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Schülerin über Situation in der Ukraine: „Krieg in Europa war für uns surreal“

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Von: Nela Müller

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Engagiert sich mit anderen Schülern: Lara Klug mit der ukrainischen Fahne, auf der eine Friedenstaube zu sehen ist.
Engagiert sich mit anderen Schülern: Lara Klug mit der ukrainischen Fahne, auf der eine Friedenstaube zu sehen ist. © Tanja Temme

Der Krieg in der Ukraine erschüttert. Gerade für junge Menschen ist die Lage in der Ukraine surreal, weil sie Krieg nur aus Geschichtsbüchern kennen oder er weit weg ist.

Was das alles mit ihnen macht und wie in der Schule mit dem Thema umgegangen wird, darüber haben wir mit Lara Klug, Schülerin an der Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar, gesprochen.

Frau Klug, erinnern Sie sich noch daran, wann und wie Sie das erste Mal vom Beginn des Kriegs in der Ukraine gehört haben?

Die ganze Situation hatte sich angebahnt und man hat sie mitverfolgt, vor allem in den sozialen Medien. Wirklich realisiert habe ich es abends während der Tagesschau, als dann berichtet wurde, dass in der Ukraine Krieg herrscht.

Welche Gedanken sind Ihnen durch den Kopf gegangen?

Zunächst dachte ich: „Krieg in Europa. Das ist total unrealistisch und fremd.“ Dann denkt man natürlich sofort an die ukrainische Bevölkerung – wie wird es für die Menschen weitergehen? Und vor allem: Wie kann man helfen? Natürlich fragt man sich auch, welche weiteren Konsequenzen der Krieg, ob er sich ausbreitet und ob er auch Auswirkungen auf die eigene Zukunft hat.

Sie sagten gerade, dass Sie sich spontan gefragt haben, wie man helfen könne.

Wenn man diese Bilder sieht, wo die Menschen in U-Bahn-Stationen untergebracht sind, um sich vor den Angriffen zu schützen – da fragt man sich schon, wie man helfen kann. Man weiß, dass man den Krieg aktiv nicht aufhalten kann, aber man will unbedingt etwas tun, dass es den Menschen besser geht.

Inwiefern fließt die aktuelle Situation in der Ukraine in den Unterricht bei Ihnen an der Albert-Schweitzer- Schule ein?

Egal, welches Fach wir haben: Es ist überall ein Thema. Vor allem dann, wenn Gesprächsbedarf vonseiten der Schüler besteht oder wir Fragen haben. Jeder Lehrer hat da für uns ein offenes Ohr. Besonders thematisiert wird der Krieg natürlich im Politik- oder auch im Geschichtsunterricht. Wir versuchen so alle gemeinsam mit der Situation klar zu kommen.

Welche Fragen treiben Sie und Ihre Klassenkameraden besonders um?

Eine zentrale Frage für die ganze Schulgemeinde war: Wie kann man helfen? Deswegen hat unter anderem die Schülervertretung einen Spendenlauf organisiert. Für jede gelaufene Runde gibt es von Sponsoren einen Betrag. Am Ende wird das eingenommene Geld dann für einen guten Zweck in der Ukraine gespendet. Eine weitere Frage, die sich viele von uns gestellt haben, war: Wie kam es überhaupt zu diesem Krieg? In Europa – das war für uns einfach surreal. Und was kann die Politik machen, dass nicht ein Dritter Weltkrieg entsteht?

Fühlen Sie sich von den Lehrern gut informiert? Für sie ist das ja auch eine neue Situation.

Das stimmt. Für uns Schüler ist es wichtig, zumindest sehe ich das so, dass man über den Krieg sprechen kann. Wir alle müssen erst einmal damit zurechtkommen, auch die Lehrer. Die Lehrer sind nicht die Quellen, über die wir uns die ganzen Informationen besorgen. Sie helfen uns im Gespräch, das Gesehene und Gelesene einzuordnen.

Spielt beim Sprechen über den Krieg auch das Thema Angst eine Rolle?

Ich denke schon. Wenn man die Bilder sieht, dann sorgt man sich um die Menschen. Bei manchen von uns löst der Krieg vielleicht auch Zukunftsängste aus. Wir waren in der vergangenen Woche bei einer Kundgebung in Hofgeismar. Da hat ein junger Mann aus der Ukraine etwas sehr Eindrückliches erzählt, das mir im Gedächtnis geblieben ist: Er hat betont, dass wir stark sind und es schaffen, wenn wir zusammenhalten. Wenn man Angst hat, dann kann der Zusammenhalt dafür sorgen, dass sie einem dadurch ein bisschen genommen werden kann.

Wird vonseiten der Schule bei Bedarf psychologische Hilfe angeboten?

Auf jeden Fall. Gerade zu Beginn des Krieges wurde uns deutlich gemacht, dass wir uns jederzeit an unsere Vertrauenslehrer und Schulseelsorge wenden können – egal, wann. Generell haben aber alle Lehrer ein offenes Ohr für uns.

Aufgrund des Kriegs gibt es auch in Deutschland Anfeindungen gegenüber Mitbürgern mit russischen Wurzeln. Wie wird in der Schule damit umgegangen? Gibt es Mobbing?

Wir haben auch russische Mitschüler in unserem Jahrgang, das weiß ich. Wir sitzen in der Pause zusammen, da wird nicht unterschieden, da findet auch aufgrund der aktuellen Situation kein Mobbing statt. Wir sind alle gleich und es ist uns bewusst, dass man nicht die russische Bevölkerung für den Krieg verantwortlich machen sollte. Wir sind dahingehend sehr gut aufgeklärt.

Haben Sie eine Ahnung, wie es den russischen Mitschülern geht?

Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht sind sie noch mal persönlicher betroffen, wenn die Eltern in Russland geboren sind.

Sie erwähnten anfangs, dass man sich auch über die sozialen Medien über das Geschehene in der Ukraine informiert. Holen die Lehrer die Schüler im Bezug auf „Fake News“ ab oder sagt Sie, dass Sie gut zwischen seriös und unseriös differenzieren könnt?

Ich kann da jetzt natürlich nur vorwiegend von meinem Unterricht reden. Es gab jetzt keine Art Aufklärungskurs über seriöse und unseriöse Medien. Ich denke, dass wir alt genug sind, uns das Richtige auszusuchen, zu wissen, auf was man achten muss. Natürlich weisen uns Lehrer auch daraufhin, dass es fragwürdige Quellen gibt und sie haben an uns appelliert, dass wir genau hinschauen sollen.

Wir haben nun seit zwei Jahren die Corona-Pandemie, die unser Leben durcheinandergewirbelt hat. Nun kommt der Krieg dazu. Was macht diese Doppelbelastung gerade auch mit der jungen Generation?

Es ist ein bedrückendes Gefühl. Bei den beiden Themen muss man schon differenzieren, gleichzeitig haben sie aber auch etwas gemein: Es geht um Solidarisierung und Rücksichtnahme. Wir sind eine Generation, die gerade kurz vor dem Schulabschluss steht und in das Berufsleben startet. Da machen wir uns, wie schon erwähnt, Gedanken über die Zukunft. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir von einer Krise in die nächste schlittern. Der Krieg ist etwas ganz anderes. Menschen schießen auf Zivilisten, die sich nicht schützen können. Und wir wollen mit Aktionen so gut es geht helfen, dass es bald aufhört. (Nela Müller)

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