Die Spur der Rasse ist fast verloren

Beberbecker Pferde sollen für Tierpark Sababurg rückgezüchtet werden

Remontenschau um 1910: Das wichtigste Ereignis eines Jahres im Gestüt Beberbeck war, wenn die vierjährigen Pferde zum Verkauf fürs Militär besichtigt wurden.

Beberbeck/Sababurg. Der Landkreis Kassel plant, die berühmte, vor 89 Jahren aus Beberbeck verschwundene gleichnamige Pferderasse wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückzuholen.

Die Betriebskommission für die Jugend- und Freizeiteinrichtungen hat beschlossen, einige Pferde für den Tierpark Sababurg anzukaufen. Ob das Projekt Erfolg hat, ist aber noch unsicher, denn eigentlich ist die Rasse ausgestorben.

Es gibt nur noch wenige Tiere in Deutschland, in denen sich die Eigenschaften der über 200 Jahre lang in Beberbeck gezüchteten Tiere widerspiegeln. „Es gibt mehrere Tiere in Deutschland, die für die Zucht in Frage kommen“, erklärt Angela Webering als stellvertretende Leiterin der Jugend- und Freizeiteinrichtungen des Landkreises Kassel. Sie seien zum Teil aber schon etwas älter und deshalb sei noch nicht ganz klar, ob sie sich noch zur Zucht eignen.

Gleichzeitig laufen inzwischen konkretere Überlegungen, wo im Tierpark man die neuen Pferde und ihrer Ställe unterbringen könnte. Es biete sich vermutlich der Bereich beim Bauernhof an, weil es da auch noch ungenutzte Flächen gebe. Es ist daran gedacht, zunächst drei, vier oder fünf Stuten anzuschaffen.

Weil sich der Pferdebestand aus Beberbeck nach der Auflösung des Gestüts auf mehrere Länder verteilte und mit anderen Rassen mischte, sind reinrassige Beberbecker nicht mehr zu finden. Nur wenige Tiere blieben in der Region.

Für die verwandten Trakehner wurde ein eigenes Zuchtbuch weitergeführt, für die Beberbecker Pferde nicht. „Es ist offen, ob es gelingt, die Pferde als Beberbecker zu deklarieren“, räumt Angela Webering ein. Vor drei Jahren gab es schon einmal ein Expertentreffen, um die Abstammungslinien zu verfolgen. 

Schon da war es höchste Zeit. Webering: „Wir müssen das in diesem Jahr weiterverfolgen, weil sich sonst die Spuren weiter verlieren“.

Suche nach letzten Beberbeckern

Es mutet fast an wie die Suche nach der oft zitierten Nadel im Heuhaufen. Einzelne Nachkommen der einst berühmten Beberbecker Pferde sind heute noch in Russland, Litauen und am Schwarzen Meer nachweisbar.

Dorthin hat es die Nachkommen der Tiere verschlagen, nachdem das Gestüt Beberbeck 1929 aufgelöst wurde, der größte Teil des Pferdebestandes nach Polen verkauft wurde und weitgehend in der Trakehnerzucht aufging. Einige wenige Tiere blieben in der Region und in Deutschland, etwa auf dem Gut Vornholz bei Warendorf. 

Daraus jetzt wieder eine Beberbecker Rasse zu züchten, ist ein ehrgeiziges Vorhaben, räumt Angela Webering vom Landkreis Kassel ein, die sich seit geraumer Zeit mit dem Beberbecker Pferdethema befasst.

AngelaWebering

Der Tierpark Saba-burg, der mit Exmoorponys, Przewalskipferden und Heckpferden bereits drei Wildpferdarten hält, würde damit dann eine vierte Pferdeart beherbergen, und zwar eine mit großer Vergangenheit. Doch die noch lebenden Nachkommen sind alt und es ist fraglich, ob die Tiere noch Nachwuchs austragen können. 

Zudem will man sich wegen der Transportkosten auf Stuten aus Deutschland beschränken, statt beispielsweise in der Ukraine Ausschau zu halten, wie Angela Webering erklärt.

Obwohl die Beberbecker als eigene Rasse nicht mehr nachweisbar sind, gibt es ausreichend Hinweise auf Pferde mit Beberbecker Blut, erklärte sie in einem Beitrag für das Jahrbuch 2018 des Kreises Kassel. 

Die Universität Gießen untersucht im Rahmen einer Doktorarbeit die Abstammung von Pferden mit Beber-becker Blut. Mithilfe von Abstammungsdatenbanken lasse sich der Anteil der Beberbecker Vorfahren berechnen. 

Ziel sei es laut Webering, Pferde, die über möglichst viel genetisches Beberbecker Erbmaterial verfügen, als Zuchtgrundlage einzusesetzen. Bei ausgewählten Tiere könne dann in einem zweiten Schritt der Genanteil über eine Genanalyse festgestellt werden.

Nachfahre: Rob Boy hat noch Beberbecker Blut in sich. Der 15-jährige Wallach wuchs auf dem Hof von Wilfried Sasse auf. Nötig sind aber Stuten. Foto: Thiele

Webering: „Ob sich das Beberbecker Pferd dann tatsächlich wieder als eigenständige Rasse etablieren lässt, bleibt abzuwarten.“ Denkbar wäre auch eine Abbildzüchtung hin zu den Beberbeckern mit den damaligen Eigenschaften. Mit vier bis fünf Pferden aus nachweislich Beberbecker Zucht wäre der Beginn einer Zucht möglich.

 Typische Beberbecker Merkmale waren Intelligenz, ein ausgeglichener und mutiger Charakter, ein gerader und edler Kopf, kleine Ohren, schräge Schultern, harte Hufe, ein kräftiger, mitellanger Rücken, dichtes Langhaar und eine Höhe von etwa 1,63 Meter.

Die Aufzucht einer Herde wäre eine reizvolle Aufgabe für den Tierpark. Und nicht nur das – Nachkommen könnten als Reitpferde abgegeben werden und es könnten sicher auch Ausritte auf den robusten Pferden in den Naturpark Reinhardswald angeboten werden, regt Angela Webering an. 

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