Haselnuss-Torte vom Star zum Geburtstag

Auch Heino gratuliert: Brunhilde Weber aus Hofgeismar wird 90

Sinn für Humor: Für ein Zeitungsfoto posiert Brunhilde Weber mit dem Geschenk von Heino. Danach musste sie über das Motiv selbst lachen. Foto: Gehlen

Hofgeismar. Dramen, Entbehrungen und ein blonder Schlagersänger - Brunhilde Webers Leben ist voll mit filmreifen Geschichten. Nur: Sie spricht nicht gern darüber.

Auch am Dienstag, an ihrem 90. Geburtstag, ist der Blick der Hofgeismarerin auf die Gegenwart gerichtet.

Unter den Gratulanten ist ein Prominenter: Heino. Der Schlagersänger, mit dem die 90-Jährige in den 1970er-Jahren auf Tour war, hat ihr einen Kuchen und eine handsignierte Torte geschickt - Haselnuss natürlich.

Doch bekannt ist Weber nicht wegen ihren Kontakten zu Prominenten, sondern wegen ihrer Unermüdlichkeit. Vom 14. bis zum 85. Lebensjahr arbeitete sie - zuletzt, weil die Rente klein war. Als Reinigungskraft für öffentliche Toiletten war sie eine Institution und bei jedem großen Fest in Hofgeismar dabei.

Seit eineinhalb Jahren lebt sie nun bei der Altenhilfe Gesundbrunnen. Wer Brunhilde Weber dort besucht, bekommt zunächst einen Schrecken: Die zierliche Dame sitzt im Rollstuhl.

Heino

Irritierte Blicke des Besuchers nimmt sie sofort wahr. Die Augen blitzen auf, sie sagt trocken: „Ich bin klar im Kopf. Und ich kann laufen, aber hier bin ich zu faul.“ Ist das ernst gemeint? Unklar. Denn „faul“ ist ein Wort, das überhaupt nicht zur 90-Jährigen passt: Ihr ganzes Leben hat sie gearbeitet - in der Fabrik, auf dem Land, als Briefträgerin, als Putzkraft. „Es war hart, aber es gibt auch schöne Erinnerungen“, sagt Weber. Sie könnte damit Bücher füllen - will sie aber nicht. „Das muss nicht in der Zeitung stehen“, sagt sie immer wieder. Auch über ihre Schicksalsschläge mag sie nicht reden.

Weber spricht viel lieber über Dinge, die sie nun tut: Malen, Bilder mit Federn kleben, Gedichte schreiben. In ihren Texten nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Auch zu heiklen lokalpolitischen Themen hat sie schon gedichtet und den Text dann dem Angesprochenen persönlich in die Hand gedruckt. Weber gibt sich bescheiden und abgeklärt. Doch die Freude über Heinos Gruß ist ihr ins Gesicht geschrieben. Zehn Jahre war die gebürtige Herbornerin mit dem Star auf Tour, verkaufte Tonträger von ihm. Dass der Schlagersänger neuerdings auch mit modernerer Musik und Lederjacke auftritt, findet sie nicht so gut - der sei ja immerhin schon 76.

Dabei sind sich Heino und die Hofgeismarerin in einem Punkt sehr ähnlich: Vom Ruhestand halten sie beide nicht viel. Webers Lieblingsweg ist von ihrem Zimmer zum Balkon des Pflegeheims. Dort hat sie eine Ecke, in die sie sich zurückzieht. Dass ihr das nicht reicht, sie mehr vom Leben will, merkt man in jeder Minute. Es sei nur ihr Fuß, der nicht mehr so mitmache, sagt Weber. Trotzdem träumt sie davon, wieder eigenständiger zu leben. Ihr Ziel ist, einen Platz für betreutes Wohnen zu bekommen. Heute feiert sie mit Freunden und Verwandten in Hofgeismar.

Von Göran Gehlen

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