1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar
  4. Hofgeismar

Hofgeismarer Künstlerin über die Aufklärung von Antisemitismus: „Eine Grenze überschritten“

Erstellt:

Von: Daria Neu

Kommentare

Ein großes Foto vom Kreisfeuerwehrfest 1895 in Hofgeismar ist im Stadtmuseum ausgestellt. Jüdische Vereinsmitglieder – auch im Vorstand – waren seinerzeit noch eine Selbstverständlichkeit.
Ein großes Foto vom Kreisfeuerwehrfest 1895 in Hofgeismar ist im Stadtmuseum ausgestellt. Jüdische Vereinsmitglieder – auch im Vorstand – waren seinerzeit noch eine Selbstverständlichkeit.  © Stadtmuseum

Der Antisemitismus-Eklat bei der documenta hat Julia Drinnenberg sowohl als pädagogische Leiterin der jüdischen Abteilung im Hofgeismarer Stadtmuseum als auch als Künstlerin beschäftigt.

Hofgeismar/Kassel – Derartige Darstellungen seien nicht akzeptabel, macht die 72-Jährige deutlich. Warum sie die Ausstellung dennoch besuchen wird, wie die Karikaturistin selbst die Grenzen ihrer Kunstfreiheit erspürt und was der Vorfall bei jüdischen Familien in der Region ausgelöst hat, darüber sprachen wir mit Drinnenberg im Interview.

Frau Drinnenberg, woher wissen Sie, wo die Grenzen Ihrer Kunstfreiheit sind?

Als Karikaturistin muss ich selbstverständlich alle Freiheit haben, Dinge zuzuspitzen, zu übertreiben, auch respektlos zu sein. Aber ich kenne die Grenzen meiner Kunstfreiheit. Die spüre ich einfach. Sie sind da, wo Religion, Herkunft oder Hautfarbe eines Menschen zum Motiv werden, ihm schlechte Eigenschaften als typisch zuzuschreiben. Auf der documenta 15 wurde diese Grenze überschritten.

Woran machen Sie das fest?

Die Darstellung von Juden mit Triefaugen und Hakennasen oder Schweinegesichtern hat eine Tradition und eine Geschichte. Mit Bildern wurde in der NS-Zeit das Volk systematisch beeinflusst, um eine tiefe Abscheu gegenüber Juden zu erzeugen. Der Vernichtung der Juden ging ihre Entmenschlichung – auch in Bildern – voraus. „Bilder können töten – sie haben getötet“ – das sagt Richard C. Schneider, Leiter des ARD-Studios in Tel Aviv. Zahlreiche Mitglieder seiner Familie sind im Holocaust ermordet worden.

Wen sehen Sie in der Verantwortung?

Natürlich sehe ich die documenta-Macher in der Verantwortung.

Was verlangen Sie von den documenta-Machern jetzt?

Die Verantwortlichen müssen zwingend daraus lernen. Unter anderem, dass die Duldung antisemitischer Darstellungen eine unmittelbare Bedrohung für Juden darstellt. Kunst kann natürlich auch die Siedlungspolitik der israelitischen Regierung zum Thema haben.

In Israel und auch in Palästina gibt es Organisationen und Einzelpersonen, die seit Jahren für ein friedliches Zusammenleben kämpfen. So gibt es auch Künstler in Israel und Palästina, deren Bilder oder Filme diesen Kampf unterstützen – solche Künstler hätte ich zur documenta eingeladen. Diese Chance wurde von den documenta-Machern verpasst. Über die Kunstfreiheit zu diskutieren, finde ich wichtig. Skandalös finde ich allerdings die Reaktion von Künstlern, die eine scheinbar liberale Kunstfreiheit hochhalten und sich jetzt selbst zum Opfer erklären, weil sie ihre Freiheit der Kunst von „den Juden“ eingeschränkt sehen. Ich fürchte, dies nährt wiederum Vorurteile.

Sie beschäftigen sich schon lange intensiv mit der Geschichte des Judentums in Hofgeismar, engagieren sich im Stadtmuseum. Wie kann man in der Kunst sensibel mit dem Thema Antisemitismus umgehen?

Wir haben das Glück, dass es in Hofgeismar ein Stadtmuseum gibt, dass schon früh angefangen hat, die Geschichte der jüdischen Gemeinde aufzuarbeiten. Das waren teilweise hochgeachtete Leute, die sich im Vereinsleben, der Kultur und der Politik engagiert und sich als deutsche Bürger verstanden haben. In unserem Museum werden diese Geschichte erzählt und auch antisemitische Darstellungen aus der NS-Zeit gezeigt – aber eben im Kontext erklärt.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Die Judaica-Abteilung im Stadtmuseum zeigt zum Beispiel ein antisemitisches Spielzeug aus den 30er-Jahren, eine kleine Figur, die einen Juden darstellen soll. Die eine Hand hält er auf, mit der anderen zeigt er eine Abwehrhaltung, was so viel heißen sollte wie „Er nimmt, aber er gibt nicht.“

Schon Kleinkindern wurde durch so etwas früher ganz beiläufig und umso wirkungsvoller ein verabscheuungswürdiges Bild von Juden eingeprägt. Wir erklären solche Ausstellungsstücke im Zusammenhang ihrer Auswirkungen.

Haben Sie sich mit jüdischen Bekannten über den Eklat unterhalten?

Ja, das habe ich. Um die Gefahren und Mechanismen von Antisemitismus zu erkennen, ist es wichtig, solche Vorkommnisse wie in Kassel mit den Augen eines jüdischen Menschen zu betrachten. Meine Bekannten gehen davon aus, dass die antisemitischen Darstellungen auf einem Kunstwerk bei der documenta kein Zufall und auch keine Dummheit waren. Sie erleben offenen und versteckten Antisemitismus in ihrem Alltag und fühlen sich erneut bedroht, zumal das Bild erst unter Druck entfernt wurde, nachdem man es zunächst nur verhüllt hatte – ein peinlicher Versuch.

Das ist viel Kritik. Werden Sie die documenta trotzdem besuchen?

Ja, ich werde die documenta trotzdem besuchen. Ich bin von Natur aus neugierig, und ich hoffe, das ein oder andere Kunstwerk zu entdecken, das mich anspricht.

„Er nimmt, aber er gibt nicht“: Ein antisemitisches Kinderspielzeug der 30er-Jahre ist inklusive Erklärung Teil der Ausstellung.
„Er nimmt, aber er gibt nicht“: Ein antisemitisches Kinderspielzeug der 30er-Jahre ist inklusive Erklärung Teil der Ausstellung. © Neu, Daria

Zur Person

Julia Drinnenberg ist pädagogische Leiterin der jüdischen Abteilung im Hofgeismarer Stadtmuseum und arbeitete außerdem als Illustratorin und Karikaturistin. Ihr Interesse gilt der Geschichte des Judentums wie auch der Kunst. Drinnenberg ist 72 Jahre alt und hat schon als Kind die documenta in Kassel besucht. Sie kommt ursprünglich aus Marsberg, hat Kunstpädagogik in Kassel studiert und lebt heute mit ihrer Familie in Hofgeismar. 

(Daria Neu)

Auch interessant

Kommentare