Konkurrenzangebot nachmittags zu groß

Gottesdienstzeiten: "Verlegung macht keinen Sinn"

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Abwechslungsreiche Angebote: Mit besonderen Veranstaltungen, wie hier beim Freiluft-Gottesdienst an Himmelfahrt auf der Wilhelmswiese in Northeim, schaffen die Kirchen es, ihre Sitzbänke zu füllen.

Hofgeismar. Spätere Gottesdienstzeiten brächten laut Pfarrer Sven Wollert und Dechant Harald Fischer nicht mehr Besucher.

Eine Verlegung des Gottesdienstes von Sonntagmorgen auf den Nachmittag hält Sven Wollert, Pfarrer in Westuffeln und Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Hofgeismar, nicht für sinnvoll. Damit reagiert Wollert auf eine derzeit in der Evangelischen Kirche Deutschland geführte Diskussion: Die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, hatte angeregt, den traditionellen 10-Uhr-Gottesdienst auf eine spätere Tageszeit zu verschieben. Damit will sie leeren Kirchen am Sonntagmorgen entgegen wirken. Die Lebenswirklichkeit von Familien sei eine andere geworden.

Sven Wollert

„Ich verspreche mir nichts von einer Verlegung auf den Nachmittag“, sagt Wollert. Es gebe sicherlich Menschen, denen der Gottesdienst am Morgen zu früh ist, aber am Nachmittag sei das Konkurrenzangebot einfach zu groß. „Der Nachmittag ist bei den meisten verplant, beispielsweise mit Sportaktivitäten oder Ausflügen mit der Familie“, sagt der Pfarrer. Der Gottesdienst am Sonntagmorgen sei - Gott sei Dank - noch gesetzlich weitgehend vor Konkurrenz geschützt. Auch eine grundsätzliche Verlegung auf die Abendstunden hält Wollert nicht für vorteilhaft. „Wir bieten bei uns im Kirchenkreis häufig auch Abendgottesdienste um 17 oder 18 Uhr an. Ich kann aber nicht behaupten, dass dort mehr Besucher kommen als morgens. Wegen einer anderen Uhrzeit würde uns niemand die Hütte einrennen.“

Die Kirchen seien am besten gefüllt, wenn vorher eine außergewöhnliche Gestaltung des Gottesdienstes angekündigt wurde oder aber bei speziellen Anlässen. Weihnachten, Ostern und Pfingsten seien die stärksten Tage in den Kirchen. An Heiligabend besuchten beispielsweise über 14 000 Gäste die Gottesdienste im Kirchenkreis. 84 Veranstaltungen wurden angeboten.

Auch Dechant Harald Fischer glaubt nicht, dass allein eine Verlegung der Uhrzeit mehr Besucher anlockt. Zwischen elf und 15 Prozent der Katholiken besuchen bundesweiten Zählungen zufolge regelmäßig den Gottesdienst. „Das ist auch im Bistum Fulda so, auch im ländlichen Raum.“ In katholisch geprägten Gegenden wie Naumburg und Volkmarsen seien die Zahlen etwas höher, im Bereich Hofgeismar niedriger. „Sicher ist es dringend notwendig, bei der Gestaltung der Gottesdienste die konkrete Wirklichkeit in den Blick zu nehmen.“ Dazu gehöre, dass bei den Zeiten die Lebensgewohnheiten der Menschen berücksichtigt würden. Daher richte die katholische Kirche Gottesdienste seit Jahrzehnten Samstag und Sonntag zwischen 10 und 19 Uhr aus.

Dies sei jedoch nur ein Aspekt. Da im Gottesdienst der Glaube gefeiert werde, sei die zentrale Herausforderung, den Menschen Zugänge zum Glauben zu ermöglichen. „Christsein gibt es nicht mehr als kulturelle Prägung, sondern als individuelle persönliche Entscheidung Einzelner.“ (gsk/cha)

Hintergrund: Die Kirchen experimentieren

HaraldFischer

In der katholischen Kirche sind Vorabendmessen am Samstag seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 60er-Jahre etabliert. Die protestantischen Kirchenordnungen legen hingegen den Sonntag für die Hauptgottesdienste fest, da an diesem Tag die Auferstehung gefeiert wird. Bei der Uhrzeit lassen sie jedoch Freiraum.

Im Rheinland veranstalten einige Gemeinden statt des Kindergottesdienstes am Sonntag einen Kinderbibelmorgen am Samstag. In der hessisch-nassauischen Kirche sind laut Kirchensprecher Volker Rahn auch Kinder- und Jugendgottesdienste am Freitagnachmittag an der Tagesordnung, da Familien die Wochenenden für Ausflüge nutzen. Das jüngste Experiment der Darmstädter sind Sublan-Gottesdienste im Internet, an denen sich die Gläubigen interaktiv beteiligen können. (dpa/gsk)

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