„Eine nicht erfüllbare Geduldsaufgabe“

Senioren und Angehörige verunsichert über Terminvergabe für Impfung

Im Kampf gegen die Coronapandemie liegen die Hoffnungen auf Impfungen. Doch zum Start der Terminvergabe gibt es Probleme.
+
Im Kampf gegen die Coronapandemie liegen die Hoffnungen auf Impfungen. Doch zum Start der Terminvergabe gibt es Probleme.

Elsbeth K. (Name der Redaktion bekannt) aus Bad Karlshafen, fast 84 Jahre alt, lebt noch im eigenen Zuhause. Nun will sie sich gegen Corona impfen lassen.

Kreisteil Hofgeismar - Würde sie in einem Altenheim leben, käme ein mobiles Impfteam direkt dorthin. So aber muss sie sich selbst um die Impfung kümmern. Und die Terminvergabe und die Entfernung zum Impfzentrum in Kassel beziehungsweise später in Calden (mehr als 40 Kilometer) sind eine Herausforderung.

Das Fallbeispiel

„Sie hat keinen Internetanschluss und die Telefonhotline ist für betagte Bürger eine nicht erfüllbare Geduldsaufgabe“, beschreibt der Sohn der 84-Jährigen, der in Niedersachsen lebt und daher nicht ständig vor Ort in Bad Karlshafen ist, die Situation. Er meint, dass zur Lösung dieses Problemkomplexes nur der Landkreis und die Kommunen beitragen könnten. Denn dort seien die Daten der Menschen vorhanden und es müsse möglich sein, alle die Menschen zu finden, die beispielsweise über 80 sind und nicht in Pflegeeinrichtungen leben. Dort seien auch persönlicher Kontakt und eine koordinierte Umsetzung möglich, meint er.

Die Zuständigkeit

Kommunen und Kreis sind allerdings für die Terminvereinbarung nicht zuständig. Diese erfolgt nur über das Land. Über Hausarzt, Kommune oder Kreis ist eine Anmeldung nicht möglich. Weil viele Senioren oder deren Angehörige gestern allerdings nicht über die vom Land genannten Hotlines durchkamen, liefen die Leitungen des Landkreis-Bürgertelefons heiß. „Wir verstehen den Frust der Leute“, sagt Vize-Landrat Andreas Siebert. Auch die Mitarbeiter des Bürgertelefons seien unglücklich über die Situation – immerhin könnten sie nicht helfen, da die Organisation der Termine eben komplett vom Land organisiert werde.

Probleme im Wesertal

Bei Versuchen, per Telefon durchzukommen, tauchten gestern in der Gemeinde Wesertal zusätzliche Probleme auf: Wenn dort aus Orten mit den Vorwahlen 0 55 71,  72 und  74 die 116 117 gewählt wird, landet man beim Notdienst in Niedersachsen. Immerhin nimmt jemand ab, kann aber über die Grenze nicht helfen. Bürgermeister Cornelius Turrey empfiehlt deshalb, aus Wesertal eine hessische Vorwahl zu ergänzen – etwa 0 56 71/116 117. Ein Anwohner aus Lippoldsberg kam gestern bei der Hotline durch, aber nur ins Wirtschaftsministerium.

Das Anschreiben

In einem Brief, der in dieser Woche von der Landesregierung mittels Daten des Rechenzentrums eKom21 an die 80-jährigen und älteren Menschen in Hessen verschickt wird, weist das Innenministerium auf die Regelungen der Terminvereinbarung über Telefon oder Internet hin.

Interessant für viele Senioren: Es gibt Hinweise für den Fall, dass man nicht selbst mit dem Auto kommen kann und auch kein Verwandter, Nachbar oder Freund fahren kann. Dann solle man sich an lokale Fahrdienste oder seine Stadt oder Gemeinde wenden. Falls man einen Erstattungsanspruch für die Fahrtkosten hat, solle man dies mit seiner Krankenkasse klären und falls diese ablehne, trage das Land die Kosten, heißt es in dem von den Ministern Peter Beuth und Kai Klose unterzeichneten Brief.

Sollte man „aus gesundheitlichen Gründen“ das Impfzentrum nicht aufsuchen können, dann habe man „zu einem späteren Zeitpunkt“ die Möglichkeit, sich zuhause von mobilen Teams impfen zu lassen – ein Formular dazu liegt dem Schreiben bei. Solche Teams sind bereits seit 27. Dezember im Kreis unterwegs und impfen in Altenheimen und Krankenhäusern. Zuletzt habe man innerhalb von zwei Tagen 700 Mitarbeiter des Gesundbrunnens in Hofgeismar und Beberbeck geimpft, erklärt Kreissprecher Harald Kühlborn.

Die Kommunen

Die Bürgermeister im Kreisteil Hofgeismar wurden am Montagabend von den neuen Regelungen zu den Fahrdiensten überrascht. Wie Bürgermeister Torben Busse (Hofgeismar) auf Anfrage erklärt, beschäftige die Rathäuser jetzt die Frage, wie man diejenigen, die nicht mobil genug seien und gleichwohl Termine bekommen haben, gezielt ansprechen oder auf deren Anfragen reagieren könne. Etwa was die Anzahl von Personen unterschiedlicher Haushalte pro Fahrzeug angeht und Ähnliches. Busse: „Da sind wir hier im Rathaus noch in Klärung. Übrigens auch alle anderen Rathäuser, die bereits auf meine Fragen in die Runde der Altkreis-Bürgermeister geantwortet haben.“ Bis die Impfungen kommende Woche langsam anlaufen, werde man zumindest in Hofgeismar sicherlich ein Angebot aufgebaut haben. Da sei er zuversichtlich. Die richtigen Personen anzuschreiben, wie von dem Sohn der Bad Karlshafenerin angeregt, sei kein Problem: Das Land habe sich über das kommunale Rechenzentrum bereits die Daten besorgt.

Die Lösung

Auch für Elsbeth K. aus Bad Karlshafen könnte sich eine Lösung finden lassen. Der dortige Bürgermeister Marcus Dittrich sagte auf Anfrage, dass sich Menschen, die keine Möglichkeit haben, das Impfzentrum mit Auto, Angehörigem oder öffentlichen Personennahverkehr zu erreichen, an die Stadt wenden könnten. Man werde einen Fahrdienst organisieren, zum Impfstart in Calden soll es dazu Infos geben.  (Thomas Thiele und Matthias Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.