1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar
  4. Hofgeismar

Eichenalleen als Kulturgut: Wie die Straßen im Reinhardswald entstanden sind und erhalten werden

Erstellt:

Von: Hanna Maiterth

Kommentare

Die Eichenalleen stammen noch aus dem 18. Jahrhundert, doch inzwischen haben sich die Anforderungen geändert, die die Straßen werden längst nicht mehr von Pferdewagen befahren.
Die Eichenalleen stammen noch aus dem 18. Jahrhundert, doch inzwischen haben sich die Anforderungen geändert, die die Straßen werden längst nicht mehr von Pferdewagen befahren. © Hanna Maiterth

Sie sollten einst Reisenden und Händlern mit ihren Fuhrwagen Schutz und Orientierung bieten: die Eichenalleen im Reinhardswald.

Reinhardswald – Angepflanzt wurden die inzwischen mächtigen Bäume im Auftrag der Landgrafen im 18. Jahrhundert.

Längst sind die Wege zu asphaltierten Straßen ausgebaut. Längst stehen die Alleen unter Naturschutz und sind Kulturgut. Doch ihre Aufgabe ist gleichgeblieben. Sie verbinden Land und Stadt: Reinhardshagen mit Kassel und Hofgeismar.

Die Pflege der Alleen sowie der sich hindurch schlängelnden Straßen liegt beim Land. Die Straßenbaubehörde Hessen Mobil kümmert sich um den Erhalt der alten Eichen und sorgt gleichzeitig für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer.

Unfallschutz und Naturschutz unter einem Hut

Keine leichte Aufgabe findet Pressesprecher Marco Lingemann: „Wir agieren in einem Spannungsfeld zwischen Unfallschutz und Naturschutz. Wir sind stolz auf das vererbte Kulturgut, aber es zu schützen, ist auch eine Herausforderung.“

Das konnten die Teilnehmer einer Exkursion entlang der Eichenallee am Udenhäuser Stock erfahren. Hessen Mobil bot diese als Netzwerkpartner des Naturparks Reinhardswald im Rahmen des Naturerlebnisse-Programm an. Eine Wiederholung ist geplant, verspricht Lingemann.

Alleen säumten ursprünglich am Hofe die Gehwege, erklärt Denise Golenia, Werkstudentin bei Hessen Mobil. Da sie auch als ästhetische Landschaftsgestaltung empfunden wurden, wurden sie auf den Verbindungswegen zwischen den Städten und den Schlossanlagen auf dem Land angelegt. Sie boten Schutz und Orientierung.

Eichen stellen auch eine Gefahr dar

„Aus heutiger Sicht tragen sie außerdem dazu bei, Abgase und Staub aus der Luft zu filtern und das Grundwasser zu reinigen.“ Obgleich sie also eine wichtige Aufgabe erfüllen, werden Bäume an Straßen wegen der Unfallgefahr auch negativ wahrgenommen, so Golenia.

Kein Wunder, haben sich doch die Anforderungen geändert. Zwischen den Bäumen zockeln nicht mehr gemächlich die Pferdewagen hindurch. Nun brausen Autos, Busse und Lastwagen mit in der Regel bis zu 80, 90 Stundenkilometern über den Asphalt. „Die schwersten Personenschäden entstehen bei Verkehrsunfällen an Bäumen“, weiß Lingemann.

Und die dicken Eichen stehen zum Teil so nah an der Straße, dass sie den Asphalt berühren. Nicht selten ist auf Augenhöhe ein rundes bis ovales Loch in der Rinde der Bäume zu sehen. Das sind Wunden, die bei Verkehrsunfällen entstanden sind.

Landschaftsökologe Georg Einwich erklärt, welche Lebewesen in den und um die alten Eichen leben und welche Auswirkungen Verkehrsunfälle haben.
Landschaftsökologe Georg Einwich erklärt, welche Lebewesen in den und um die alten Eichen leben und welche Auswirkungen Verkehrsunfälle haben. © Maiterth, Hanna

Es sind Unfälle, die auch den mächtigen Jahrzehnte alten Eichen schaden. Dabei verbirgt sich in ihnen eine ganz eigene Lebenswelt. Die Alleen im Reinhardswald sind nämlich Heimat für Käfer, Schmetterlinge, Vögel, Wildbienen, Fledermäuse und zahlreiche weitere Tiere, erklärt Georg Einwich. „Etwa je 500 verschiedene Käfer- und Schmetterlingsarten leben in einer Eiche.“

Der Landschaftsökologe kümmert sich bei Hessen Mobil um die Landespflege und alle naturschutzsachlichen Belange. Dazu gehören auch Ausgleichs- und Kompensationsmaßnahmen, wenn eine der Eichen nicht mehr zu retten ist.

413 Eichen säumen die Landesstraße zwischen Reinhardshagen und Hofgeismar

Doch bevor es dazu kommt, werden „alle Möglichkeiten zum Erhalt überprüft und ein Pflegekonzept entwickelt“, sagt Einwich. Für jede der geschützten Eichen gibt es seit etwa zwei Jahren ein Gutachten und die Bäume werden regelmäßig kontrolliert.

Allein 413 Eichen säumen die Landesstraße zwischen Reinhardshagen und Hofgeismar. Manche der Kronen wurden inzwischen ausgedünnt und die Äste mit Seilen stabilisiert. Das fällt alles unter die Pflege, erklärt Einwich. Muss doch ein Baum gefällt werden, bleibt nicht selten der Stamm als Lebensraum für die Tiere stehen.

Die neuen Eichen, die als Ersatz gepflanzt werden müssen, um die Alleen zu erhalten, werden dann mit mehr Abstand zur Straße gepflanzt. So sollen Verkehrsteilnehmer und Bäume geschützte werden. (Hanna Maiterth)

Service: Nachfragen beantwortet Hessen Mobil unter Tel. 0 56 91/89 31 61 oder unter nordhessen@mobil.hessen.de

Hintergrund

Ein Baum, der 100 Jahre ist, kann nicht eins zu eins ersetzt werden, sagt Landschaftsökologe Georg Einwich. Deshalb werden die Eichen mit Punkten bewertet. Kriterien sind unter anderem der Durchmesser des Stamms und der Wuchs der Krone. Entsprechend dieser Punkte muss eine Fällung mit mehreren neuen Bäumen kompensiert werden.

Ursprünglich lagen die Abstände zwischen den Eichen der Alleen bei acht bis zehn Meter. Inzwischen wird aber mehr Platz gelassen: etwa 20 bis 25 Meter. Dadurch wachsen die Bäume vitaler, erklärt Georg Einwich.

Bevor eine Eiche gefällt wird, wird sie genau überprüft. Dabei wird auch geschaut, ob Höhlen besiedelt sind. Leere Höhlen werden mit Schaumstoff verstopft, damit keine neuen Bewohner einziehen. Wurde doch mal ein Tier übersehen, kann es notfalls den Schaumstoff von innen raus drücken, erklärt Einwich.

Zwar stehen alle Eichen der Alleen im Reinhardswald unter Beobachtung, doch es sind nicht mal 50, die besonders streng im Blick behalten werden, sagt Georg Einwich.

Auch interessant

Kommentare