Mahnschreiben von der Kassenärztlichen Vereinigung

Bürokratie statt Zeit für Patienten: Ärzte kritisieren Mehrarbeit

Viel Verwaltungsarbeit und Ärger um die Abrechnung: Dr. Michael Hermeling schließt im Frühjahr nächsten Jahres seine Hausarztpraxis in der Hofgeismarer Innenstadt. Foto: Temme

25.817,44 Euro. Genau diesen Betrag soll Dr. Michael Hermeling an die Kassenärztliche Vereinigung zurücküberweisen. Der Grund: Der Arzt soll zu viel mit Patienten gesprochen haben.

Er wird notfalls dagegen klagen, weil er nicht einsieht, dass ärztliche Leistungen an Richtgrößen oder statistischen Abweichungen gemessen werden.

Auch wenn Dr. Hermeling „ein spezieller Arzt“ ist, wie seine Kollegen in Hofgeismar mit Blick auf seine psychosomatische Zusatzausbildung und seinen Ansatz in traditioneller, chinesischer Medizin sagen, so erzählen sie unter der Hand gerne von ihren Erlebnissen mit der Kassenärztliche Vereinigung (KV) und der Prüfungsstelle.

Mindestens jede zehnte Praxis bekommt pro Jahr ein Mahnschreiben der KV. Fast jeder Arzt wurde also im Laufe seines Berufslebens schon ein- oder mehrmals angemahnt, mehr auf Kosten zu achten. Mit dem dezenten Hinweis, dass sonst Regressforderungen erhoben würden.

Zahlen müssen die wenigsten. „Das Grundproblem ist, dass von dem System aus Angst gesäht wird. Angst, die Ärzte davon abhalten kann, das Richtige zu tun“, sagt ein gestandener Hausarzt, der aber nicht genannt werden möchte: „Ich will nicht ins Visier der KV geraten.“

Das kann teuer werden, wie Dr. Hermeling jetzt erfahren hat. Denn die fast 26.000 Euro betreffen nur das Jahr 2012. Ob für die Jahre 2013 bis 2015 weitere Regressforderungen kommen, weiß er nicht. Hermeling hat jedenfalls die Konsequenzen gezogen. Die Praxis steht zum Verkauf. Er selbst wandert mit der Familie in ein Nachbarland aus. „Der Vertrag ist unterschrieben“, sagt er. Wo, will er nicht verraten. Aber dort werde, im Gegensatz zu Deutschland, ärztliche Leistung geschätzt und honoriert. Hier bringe die Forderung der KV seine wirtschaftliche Existenz ins Wanken.

So krass sagen es zwar die wenigsten Ärzte - aber auch sie beklagen den Rattenschwanz an Arbeit, der auf sie zukommt, wenn die KV mahnt. Schon manch Hausarzt hat die Weihnachtsfeiertage damit verbracht, gegenüber der Prüfstelle genau zu erläutern warum welche Behandlung unbedingt nötig ist. „40 Prozent der Arbeitszeit ist inzwischen Schreibtischarbeit. Nur 60 Prozent kommt dem Patienten zugute“, schätzt Hermeling.

Prof. Erhard Lang

Bei Fachärzten ist der Anteil geringer, aber ebenfalls hoch, so Professor Dr. Erhard Lang, Neurochirurg am Rot-Kreuz-Krankenhaus Kassel. Lang ist Aufsichtsratsvorsitzender der Doxs Kassel, einer genossenschaftlich organisierten Ärzteverbindung, die abseite der KV die Interessen der Ärzte vertritt. Die Doxs geben Hermeling Rückendeckung. „Strafzahlungen und deren Androhung gefährdet die Nachbesetzung freiwerdender Arztsitze“, heißt es in einer Stellungnahme der Doxs. Die Folge wären eine deutlich schlechtere ärztliche Versorgung und eine noch längere Wartezeit auf Termine bei Haus- und Fachärzten. Und das, obwohl die Wartezeit schon jetzt „in vielen Bereichen unzumutbar ist.“

Das sagt die KV

Die Kassenärztliche Vereinigung weist den Vorwurf zurück, dass Menschen aufgrund ihres Alters diskriminiert werden. Die in dem Schreiben an Dr. Hermeling angeführte Grenze von 90 Jahren sei gezogen worden, sagt Karl Roth, Pressesprecher der KV, weil sich hier die Abrechnung einer bestimmten Position gehäuft hätte. Betrachte man den Fall Hermeling weiter, so falle auf, dass er unter dem strittigen Punkt bis zu achtmal häufger abgerechnet habe, als vergleichbare Ärzte. Dass Dr. Hermeling eine bestimmte Patientenstruktur mit einem höheren Bedarf an verbaler Intervention habe, erkenne man an. Doch die Abweichung sei immer noch zu hoch. Dass ein Arzt wirtschaftlich arbeiten müsse, sei im Sozialgesetzbuch verankert. Die KV müsse dies prüfen - auch im Interesse der anderen Arzt-Kollegen. Und die allgemeine Erfahrung zeige, dass die geistige Frische bei hochbetagten Menschen nachlasse, eine verbale Intervention dann also weniger erfolgversprechend sei.

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