150 Liter Wasser pro Kuh

Wegen Hitze und Dürre: Futter für das Vieh wird knapp

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Kein frisches Gras mehr auf der Schafweide: Auch Schäfer Thomas Köster aus Friedrichsfeld muss zufüttern.

Hofgeismar. Die Viehweiden im Kreisteil Hofgeismar sind weitgehend abgefressen. Auf manchen Flächen ist stellenweise der blanke, staubtrockene Boden zu sehen.

Im Vorgarten wächst kein Rasen mehr und auf Wiesen und Weiden verdorrt das Gras. Die Dürre bringt zunehmend Probleme für viehhaltende Betriebe. Besonders betroffen sind Milchbauern – ihnen droht das Futter auszugehen. 

Schäfer Thomas Köster, Friedrichsfeld, muss zufüttern, da Wiese sehr karg sind.

Der erste Grünschnitt in diesem Frühjahr fiel noch ganz passabel aus. Die Wurzeln der aufwachsenden Gräser waren aufgrund des niederschlagsreichen Winters noch gut versorgt. Doch als Ende März die nun schon seit Monaten anhaltende Trockenheit einsetzte, war der zweite Schnitt im Mai schon dürftiger. Und dann war Schluss. Ohne Regen wuchs das Gras nicht mehr und an einen dritten und vierten Schnitt ist nicht mehr zu denken. „Jetzt weiden Schafe auf unserem Grünland“, sagt Milchbauer Fred Becker aus Reinhardshagen, „das Mähen lohnt nicht mehr“. 

Zum Glück verfügt Becker noch über Vorräte aus dem vergangenen Jahr in Form von Gras- und Maissilage, die er im Winter zufüttern wollte. Dem Landwirt ist nicht nur das frische Gras ausgegangen, nun droht auch noch der Mais zu verkümmern, dem Futtergetreide fehlt ebenfalls das Wasser zum Wachsen. „An solch eine Trockenheit wie dieses Jahr kann ich mich nicht erinnern“, sagt Becker. 

Das Silo von Milchviehhalter Eckard Kersten in Schöneberg ist in vier Wochen leer. Normalerweise wären die anderen Bereiche längst aufgefüllt.

„Viele Betriebe haben keinen Jahresvorrat auf Halde“, sagt Stefan Strube vom Regionalbauernverband Kurhessen. Deshalb seien Rinderhalter schon jetzt auf der Suche nach Grundfutter. Der Bauernverband hat darauf reagiert und eine Futterbörse auf seiner Homepage eingerichtet. Dort werden Heu, Stroh, Mais- und Grassilage vermittelt. 

Das hessische Landwirtschaftsministerium erkennt die Grundfutternot der Bauern an. Deshalb hat es auf Antrag der Bauernverbände in den Landkreisen Kassel, Werra-Meißner und Schwalm-Eder seit 16. Juli das Mähen von Brachflächen erlaubt. Die stillgelegten Flächen werden normalerweise der Natur überlassen.

Verbände fordern Staatshilfen

Wenn Milchbauern über zu wenig eigene Vorräte verfügen, weil Gras und Mais nicht mehr aufwachsen, haben sie zwei Möglichkeiten: Entweder sie kaufen Futter hinzu oder sie lassen notschlachten. Beide Alternativen führen dazu, dass die Produktionskosten steigen, einmal direkt, das andere Mal indirekt. Derzeit zahlen die Molkereien pro Kilogramm Milch rund 32 Cent. Das ist für die Betriebe gerade noch auskömmlich. Bei steigenden Kosten aber wird’s eng. Kühe geben bei den gegenwärtig hohen Temperaturen bis zu 20 Prozent weniger Milch. Dadurch verringern sich die den Molkereien angelieferten Mengen. Das wiederum dürfte zu einem Anstieg der Preise führen. Ob die indes die Einnahmeverluste aufgrund der geringeren Mengen ausgleichen, ist ungewiss. Bauernverbände fordern daher Staatshilfen auch für viehhaltende Betriebe.

Saftige grüne Wiesen sind längst nicht mehr im Kreisteil Hofgeismar zu sehen: Weidetiere wie die Kühe von Rainer Jäger aus Schöneberg finden im Freien nicht mehr genügend zu fressen, müssen deshalb mehr als gewöhnlich zugefüttert werden.

Landwirte müssen improvisieren

Aber auch die Futtersilos der viehhaltenden Betriebe gehen zur Neige. Wo Milchbauer Eckard Kersten aus Schöneberg in normalen Jahren sein Silo zu dieser Zeit längst wieder aufgefüllt hat, herrscht derzeit Leere. Vier Wochen noch, dann ist das Silo komplett leer.

Doch Rinder brauchen nicht nur ausreichend Futter, sondern auch ziemlich viel Wasser. So benötigt eine Milchkuh bei den derzeitigen Temperaturen rund 150 Liter pro Tag. Tränken müssen für die Tiere jederzeit zu erreichen sein, informiert das Veterinäramt des Landkreises Kassel.

Landwirtschaftliche Betriebe würden in der Regel über ausreichend Sachkunde und technische Ausrüstung verfügen, sagt Amtstierärztin Dr. Anke Reisse. „Die derzeitige Hitze stellt allerdings die kleinen Tierhaltungen und Hobbyhalter vor große Herausforderungen“, sagt Dr. Reisse, denn dort sei noch viel Handarbeit nötig. So müssten zum Beispiel Wasserbottiche unter Umständen mehrfach täglich kontrolliert und aufgefüllt werden. Zudem müssen Witterungsschutz und Schatten zwingend vorhanden sein.

Auch die Ponys von Familie Kersten in Schöneberg finden nicht mehr genügend fressen auf der Weide, deshalb muss Heu zugefüttert werden.

Ein Pferd säuft im Durchschnitt 30 bis 50 Liter pro Tag. Bei Temperaturen über 30 Grad suchen Pferde bis zu zweimal pro Stunde die Tränke auf. Schafe und Ziegen benötigen ebenfalls Wasser in Trinkwasserqualität – während ausgedehnter Hitzeperioden kann sich der Wasserbedarf von Schafen von vier Litern am Tag auf bis zu 18 Liter steigern. Bei Ziegen beträgt der Wasserbedarf abhängig vom Gewicht bei den aktuellen Temperaturen rund vier Liter am Tag.

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