Erinnern an Nazi-Verbrechen bleibt aktuelle Aufgabe

Für Frieden und Gerechtigkeit ist Erinnerung nötig: Das stand im Mittelpunkt der Andacht für die millionenfachen Opfer der grausamen Nazi-Diktatur im Haus der Kirche in Kassel. „Wir als Kirche waren zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mutig“, erklärte Pfarrer Dr. Lutz Friedrichs . Die Andacht wurde von Schülern des Friedrichsgymnasiums (FG) mitgestaltet. Dabei waren auch Prälatin Marita Natt (2. von links) und regionale Preisträger der Obermayer-Stiftung, die sich um die Erhaltung jüdischer Geschichte und Kultur verdient gemacht, darunter Dr. Michael Dorhs (5. von links), der sich im Stadtmuseum Hofgeismar engagierte. (pdi) Foto: Thiele

Kassel/Hofgeismar. Die Erinnerung an die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten bleibt auch über 70 Jahre nach den Ereignissen eine hochaktuelle Aufgabe, „eine Bildungsaufgabe vor allem“, betonte Prälatin Marita Natt in der Veranstaltung zum Gedenken an die ermordeten Juden aus den Gemeinden Kurhessen-Waldecks bei der Veranstaltung am Donnerstag im Haus der Kirche in Kassel.

„Junge Menschen müssen herangeführt werden an die jüdische Kultur in Deutschland und Europa, damit sie verstehen, was geschehen ist und geschehen kann.“ Mit Blick auf die geladenen Ehrengäste, die Träger des renommierten „Obermayer German Jewish History Award“ aus dem Bereich der Landeskirche zwischen 2002 und 2014, hob die Prälatin hervor, dass der Reichtum der Geschichte des europäischen Judentums mit seiner tiefen Verflechtung in die Kultur und Zivilisation des Abendlandes sichtbar gemacht werden müsse. Zu den Preistträgern gehört auch Dr. Michael Dorhs vom Stadtmuseum Hofgeismar.

„Lassen Sie nicht ab, um des guten Lebens willen Geschichten aus schlimmen Zeiten zu erzählen. Das ist Dammbau gegen Geschichtsvergessen und Unmenschlichkeit.“

Gerade die Bewahrung von Zeitzeugenschaft und der Ver-such, das gemeinsame Zusammenleben von Juden und Christen in den Gemeinden zu rekonstruieren, sei an der Idee des Obermayer Award wichtig und motivierend. Mit dem Empfang wurden die Preistträger besonders gewürdigt.

Frieden sei nur zu finden über die Erkenntnis dessen, was wir anderen angetan haben, sagte Natt, die früher Pfarrerin in Hofgeismar und Gottsbüren war. Es gelte, sich für den Schmerz der anderen zu öffnen. Wenn man durch Begegnungen mit Zeitzeugen, Betrachten eines erinnerungsbeladenen Gegenstandes oder Lektüre eines Dokuments erfahre, was es heißt, verfolgt, verachtet und bedroht zu sein, sei viel erreicht.

Schwierige Bildungsaufgabe

Die Erinnerung an den Holocaust sei eine hochaktuelle Bildungsaufgabe, sagte Natt weiter. Dafür benötige man aber geschickt und gut aufgearbeitete Materialien, damit die Erinnerungsarbeit nicht von vornherein verweigert werde. Die Obermayer-Preisträger hätten sich dieser Herausforderung gestellt und einen Impuls gegeben, dem in der Bildungsarbeit der Kirche und in den Schulen nachge-gangen werden müsse. Der Preis würdige Menschen, die sich dieser Erinnerungsarbeit stellten. Nach Ansicht der Prälatin würden diese Preisträger auch mit dem Gewinnen von faszinierenden Entdeckungen jüdischen Lebens belohnt. Marita Natt: „Und darum geht es doch: Um das Leben. Um das gute Leben. Lassen Sie nicht ab, um des guten Lebens willen Geschichten aus schlimmen Zeiten zu erzählen. Auch das ist Dammbau! Damit wir nicht überschwemmt, überwältigt werden von Antisemi-tismus, Geschichtsvergessenheit und Unmenschlichkeit.“

Damm droht zu brechen

Warum möglichst konkrete Erinnerungen auch künftig wichtig sind, beschrieb Prälatin Marita Natt mit einem Zitat: In den Niederlanden gab es rund alle einhundert Jahre schwere und verheerende Überschwemmungen. Wieso dieser Rhythmus? Die Generation derer, die einen Dammbruch erlebt hatte, tat alles dafür, es dazu nicht mehr kommen zu lassen und investierte alle Kraft in den Dammbau.

Die Generation danach tat es aus Rücksicht auf die Alten und weil sie den Schrecken des Geschehens aus den Erzählungen der Zeitzeugen noch spürten. Die Enkel hingegen, die es nicht mehr aus eigener Anschauung kannten und Zeitzeugen kaum noch erlebten, vernachlässigten den Dammbau mit dem Argument: die letzten Jahrzehnte sei ja nichts passiert und man habe jetzt doch die perfekten Dämme, sagte Marita Natt, die früher Pfarrerin in Hofgeismar war. Sie erklärte dazu warnend: „Das Bild vom Damm spricht für sich. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und bedenkliche Formen von Nationalismus erheben wieder ihre Stimmen, und der Damm fängt schon wieder an, da und dort zu bröckeln. Oft einfach aus Unkenntnis und mangelnder Sensibilität, oft aus roher Missachtung des historischen Erbes, oft aber auch aus brutalem politischem Kalkül.“

Die Gedenk-Andacht wurde mitgestaltet von Schülern des Friedrichs-Gymnasiums Kassel, die vom Versöhnungsprojekt „Zweimal Heimat - von Kassel nach Ramat-Gan“ berichteten.

Einer der Preisträger des Obermayer-Awards war 2009 Michael Dorhs (53), der als junger Theologie-Student beim Aufbau der Abteilung für jüdische Geschichte im Museum seiner Heimatstadt Hofgeismar half. Er befragte viele Zeitzeugen, schrieb sieben Bücher und etliche Artikel zum Thema regionales Judentum. (tty)

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