100 Jahre Bauhaus in Hofgeismar

100 Jahre Bauhaus: Das Hofgeismarer Künstlerpaar Fritz und Hedwig Brill

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Der Fotograf Fritz Brill und seine Frau Hedwig Brill haben beim Bauhausmeister Johannes Itten gelernt und sich dort verliebt. Ihr Sohn und Enkelsohn erinnern sich zurück. 

„Die lebendigste Erinnerung an meine Großmutter ist, wie sie mit 92 Jahren alleine ein klassisches Klavier-Konzert besuchen wollte. Ich fuhr sie mit unserem Polo, hatte gerade meinen Führerschein. Obwohl es draußen sehr kalt war, trug sie einen Minirock. Die Füße erst mit Winterstiefeln bedeckt, legte sie ihre Beine auf das Armaturenbrett und zog sich dann Pumps an. Dann besuchte sie das Konzert.“ So erinnert sich Martin Brill an seine Großmutter, die Künstlerin Hedwig Brill. Fast 13 Jahre nach ihrem Tod sitzt er neben seinem Vater Bernhardt Brill, mittlerweile 81 Jahre alt, im evangelischen Altenzentrum Hofgeismar. Auf dem Boden stehen Bildbände, künstlerische Werke der Familie.

Künstlerin Hedwig Brill: Schick, bissig und eigenwillig

In Erinnerung hat ihr Enkel Hedwig Brill schick, bissig und ein bisschen eigenwillig. Eine Frau, die mit Anfang 90 noch einen Flug im Heißluftballon machen wollte und sich beschwerte, dass der Wind zu still war. Ihr Mann: Fritz Brill, Fotograf und späterer Gründer des Instituts für Photoanalyse in Hofgeismar-Carlsdorf. Die Hofgeismarerin und der Hannoveraner lernten sich in Berlin kennen - auf der Ittenschule des ehemaligen Meisterlehrers am Bauhaus, Johannes Itten. Hedwig Brill besuchte die Schule auf Anraten von Friedrich Wilhelm Bogler, den sie aus Hofgeismar kannte. Sie sei gut mit ihm und seiner Ehefrau befreundet gewesen, sagt Bernhardt Brill.

Vom Treffen in Berlin an ging es Schlag auf Schlag: 1931 gründeten Fritz Brill und seine spätere Frau Hedwig, die damals noch Bornemann hieß, ihr erstes eigenes Atelier. Im „Atelier für Werbegestaltung“ zeichnet Hedwig Brill während Fritz Brill fotografiert. 1934 heiraten sie, drei Jahre später wird ihr Sohn Bernhardt geboren. „Als Kind habe ich meiner Mutter stundenlang beim Malen zugesehen“, erzählt er. Doch entscheidet er sich erst für ein Zoologie-Studium und später für die Fotografie, wie sein Vater. Der bringt ihm das Grundlegende bei. 1942 wird die Tochter Ellen des Ehepaars in Kassel geboren, ein Jahr später wird die Familie kriegsbedingt nach Hofgeismar evakuiert.

Hofgeismar: Fritz Brill gründete Institut für Photoanalyse

Bis 1949 verdiente Hedwig Brill den Lebensunterhalt der Familie mit Zeichnungen und Gemälden, tauscht diese gegen Lebensmittel. Auch Fritz Brill nimmt nach dem Krieg die künstlerische Arbeit wieder auf, malt, zeichnet und fotografiert. 1947 gründen beide ein Atelier im Steinmühlenweg 1, im Schlafzimmer von Hedwig Brills Eltern.

Anschluss an die Werbefotografie bekommt Fritz Brill als er ein Kino in Kassel fotografiert, das von Paul Bode, dem Bruder des späteren documenta-Gründers Arnold Bode entworfen wurde. 1970 gründet Fritz Brill das Institut für Photoanalyse in Hofgeismar-Carlsdorf. Das Motto: „Das Unsichtbare sichtbar machen.“ 

Er will in Bild und Film mikroskopische Vorgänge ablichten, die man sonst nicht sehen kann – zum Beispiel wie eine Punktschweißung aussieht. 1960 wird er als Begründer der Disziplin von der Deutschen Gesellschaft für Photographie mit dem Kulturpreis ausgezeichnet. Er hat Erfolg. Wegen ihm kommen große Namen in die Stadt: „Ich erinnere mich, wie der Chef von Burda hier mit einem Helikopter landete“, erzählt Bernhardt Brill.

Institut für Photoanalyse: Hofgeismarer Unternehmen meldete 1983 Konkurs an

Ihre Kunden laden Hedwig und Fritz Brill zum Essen in der Sababurg ein. Bernhardt Brill übernimmt das Institut 1974 – 1983 meldet das Unternehmen unter anderem wegen zu großer Konzeption und dem Wegfall eines langjährigen Großkunden Konkurs an.

Fritz und Hedwig Brill werden Sozialhilfeempfänger, sind mittellos. 14 Jahre später stirbt Fritz Brill, seine Frau pflegt ihn bis zum Ende, und stirbt neun Jahre später. Es sei eine harmonische Ehe gewesen, zwischen Hedwig und Fritz Brill, ohne Streit und mit viel Freiraum. Bis zuletzt lebten sie für die Kunst, mit der sie in Nordhessen Geschichte schrieben.

Zur Person: Hedwig Brill (12. Januar 1909-30. Mai 2006)

Hedwig Brill wurde in Hofgeismar geboren, dasw Studium zog sie an die Ittenschule nach Berlin.

Die gebürtige Bornemann, kam im Alter von sechs Jahren nach Hofgeismar, wo sie das damalige Realgymnasium besuchte. Nach Abschluss der mittleren Reife besuchte sie zuerst die Kasseler Kunstakademie und dann die Kunstgewerbeschule in Berlin. In Berlin angekommen wechselte sie auf die Ittenschule. In Hofgeismar macht sie sich unter anderem einen Namen mit den Aquarellgemälden von Märchen (Das Hofgeismarer Märchenbuch von 1994), die sie vor allem für ihre drei Enkelkinder malte. Sie ist neben ihrem Mann auf dem Stadtfriedhof Hofgeismar beerdigt.

Fritz Brill ( 1. Juli 1904 - 13. September 1997)

Der Fotograf Fritz Brill war Gründer der Photoanalyse.

Brill war Sohn eines Hannoveraner Kaufmanns. Parallel zum Besuch der Kunstgewerbeschule in Berlin machte er ein Volontariat bei Johannes Itten. Von 1929–1930 war er Vollschüler an der Ittenschule. Nach dem Krieg lebt er mit seiner Familie in Hofgeismar und gehört einem Gesprächskreis aus Arnold Bode (documenta-Gründer), Richard Süßmuth (Glaskünstler) und Hermann Mattern (Gartenbau-Architekt) an. Für sein fotografisches Werk wird er 1950 in die damalige Gesellschaft deutscher Lichtbilder berufen. Im Bereich der Photoanalyse arbeitet er unter anderem für Dr. Oetker, Bayer und Braun-Melsungen. Er wird 1979 mit der David Octavius Hill-Medaille für sein fotografisches Gesamtwerk ausgezeichnet.

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