Dilemma im Einzelhandel

Bekleidungsgeschäfte in Hofgeismar ziehen wegen Corona-Lockdown bittere Bilanz

Stefanie Vinson vor einem Teil ihrer Ware: Die Boutique Broadway soll auch verstärkt im Online-Geschäft präsent sein, plant die Inhaberin.
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Stefanie Vinson vor einem Teil ihrer Ware: Die Boutique Broadway soll auch verstärkt im Online-Geschäft präsent sein, plant die Inhaberin. Den Lockdown nutzt sie, die Veränderungen professionell voranzutreiben.

Das Weihnachtsgeschäft ein Totalausfall. Die Regale und Ständer noch voll behangen mit Wintermode, und nun steht die Frühjahrskollektion vor der Tür.

Hofgeismar - Die Inhaber von Bekleidungsgeschäften stehen vor einem Dilemma. Auch in Hofgeismar wissen viele nicht mehr, wie es weitergehen soll. Auf die angekündigten Überbrückungshilfen der Bundesregierung wartet der Einzelhandel noch, stattdessen muss die georderte Frühjahrsware bezahlt werden, ohne das nennenswerte Umsätze in den Kassen klingeln.

Nolte Mode

Im größten Haus der Stadt, Nolte Mode, sieht die Situation nicht anders aus, sagt Saskia Nolte. Auch hier plätschert das Geschäft derzeit dahin. Die Folge: Alle 18 Angestellte mussten in Kurzarbeit gehen. Trotz der Möglichkeit für Kunden, telefonisch zu bestellen, und die Ware später abzuholen. „Doch davon wird nur eingeschränkt Gebrauch gemacht“, sagt die Juniorchefin. Das kann sie gut verstehen, denn „wer eine Hose oder ein Kleid kaufen will, möchte anprobieren und beraten werden.“ Das allerdings könne nur eingeschränkt angeboten werden. „Ein Spiegel im Eingangsbereich reicht da nicht aus“, sagt Nolte.

Die Winterware, auf der auch Nolte Moden größtenteils sitzen bleiben dürfte, wird für nächstes Jahr aufgehoben und dann zu Winteranfang reduziert angeboten. Manche Artikel bleiben vielleicht auch noch etwas länger im Angebot, als es sonst der Fall ist und werden weiter reduziert. Doch an der katastrophalen Lage werde auch das nichts ändern, ist Saskia Nolte überzeugt.

Boutique Broadway

Nicht euphorisch, aber etwas optimistischer sieht Stefanie Vinson vom Modegeschäft Broadway die Lage. Auch bei ihr ist das komplette Weihnachtsgeschäft weggebrochen. „Das war bitter“, gesteht sie ein. Doch die Wochen danach nutzte sie, um ihre Boutique neu auszurichten. So will Stefanie Vinson in Zukunft mehr auf das Online-Geschäft setzen. Das heißt, ihre Waren sollen einem größeren Kundenkreis präsentiert werden.

Und damit nicht genug, will Stefanie Vinson auch ihre Produktpalette erweitern. Dabei setzt sie auf exklusivere Anbieter, zu denen sie bereits Kontakt aufgenommen hat. Wichtig sei bei alledem aber nach wie vor, so Vinson, die Pflege der Kundschaft. „Ich habe auch in den vergangenen Wochen über Internet stets Kontakt zu meinen Kunden gehalten. Ich glaube, das hat sich ausgezahlt,“ ist Stefanie Vinson überzeugt und will ihrer Kundschaft an dieser Stelle dafür auch ihren Dank aussprechen.

Zugestellt: Der Eingang des Modehauses Nolte wird zur Ausgabe von bestellter Ware geöffnet. Saskia Nolte zeigt Plakate mit ihren Wünschen: „Offen mit Verantwortung“ und „Geschlossen gegen Entmündigung“.

Eberhardt und Terbille

Wenn Karin Kranz, Inhaberin von Eberhardt und Terbille zurückschaut, war für sie im vergangenen halben Jahr nur der Oktober ein normaler Umsatzmonat. Danach rauschte alles in den Keller. Dass auch sie weder im November noch im Dezember die groß angekündigten Überbrückungshilfen erreicht haben, reiht sich für Karin Kranz nahtlos in die trostlose Zeit ein.

Das Geschäft über das Telefon klappt „so lala“, sagt sie. Es sei nicht rosig, bringe aber zumindest etwas. Dennoch mussten auch ihre fünf Angestellten in Kurzarbeit gehen. Und wohin sie mit der nicht verkauften Winterware soll, da die Frühjahrsmode eingeräumt werden muss, weiß sie auch noch nicht so richtig. Was Karin Kranz aber weiß ist, dass auch die nicht stattfindenden größeren Familienfeiern Löcher in ihr Budget reißen. „Für diese Anlässe sind viele Kunden zu uns gekommen und haben sich neu eingekleidet.“ Derzeit heißt es auch dabei: Fehlanzeige.

Genau wie ihre Kollegen kann die Geschäftsfrau nicht verstehen, warum der Einzelhandel überhaupt in den Lockdown gehen musste. Ihr Laden messe 300 Quadratmeter, und in der Regel seien nie mehr als sechs Kunden gleichzeitig im Geschäft – was solle da passieren?

Karin Kranz, Inhaberin von Eberhardt und Terbille.

Textilhaus Erdmann

Auf der Ausgabenseite bleibt alles beim Alten. Nur auf der Einnahmenseite kommt nichts rein. So fasst Tobias Koch die Situation für das Textilhaus Erdmann zusammen, das sein Bruder Thorsten führt. Auch er sagt unverblümt, die Umsätze aus dem Telefonverkauf seien nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Winterware fülle weiter die Auslagen, und die Frühjahrsmode komme. Sie muss bezahlt werden, spricht er das Dilemma an. Gegenüber vielen anderen Einzelhändlern seien er und sein Bruder noch in der guten Lage, keine Pacht oder Miete zahlen müssen, da das Geschäft im eigenen Haus liege. (Peter Kilian)

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