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Interview mit Altenhilfeplanerin Nathalie Hügues

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Von: Natascha Terjung

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Nathalie Hügues, Altenhilfe- und Sozialplanerin beim Landkreis Kassel.
Nathalie Hügues, Altenhilfe- und Sozialplanerin beim Landkreis Kassel. © Natascha Terjung

Im Interview mit der HNA spricht Nathalie Hügues, Altenhilfe- und Sozialplanerin beim Landkreis Kassel, über die Herausforderungen der Seniorenarbeit.

Kreis Kassel – Den Senioren im Kreis Kassel eine Stimme geben – das will Nathalie Hügues, Altenhilfe- und Sozialplanerin bei der Kreisverwaltung. Und als Geschäftsführerin des Kreisseniorenbeirates bekommt sie die Sorgen und Wünsche der älteren Menschen unmittelbar mit. Welche das sind und wie Seniorenarbeit funktioniert, verrät sie im Interview.

Frau Hügues, Sie sind 27 Jahre alt - wie kommt man als junger Mensch zur Seniorenarbeit?

Mir gefällt, dass ich bei der Seniorenarbeit viel bewegen kann. Ich arbeite im Büro, wo ich Strukturen schaffe, habe aber auch direkt mit vielen Menschen zu tun. So richtig angefangen hat das Interesse beim Anerkennungsjahr meines Studiums. Das habe ich bei der Altenplanung in Marburg absolviert und dabei auch im Demenz-Café mitgearbeitet. Das war einfach toll, die Menschen waren unglaublich herzlich. Da habe ich gemerkt, welche Bedeutung der Aufbau von Beziehungen und Lebensfreude im Alltag haben sollten. Gleichzeitig wird man auch demütig. Diese Erfahrung hat mich motiviert, etwas verändern zu wollen.

Strukturen schaffen?

Genau, damit ältere Menschen möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Ein Beispiel: Frau Müller ist nicht mehr so mobil, möchte aber trotzdem am Seniorenclub in ihrem Ort teilhaben. Im Landkreis gibt es in einigen Gemeinden schon Bürgerbusse. Diese werden von Ehrenamtlichen gefahren und bringen Senioren zum Einkaufen oder zu Veranstaltungen. Frau Müller könnte also vom Bürgerbus abgeholt werden. Gerade im ländlichen Raum ist so etwas wichtig, da brauchen wir kurze Wege, um die Mobilität aufrecht zu erhalten.

Ehrenamtliche sind bekanntlich rar gesät.

Das ist ein großes Problem. Viele Ehrenamtliche sind Menschen, die gerade selbst ins Rentenalter gekommen sind. Sie stemmen einen großen Teil der ehrenamtlichen Arbeit. Bei den Tafeln engagieren sich viele, die sogar schon über 70 sind. Wenn wir die nicht mehr haben und auch keinen Nachwuchs, dann fällt das System zusammen.

Wie können Menschen für das Ehrenamt motiviert werden?

Es ist wichtig, Übergänge und Anreize zu schaffen, damit Menschen Lust dazu haben, ihre Ideen einzubringen. Beispielsweise kann die gewonnene Zeit im Rentenalter gut für ein Ehrenamt genutzt werden. Jedoch sollten die Freiwilligen und ihre Anregungen an den entsprechenden Stellen gehört und wahrgenommen werden.

Symbolbild Pflege
Für viele Senioren im Landkreis Kassel ist die Finanzierung der Pflege ein großes Thema. (Symbolbild) © Sina Schuldt/dpa (Symbolbild)

Wäre das viel diskutierte Soziale Pflichtjahr eine Lösung?

Entscheidend ist, dass junge Menschen, die sich in der Seniorenarbeit engagieren, Spaß und Freude an der Begegnung mit älteren Menschen haben. Wer das ausprobieren will, kann sich in Demenz-Cafés oder Familienbildungsstätten einbringen. Das fände ich sehr gut.

Wie erreicht man die Menschen, die nicht mehr so mobil sind?

Über direkte Ansprache. Das ist viel Beziehungsarbeit. Ich stelle die Arbeit der Altenhilfeplanung immer wieder vor. Zum Beispiel bei den Landfrauen, damit die Menschen wissen, es gibt diese Stelle. Zudem gibt es Seniorenberatungsstellen im Landkreis. Ich kann nur an die Senioren appellieren: Geht dahin, stellt euch vor, bringt euch ein und meckert wenn nötig auch. Schließlich sind die Senioren die Profis ihrer Lebenswelt.

Mit welchen Problemen wenden sich die Senioren denn an Sie?

In den Seniorenberatungsstellen geht es meistens um die Finanzierung der Pflege und Begutachtungen für die Pflegestufe. Es melden sich auch Angehörige, die die Pflege nicht mehr stemmen können. Dann muss man überlegen, wie die Angehörigen entlastet werden und die Betroffenen trotzdem weiter zuhause betreut werden können.

Wie funktioniert das?

In Hofgeismar, Wolfhagen, Bad Karlshafen, Kaufungen und Baunatal gibt es beispielsweise Senioren- und Demenzberatungsstellen und den Pflegestützpunkt. Da kann man sich hinwenden, wenn es um Fragen zur Pflege geht. Die Mitarbeitenden bieten bei eingeschränkter Mobilität auch Beratungen bei den Betroffenen zuhause an. Zudem hat Corona die Einsamkeit von Senioren verschärft. Ich versuche daher, mich regelmäßig mit Pflegeheimen, Tagespflegen und Anbietern von hauswirtschaftlichen Dienstleistungen auszutauschen, um zu schauen, wie man sich gegenseitig unterstützen kann.

Was war bisher ihr schönstes Erlebnis mit Senioren?

Im Demenz-Café in Marburg habe ich eine Vernissage mit gemalten Bildern von den demenzkranken Menschen organisiert - die Menschen waren total glücklich und fühlten sich wertgeschätzt. Und genau da müssen wir hin, weg vom defizitorientierten Denken, dass diese Menschen nur im Bett liegen. Da ist so viel Potenzial und Wissen, das müssen wir nutzen.

Werden ältere Menschen aufs Abstellgleis geschoben?

Ich würde eher sagen, sie werden nicht mitbedacht. Ein aktuelles Beispiel ist die neue Grundsteuer. Das geht nur online über Elster. Oder die Wichtig-Mappe, die es momentan nur online als Download gibt. Das kann Senioren und auch andere Menschen ausschließen. Die Digitalisierung ist überhaupt ein großes Thema. Momentan wächst eine Generation heran, die auch kurze Kommunikationswege nutzt wie Whatsapp. Aber sie müssen auch geschult werden.

Müssten Verwaltungen für Senioren präsenter sein?

Ja. Und wenn es nur Beratungsstellen sind, wo ältere Menschen sich beim Ausfüllen von Formularen helfen lassen können – die gibt es auch schon. Mit Blick auf ganz Hessen kann man sagen, dass die Thematik immer mehr an Bedeutung gewinnt und auch mehr entsprechende Stellen geschaffen werden. Wir werden ja schließlich alle älter.

Ist Altersarmut auch im Kreis Kassel ein Thema?

Auf jeden Fall. Die Thematik wird in den nächsten Jahren sogar noch an Bedeutung gewinnen. Und wir müssen genau hinschauen, wie wir die Senioren unterstützen können. Das Problem zeigt sich auch bei den Tafeln, wo es momentan zu wenige Lebensmittel gibt. Vor der Pandemie war das noch anders. Die Tafeln können so weniger Menschen versorgen, es gibt also weniger freie Plätze. Wegen der Altersarmut sind aber mehr Menschen darauf angewiesen. Das ist ein Teufelskreis.

Es kostet sicher Überwindung, zur Tafel zu gehen.

Ja. Die Menschen haben ihr ganzes Leben gearbeitet und dann reicht es auf einmal nicht mehr.

Zur Person

Nathalie Hügues (27) ist am 25. Februar 1995 in Hofgeismar geboren. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr bei der Landeskirche im Referat Kinder- und Jugendarbeit von 2013 bis 2014, studierte sie Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und dessen Standort in Schwalmstadt-Treysa. Die 27-Jährige absolvierte 2019 anschließend ihren Master in Religionspädagogik. Ihre erste berufliche Station war die Kinder- und Jugendarbeit in Ahnatal. Seit Februar 2022 ist sie als Altenhilfe- und Sozialplanerin beim Landkreis Kassel tätig. In ihrer Freizeit engagiert sich Nathalie Hügues bei der Tafel in Hofgeismar.

(Natascha Terjung)

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