1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar
  4. Hofgeismar

Die HNA in der Ukraine: Die Anspannung in Kiew steigt

Erstellt:

Von: Gerd Henke

Kommentare

Der friedliche Anschein dieser Straßenszene in Butscha trügt: Zu Beginn des Krieges wurden hier Menschen erschossen, erklärt der 63-jährige Olexander den Besuchern aus Nordhessen.
Der friedliche Anschein dieser Straßenszene in Butscha trügt: Zu Beginn des Krieges wurden hier Menschen erschossen, erklärt der 63-jährige Olexander den Besuchern aus Nordhessen. © Gerd Henke

Eine Woche lang reist HNA-Redakteur Gerd Henke mit Unterstützern aus dem Kreisteil Hofgeismar in die Ukraine. Welche Menschen und Gedanken ihm begegnen, berichtet er in einer Mini-Serie.

Kiew/Butscha – Keiner weiß, wer den Drohnenangriff am Montagabend auf den Kreml zu verantworten hat. War es ein Propagandamanöver der Russen selber? War es die Ukraine? Oder war es ein Angriff von Partisanen?

Klar ist indes, dass die Russen am Donnerstagabend ihrerseits die ukrainische Hauptstadt mit einer Drohne attackierten. Doch die Luftabwehr in Kiew war wiederum auf dem Posten – wie in den meisten Fällen zuvor. Die Drohne wurde zerstört, fiel zu Boden, richtete keinen Schaden an.

„Wir Kiewer kennen das“, sagt Larissa, unsere Dolmetscherin. „Wir vertrauen unserer ,defense’ und gehen davon aus, dass die russischen Angriffe ins Leere gehen.“ Aber dennoch: In diesen Tagen sind alle etwas aufmerksamer und verfolgen die Nachrichten intensiv.

Die HNA in der Ukraine: So leben die Menschen mit dem Krieg

Der Grund: In Moskau ist der rote Platz seit Tagen abgesperrt. Ob die traditionelle pompöse Militärparade am Dienstag, 9. Mai, in Gedenken des Sieges über Nazideutschland überhaupt stattfindet, ist unklar. Möglicherweise müssen die Russen ihre Kräfte sammeln, um der erwarteten Frühjahrsoffensive der Ukraine zu begegnen. Dass die Armee schon bald beginnt, die Russen aus den besetzten Gebieten zu vertreiben, davon gehen unsere Gesprächspartner alle aus.

Eine zerstörte Häuserfront in Butscha.
Eine zerstörte Häuserfront in Butscha. © Gerd Henke

Das beinahe unerschütterliche Selbstvertrauen der Kiewer gründet auch auf ihren Erfahrungen in diesem Krieg. So gelang es ihnen am 3. April vergangenen Jahres, den Feind zurückzudrängen.

In den ersten Wochen des Krieges waren die Russen bis 30 Kilometer vor Kiew vorgedrungen. In Irpin und Butscha setzten sie sich fest und ermordeten, vergewaltigten und folterten Menschen. „600 unserer Leute wurden ermordet“, sagt Olexander, der die dramatischen Wochen damals in Butscha miterlebte. Auch er selber sei bedroht worden. Auf dem Gelände einer Kirche, wo 300 Menschen Schutz suchten, hätte ein Soldat mit der Waffe vor ihm gestanden und gesagt: „Ich kann dich erschießen!“ Olexander erzählt, er hätte seine Arme ausgebreitet, seine Brust freigemacht und ihm entgegnet: „Dann tut es!“ Der Russe habe darauf sein Gewehr gesenkt und von ihm abgelassen.

Ukraine-Krieg: In Butscha und Irpin ist vieles noch immer zerstört

In den Wochen der Besetzung verstellte sich der 63-Jährige und tat, als sei er ein alter, gehbehinderter Mann. Weil er sich in Butscha auskennt, kundschaftete er heimlich die russischen Panzerstellungen aus und gab die Informationen an die Verteidiger weiter. Auch seine Angaben halfen letztlich den ukrainischen Truppen, Butscha und Irpin zu befreien.

Es sind in den beiden 100000-Einwohner-Städte immer noch einige Ruinen zu sehen. In einer Straße, wo die Front verlief, ist noch kein Wohnhaus wieder aufgebaut. An anderen Orten erkennt man nicht mehr, dass hier vor 13 Monaten noch bitter gekämpft wurde. Wie an der Vokzalnaya-Straße, auf der vor einem Jahr noch die Leichen von Menschen lagen, die die Russen offenbar wahllos erschossen hatten.

So geht es weiter

Für HNA-Redakteur Gerd Henke und die Helfer Ottmar Rudert und Günter Rüddenklau war es am Freitag noch unklar, wie es weiter geht. Zur Zeit gibt es Angriffe auf Kiew, die drei müssen wiederholt in den Bunker.

Olexander arbeitet immer noch für die Armee. Heute in offizieller Mission. Er sammelt Geräte, Batterien, Generatoren und alles, was an der Front ersetzt werden muss bei Firmen und Privatleuten ein. Der frühere LKW-Fahrer war einst auch auf deutschen Straßen unterwegs. Er tut dies alles, „weil ich Patriot bin“. Er selber habe sein Leben gelebt, aber es bricht ihm das Herz, wenn er die jungen Leute sehe, die an die Front müssen. Er ahnt wohl, dass nicht alle heil zurückkommen werden.

In diesen Zeiten ist die Hilfe aus Deutschland hoch willkommen. Ottmar Rudert und Günter Rüddenklau ließen im Winter einen Heiz- und Backofen nach Butscha transportieren, gestern holten ihn Andrey und Nadiya ab. Das Ehepaar schafft das Heizgerät in die Region Donezk: „Dort nahe der Front wird es jetzt noch dringender gebraucht.“ (Gerd Henke)

HNA-Redakteur Gerd Henke traf in der Ukraine auch eine junge Ukrainerin, sie lebte einige Monate in Ostheim, kehrte dann nach Zhytomyr zurück und berichtet.

Auch interessant

Kommentare