Fleischer und Landwirte aus der Region äußern sich

Diskussion um Mehrwertsteuererhöhung: Fleisch wird zu wenig geschätzt

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Die Kunden haben es in der Hand: Wer im Fachgeschäft mit regionalen Lieferanten einkauft, statt Billigangebote aus der Großschlachterei, der kann artgerechte Haltung belohnen. Unser Bild zeigt Josephine und Jürgen Dörbaum beim Einkauf in der Fleischerei des Obermeisters Uwe Köhler in Hofgeismar, bedient von Birce Schindowsky.

Höhere Mehrwertsteuer auf Fleischprodukte für mehr Tierwohl: Der Vorschlag stößt bei Landwirten der Region auf Zustimmung. Auch Metzger verschließen sich dem Gedanken nicht.

Bedingung für eine Anhebung der Mehrwertsteuer für Fleisch und Wurstwaren von 7 auf 19 Prozent müsse allerdings sein, dass sie tatsächlich dem Tierwohl zugutekommt. Das sagt Jörg Kramm (Grebenstein), stellvertretender Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Kurhessen und selber Schweinemäster. 

Wenngleich ihm bewusst ist, dass die Mehrwertsteuer nicht zweckbestimmt erhoben wird, müssten die Mehreinnahmen, die der Staat dadurch erziele, bei den Produzenten und damit bei den Tieren ankommen. Wenn der Gesetzgeber beispielsweise verlange, dass Mastschweine zehn Prozent mehr Platz in einer Schweinebucht brauchten, „dann brauchen wir als Erzeuger einen Ausgleich für die geringer ausfallenden Produktionszahlen“, sagt Kramm. 

Das hätte zudem den den Begleiteffekt, dass der Markt entlastet würde und die Preise anziehen könnten. „Denn das Hauptproblem ist, dass Fleisch grundsätzlich zu billig ist“, sagt Kramm. 

Artgerechte Zucht würden profitieren

Auch Bruno Fülling aus Zwergen hat nichts gegen eine Mehrwertsteuererhöhung für Fleisch: „Unser Betrieb würde davon sofort profitieren, denn wir halten unsere Tiere schon heute artgerecht.“ Die 250 Schweine Füllings stehen auf Stroh in Ställen mit viel Platz und seine 180 Charolais-Rinder werden auf der Weide gehalten. 

„Optimaler kann’s nicht sein“, sagt Fülling und das werde von bewussten Verbrauchern auch honoriert. Das sehen auch viele Schlachter so. Thomas Koch aus Calden, Vorstandsmitglied der Fleischerinnung Hofgeismar-Wolfhagen, meint aber auch, dass die Menschen eine grundsätzlich andere Haltung zu Lebensmitteln haben und diese mehr wertschätzen müssten.

Wohl der Tiere muss ins Blickfeld rücken

Das Wohl der Tiere muss mehr in unser aller Blickfeld rücken. Das meinen nicht nur die Produzenten, sondern auch immer mehr Kunden. So gehört beispielsweise auch der Transport von Tieren zum Tierwohl. Wenn Schlachttiere hunderte von Kilometern oder gar tagelang transportiert werden, so kann das nicht im Sinne des Tierschutzes sein.

So legen der Grebensteiner Schweinemäster Jörg Kramm wie auch sein Zwerger Kollege Bruno Fülling Wert darauf, dass ihre Schlachttiere nicht weiten Wegen ausgesetzt sind. Während Kramm seine Schweine zu Hofgeismarer Fleischereien bringt, kommen Füllings schlachtreife Charolais-Rinder ins nahe gelegene Warburger Schlachthaus und die Schweine zu einer Landschlachterei nach Oberelsungen. 

„Das ist eine Produktionskette auf regionaler Ebene“, sagt Fülling. Ein Großteil seines Rindfleisches und auch das Schweinefleisch kann Familie Fülling im eigenen Hofladen in Zwergen verkaufen: „Unsere Kunden wissen das zu schätzen.“

Auch bei der Kundschaft verändert sich die Einstellung

Metzgermeister Thomas Koch aus Calden beobachtet, dass sich auch bei der Kundschaft etwas bewegt. Er glaubt nicht, dass eine Verteuerung des Fleisches sofort einen positiven Effekt auf die Tierhaltung hat. Auch eine Ampelkennzeichnung für gute und weniger gute Lebensmittel bringe nicht viel, meint der Metzger. Es gehe ums Grundsätzliche. „Wir müssen mit der Ressource Fleisch sorgsamer umgehen und dürfen nicht soviel wegwerfen“, sagt Koch mit dem Hinweis, dass 30 Prozent der Lebensmittel im Müll landen.

Staatliche Regulierungen oder Mindestpreise hält er für schwer umsetzbar. Thomas Koch: „Es muss allen bewusst werden, dass wir so nicht weiterleben können“.

Metzger: Fleisch ist heute viel zu billig

Schweinefleisch etwa sei heute viel zu billig. „Manche Leute geben 3000 Euro für einen Grill aus, aber das Schnitzel darf keinen Euro kosten“, weist er auf ein krasses Missverhältnis bei den Werten hin. Immerhin merkt er bei sich im Geschäft schon Veränderungen. 

Es werde mehr gutes Fleisch gekauft und dafür aber kleinere Mengen, berichtet der Metzger, der zudem ein Fan ist des Prinzips, regional einzukaufen und saisonal zu essen. Also Erdbeeren im Sommer und Kohl im Winter und nicht Spargel das ganze Jahr. Das mache den Speiseplan auch spannender, gibt er seine persönliche Überzeugung wieder: „Es kann eben nicht jeden Tag Weihnachten sein.“

Dafür, dass seine Schlachttiere aus artgerechter Haltung kommen, zahlt er seinen Tierzüchtern höhere Prämien. Und weil die Tiere Auslauf haben und auf Stroh stehend statt auf Spaltenböden, fällt weniger Gülle an und damit weniger Nitrat. Letztlich handelt es sich um einen Kreislauf, den man an der richtigen Stelle ankurbeln muss, damit er richtig läuft.

Hintergrund: 7,3 Prozent Treibhausgase aus Landwirtschaft

Die Mehrwertsteuererhöhung von 7 auf 19 Prozent ist eine Forderung von Tierschutzverbänden. In die politische Diskussion eingebracht wurde sie aktuell von SPD und Grünen. Vielen Politikern ist bewusst, dass unter der Massenproduktion von Fleisch nicht nur die Tiere, sondern auch die Umwelt leiden. Die Landwirtschaft, einschließlich Futtermittelanbau und Tiermast, trägt nach Berechnungen des Umweltbundesamts zu 7,3 Prozent aller Treibhausgasemissionen bei.

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