Dilemma für Hinterbliebene

Beerdigungen in Zeiten von Corona: Abschied ohne große Nähe

+
Beerdigung mit strengen Vorgaben: In der Coronakrise kann der Abschied von Verstorbenen womöglich nicht so ablaufen, wie Hinterbliebene sich das gewünscht haben. 

Landkreis Kassel: Beerdigungen und Corona – eine Gratwanderung zwischen Trauer und Pandemiebekämpfung.

  • Der Coronavirus breitet sich weiter in der Region Kassel aus
  • Auch Beerdigungen sind von den Auswirkungen betroffen
  • Das Kontaktverbot gilt auch hier 

Hofgeismar - Beerdigungen und Corona – ein Thema, das offensichtlich für Diskussionsstoff sorgt. Das Vorgehen dabei ist eine Gratwanderung zwischen Trauer und Pandemiebekämpfung. In den Rathäusern der Region Kassel geht man mit den Reglementierungen für Beisetzungen in der Krise angemessen sensibel um. „Wir müssen uns natürlich an die Vorgaben des Landes halten“, sagt beispielsweise Hofgeismars Verwaltungschef Markus Mannsbarth.

Die Stadt schicke aber nicht zu jeder Beisetzung einen Mitarbeiter des Ordnungsamtes, um die Einhaltung zu kontrollieren. Das sei auch nicht nötig, meint er. Wie er durch zahlreiche Rückmeldungen wisse, hätten die Hinterbliebenen Verständnis für die Anordnung des Landes und würden sie auch befolgen.

Manche verschieben die Beisetzung

Manche gehen noch einen anderen Weg, berichten Bestatter. Sie verschieben die Beisetzung, in der Hoffnung, dass in einigen Wochen die Personenbeschränkung bei Beerdigungen gelockert wird. Der Weg führt über Urnenbeisetzungen. Bislang, so hieß es im Hofgeismarer Bestattungshaus Tölle, durfte man eine Urne zwei Monate aufbewahren. Dieses Zeitlimit wurde aufgehoben. Nach derzeitiger Regelung könne eine Urnenbeisetzung also auch erst in mehreren Monaten stattfinden. 

Für Hinterbliebene ist diese Überlegung oft ein Ausweg. „Derzeit haben wir drei Urnen hier“, heißt es in dem Unternehmen. Normal ist höchstens eine. Vor allem, wenn der Verstorbene eine große Familie habe, seien die Hinterbliebenen nämlich in einem Dilemma. Die Frage: „Wen laden wir aus?“ Um diese Entscheidung nicht treffen zu müssen, würde die Verschiebung der Beisetzung ins Auge gefasst. Ist die Familie klein, dann findet die Bestattung hingegen zeitnah statt, so lauten jedenfalls die bisherigen Erfahrung im Hofgeismarer Bestattungsunternehmen.

Pfarrer als Überbringer staatlicher Anordnungen

„Es fällt auf jeden Fall schwer, im Beerdigungsvorgespräch zu sagen: Das geht nicht“, sagt der Westuffelner Pfarrer Sven Wollert, der auch Öffentlichkeitsbeauftragter im Kirchenkreis Hofgeismar-Wolfhagen ist. Aber man sei in diesem Fall eben der Überbringer staatlicher Anordnungen. Vonseiten des Kirchenkreises kommuniziere man das auch ganz klar.

Das alles geschehe in der Trauerzeit, wo die Menschen ja grundsätzlich emotionalisiert seien und das Bedürfnis nach Nähe hätten. „Das ist eine toxische Situation“, sagt Wollert. Gerade, weil man als Seelsorger ja sonst ganz bewusst Mut zu einer Kultur des Trauerns und des Abschiednehmens mache.

Abstand: Auch in der Friedhofshalle am Hofgeismarer Stadtfriedhof wurden Sitzplätze entzerrt. Trauerfeiern sind nur für bis zu fünf Personen erlaubt.

Und was könne man tun, wenn auf einmal mehr Menschen als erlaubt bei einer Beerdigung auftauchen würden? „Sollen wir die Polizei rufen? Bei einer Beerdigung? Das will ja auch keiner“, sagt Wollert. Er weiß von Fällen aus dem Kirchenkreis, in denen Menschen versucht haben, die Regeln zu umgehen. In denen auf einmal zum Zeitpunkt einer Beerdigung Besucher auf dem Friedhof „zufällig“ zum Blumengießen auftauchten. 

Es gebe Beispiele von Kommunen, die daher ein Betretungsverbot für den Friedhof während einer Beerdigung erlassen hätten. Und das Thema Abschied und Trauer beschränke sich ja nicht nur auf die Beerdigung selbst. Besuchsverbote in Krankenhäusern und Hospizen führten dazu, dass man Sterbende nicht wie üblich begleiten könne. Dafür gibt es nämlich nur sehr begrenzte Ausnahmen. „Die Angehörigen haben womöglich jemanden dann vor Wochen ins Krankenhaus verabschiedet – und am Ende sehen sie nur eine Urne.“

Zudem seien gerade ältere Menschen in ihrer Trauer allein, auch hier blieben Besuche in Coronazeiten aus. Gerade dann wären Anrufe besonders wichtig, betont Wollert. Wie sehr die Menschen das Thema beschäftigt, könne man auch an den Todesanzeigen sehen, die derzeit erscheinen. Oft sei dort zu lesen: „Wie gerne hätten wir mit vielen Menschen Abschied genommen ...“.

Andere Neuigkeiten zum Coronavirus in der Region Kassel finden Sie im News-Ticker. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.