Pferdeketten als Dankeschön

Aufruf in Hofgeismarer Facebook-Gruppe führte zu fröhlichem Wiedersehen

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Glücklich über das Geschenk: Während Lea (links) und Jenny (rechts) über die geschenkten Ketten strahlen, freut sich Marcus Witt, dass er die Vernunft der Kinder auf diese Weise belohnen konnte. 

Oft werden die sozialen Netzwerke verdammt, weil sie voller Falschmeldungen und Hass-Kommentare zu sein scheinen. Es geht jedoch auch ganz anders, wie dieses Beispiel zeigt.

Schreiner Marcus Witt aus Grebenstein hatte im vorigen Jahr einen Stand auf dem Hofgeismarer Weihnachtsmarkt. Eines Tages fielen ihm Jenny (9), Lea (8) und Marvin (9) auf, die vor allem die Ketten mit den Pferdemotiven bewunderten. Für Mädchen dieses Alters ist das sicher nicht ungewöhnlich, doch Witt wurde Zeuge eines ungewöhnlichen Dialogs unter den Kindern.

Denn während andere Kinder in dem Alter vielleicht überlegt hätten, wie sie die Eltern zum Kauf überreden könnten, war für Jenny offenbar klar: Das können wir uns nicht leisten. Ganz vernünftig erklärte sie ihrer Cousine Lea, dass man das Geld für andere Dinge, wie zum Beispiel ein neues Auto oder den Umbau daheim brauchen würde. Die Mama wäre schließlich auf den Rollstuhl angewiesen.

Sie kamen ins Gespräch

Mama Claudia Tauchert bekam von dem Gespräch der Kinder gar nichts mit. Sie war an anderer Stelle auf dem Rathausplatz unterwegs und stieß erst später auf Marcus Witt, als dieser seinen Stand schon für den Abend zusammengebaut hatte.

Man kam ins Gespräch und der Schreiner erfuhr, dass die 42-Jährige früher sehr sportlich gewesen war und selbst Sportkurse gegeben hatte. Seit einer Endometriose-Erkrankung, mehreren Operationen an der Wirbelsäule, Bandscheibenvorfällen und weiteren Folgeerkrankungen war sie aber nun seit fünf Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Ein chronisches Erschöpfungssyndrom und Nervenschmerzen in jeder Lage führen zudem dazu, dass der Alltag nur unter Schwierigkeiten bewältigt werden kann.

Dennoch strahlte Claudia Tauchert keine Verzweiflung aus. Marcus Witt sah, dass sie ein sehr positiver Mensch war, fröhlich und offen auf andere zuging und ganz offensichtlich beschlossen hatte, sich ihr Leben nicht von der Krankheit vorschreiben zu lassen.

Suche per Facebook gestartet

Gerne, so hatte sie ihm gesagt, würde sie wieder stundenweise Fitnesskurse geben, wenn es die Gesundheit zulasse. „Ich habe auch vom Rollstuhl aus oder mit dem Rollator unterrichtet.“

Marcus Witt war beeindruckt von der Familie und vor allem von den verständnisvollen Kindern. Er bat sie, am nächsten Tag mit ihrem Vater wieder zu kommen, weil er ihnen die Ketten dann schenken wolle.

Doch am nächsten Tag stattete unverhofft die Oma der Familie Tauchert einen Besuch ab und aus der geplanten Fahrt nach Hofgeismar wurde nichts.

Dem Grebensteiner ging die Weihnachtsmarkt-Begegnung mit der Familie jedoch nicht aus dem Sinn und so startete er am frühen Morgen des 7. Januar 2020 in der Facebook-Gruppe „HofgeismarHilfe – Rat und Tat rund um Hofgeismar“ einen Aufruf, in dem er die Familie suchte, um den Kindern die Ketten schenken zu können.

Mit diesem Facebook-Aufruf suchte Marcus Witt nach Claudia Tauchert und ihrer Familie. 

In Rekordzeit wurde der Aufruf geteilt – bis heute über 900 Mal – und nur wenige Stunden später wurde auch Claudia Tauchert von einer Bekannten darauf angesprochen.

Sie antwortete umgehend in der Gruppe und es kam schließlich zu einem Treffen bei der Familie Tauchert im benachbarten ostwestfälischen Manrode (Kreis Höxter). Begeistert suchten sich die Kinder in der mitgebrachten Schmuckketten-Auswahl etwas aus, während die Erwachsenen Muffins und Waffeln genossen, die Jenny und Marvin allein eigens für den Besuch aus Nordhessen gebacken hatten. Während Jenny und ihre Cousine Lea selbstverständlich Ketten mit einem Pferdemotiv wählten, entschied sich Marvin für eine Wolfsklaue.

„Ich habe erst einmal geweint, als ich von der Aktion erfahren habe“, erklärt Claudia Tauchert. „Ich bin so stolz auf meine Kinder, weil die so vernünftig und selbstständig sind und so eine schöne Geste von Marcus Witt bedeutet mir sehr viel.“ Auch andere User haben sich bei ihr gemeldet, ließen der Familie zum Beispiel eine Lampe mit einem Pferdemotiv zukommen.

„Ich wollte gar nicht so einen großen Rummel“, sagt Schreiner Marcus Witt bescheiden, „mich hat die Vernunft der Kinder angesprochen. Die sollte belohnt werden, weil manch Erwachsener nicht so vernünftig ist wie sie.“

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