschaft. Doch sozusagen als Gegenveranstaltung nutzte die BI die Demo-Kundgebung. Dort kritisierte BI-Vorsitzender Dirk Wilhelm in scharfem Ton, „dass die BGZ ungeachtet der vielen Resolutionen gegen das in Würgassen geplante Bereitstellungslager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sowie der gewaltigen Zahl der Gegner rücksichtslos voran prescht und ausschließlich in den Standort Würgassen investiert“.

Alle Einwände der politischen Vertreter und der Menschen der Region würden dabei ignoriert. Es sei inakzeptabel, dass trotz der Standortmängel weiter am Standort Würgassen festgehalten würde. Um die höchstmögliche Sicherheit im Umgang mit den Gefahrstoffen zu gewährleisten und für eine wirtschaftlich vertretbare Lösung zu sorgen, müsse eine „neue, rein faktenorientierte Standortauswahl, ausschließlich auf Basis von Sachargumenten vorgenommen werden.“

Die BI fordert den Nachweis der zwingenden Notwendigkeit des Zentralen Bereitstellungslagers durch ein unabhängiges logistisches Gutachten sowie den Nachweis des im Gesetz geforderten wirtschaftlichen Vorteils. Zudem solle eine unabhängige Kommission eingesetzt werden, die zur Standortauswahl beiträgt, lautet die Forderung. Dieser schlossen sich auch Vertreter von Fridays for Future an.  (Gerd Henke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.