Video: Blecheisenbahn-Sammler spielen in Hofgeismar

Hofgeismar. Einmal im Jahr im Winter treffen sich in Hofgeismar die Sammler seltener Blecheisenbahnen: zum Aufbauen und zum Spielen.

Wer diese Krankheit bekommt, wird sie selten wieder los. „Das Virus richtet keinen Schaden an, es kostet nur Geld“, scherzt einer der Herren und streicht über das fast 80 Jahre alte, immer noch leuchtend bunt lackierte Blechmodell eines Rheingold-Schnellzugwagens. Er redet vom Eisenbahn-Virus, das alle befallen hat, die sich einmal im Jahr in Hofgeismar treffen.

Fast zwei Dutzend Männer und auch einige assistierende Frauen haben in zwei großen Räumen auf Tischen (und nicht mehr wie früher auf dem Fußboden) 320 Meter Metallgleise verlegt, Kabel und Weichen angeschlossen, Lampen und Häuser aufgebaut und setzen gemeinsam an fünf Bedienstationen 45 Lokomotiven und 22 Züge in Bewegung. Zwei Tage dauert der Aufbau, zweieinhalb Tage bleiben zum Spielen. Vergnügen und Entspannung pur.

Als die Spur 0-Züge ihre große Zeit hatten, da gab es noch große Altbaufluchten mit viel Platz zum Aufbauen. Leisten konnten sich die Anlagen ohnehin nur Lehrer, Ärzte, Beamte. Der normale Arbeiter hatte kein Geld übrig für derartiges Spielzeug.

Wer sich heute als Erwachsener mit diesen Eisenbahnen aus Blech befasst, ist meist vorbelastet. Technikspielzeug weckte früher Verständnis und Interesse für Mechanik und Physik. Einige, die als Ingenieure oder Techniker arbeiten, wären ohne die Beschäftigung mit der Modellbahn gar nicht zu ihrem Beruf gekommen, sagt Diplom-Ingenieur Manfred Koch (Chemnitz).

Blecheisenbahn-Sammler spielen in Hofgeismar

Frank Kistner aus Groß-Gerau, der sich seltene Loks und Wagen schon mal aufwändig selber baut, hatte als Kind mit der Spur I-Bahn seines Großvaters gespielt und sie irgendwann kaputt gespielt, den Rest zugunsten einer H0 verkauft. Auf Flohmärkten stieß er dann auf Spur 0-Fahrzeuge, wurde infiziert und baut seitdem an seiner Anlage.

Auch Dieter Hoppe (66) aus Reinhardshagen kam zur Modellbahn, als sein Vater nach dem Krieg eine Bahn kaufte, die jeweils Weihnachten auf- und Mitte Januar wieder abgebaut wurde. Nach vielen Berufsjahren erlag er wieder dem Reiz des Blechs, mit einer mobilen Anlage ist er auf vielen Schauen unterwegs.

Dort stößt man auch auf Experten wie Horst Zwintzscher (67) aus Soest, der Uhrmacher und Maschinenbauingenieur ist und in Kleinserie die Fahrwerke (Motor und Fahrgestelle) neu baut, weil nach Jahrzehnten immer wieder mal welche streiken.

Was den Spur-0-Fans ebenso wie den H0- und anderen Modellbahnern fehlt, ist der Nachwuchs. Die Freizeitangebote für Jugendliche sind heute zu vielfältig.

Vielleicht darf ja mal wieder ein Steppke seinem Opa über die Schulter schauen und sich so ein Virus einfangen, garantiert ungefährlich natürlich.

Kontakt: 01 60/91 63 73 83

Von Thomas Thiele

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