Wir haben beim Veterinäramt nachgefragt

Wie Leser uns wegen falscher Tipps zur Kaninchenhaltung die Ohren lang zogen

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Konnte gar nichts für unseren Bericht: ein Kaninchen. 

Nicht etwa die Weserpipeline oder der Flughafen haben für die größte Zuschriftenflut des Jahres gesorgt. Es ist eine Geschichte über die Dingelschau eines lokalen Kleintierzuchtvereins. 

Was war passiert? Unsere Mitarbeiterin war vor Ort ins Gespräch mit einem der Züchter gekommen. Der hatte ihr die Ratschläge diktiert, wir haben sie ungeprüft wiedergegeben. So weit, so falsch. Das Ergebnis sind qualmende Postfächer quer durch die Redaktionen. Fast 50 Zuschriften haben uns erreicht. Für einen Artikel, der nie online stand und als Hintergrund auf Seite 7 in einem Lokalteil gedruckt wurde, ist das ungewöhnlich viel.

Worum geht es genau? Die Tierfreunde, zumeist nach eigenen Angaben selbst Halter von „Langohren“, „Graswölfen“ oder „Flauschkugeln“, stören sich vor allem an der Überschrift des Artikels. „Kaninchen sollten nicht zusammen gehalten werden“ ist dort zu lesen. Im Text folgen dann genauere Erläuterungen, warum welche Konstellationen nicht funktionieren würden, verbunden mit dem Hinweis, bei mehreren Tieren eine durchsichtige Trennwand zu verbauen, damit sich die Kaninchen wenigstens über ihre Mimik miteinander verständigen könnten. Wie das Gespräch mit Experten und alle Zuschriften unisono zeigen, scheint diese Meinung – gelinde gesagt – selten zu sein.

Meinungen müsse man aber zugestehen, findet auch der Carlsdorfer Züchter Uwe Hofmeyer, immerhin kürzlich gekürter Europameister, der unseren Ratschlägen aber ebenfalls widerspricht. „Es macht da jeder seine eigenen Erfahrungen“, sagt er, „es sollte so sein, dass die Tiere ihre Rückzugsmöglichkeiten haben. Das ist wichtig, dann vertragen sie sich bestens.“

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Klammert man einige wenige Beleidigungen und Drohungen aus, zeichnen die E-Mails unserer Leser ein schönes Bild. Da gibt es die, die die genannten Fakten aus ihrer Sicht berichtigen, ihre vielen guten und wenigen schlechten Erfahrungen teilen. Andere schicken Fotos ihrer Kaninchen, als Beweis dafür, wie glücklich diese doch seien. Andere bieten sogar an, sie zu besuchen, um sich ein Bild von artgerechter Haltung machen zu können. Wieder andere schicken gleich Grüße von Hazel, Maple und Lilly mit oder unterschreiben direkt als Hasen-Mutti. Das Haustier als Teil der Hausgemeinschaft, oder direkt als Teil der Familie.

Dass Leser erbost sind, wenn ein Züchter einen Tipp gibt, der nicht so ganz richtig ist – wir können es verstehen. Keinem von ihnen wollten wir bewusst auf die Pfoten, Verzeihung, Füße treten. Und am Rest, da haben wir zu knabbern.

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Häsin und kastrierter Bock: So wünscht sich das Veterinäramt die Haltung

Wie werden Kaninchen denn nun richtig gehalten? Wir haben dort nachgefragt, wo man es wissen muss: beim Veterinäramt des Landkreises Kassel. 

Eine Vergesellschaftung von Kaninchen ist nicht immer ein einfaches Unterfangen, heißt es dort. Es ist von verschiedenen Charaktereigenschaften, geschlechtsspezifischen Merkmalen, Rangfolgen und von der Reviergröße abhängig. Am einfachsten ist, die Tiere von Beginn an zusammen oder in Gruppen zu halten, dies führt zur Vermeidung von Verhaltensstörungen wie zum Beispiel Aggressivität. 

Die Schwierigkeiten des Zusammenlebens unter den gezüchteten Tieren ergeben sich in den meisten Fällen durch falsche und nicht tierartspezifische Haltung, die zum Beispiel keinen Höhlenbau, kein ausgeprägtes Fluchtverhalten mit viel Platzbedarf, keine Versteckmöglichkeiten und keine arttypisches Nage- und Fressverhalten ermöglichen. Und wer darf jetzt mit wem und wer nicht? Vom gemeinsamen Halten von Häsin und unkastriertem Bock ist für die Hobbyhaltung aufgrund des ausgeprägten Fortpflanzungstriebes der Kaninchen abzuraten. Kombinationen von zwei Häsinnen oder zwei unkastrierten Böcken sind laut Amt ebenfalls schwierig, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Die Kombination von zwei dominanten Tieren kann schwieriger sein und mehr Arbeit und Zeit in Anspruch nehmen. Als harmonisch gelten meist die Kombinationen aus Häsin und kastriertem Bock. 

Tiere in getrennten Käfigen mit Sichtkontakt zu halten, sei nicht hilfreich. Das jeweils andere Tier wirke wie ein Eindringling, was bei den Tieren für mehr Stress sorge. 

Leserstimmen

Um zu zeigen, wie emotional das Thema an uns herangetragen wurde, kommen hier ein paar Ausschnitte aus den Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. Weil diese zum Teil nicht explizit als Leserbriefe gekennzeichnet waren, bleiben die Namen der Verfasser hier anonym. Der Redaktion sind die Namen aber bekannt. 

  • „Ihr gestriger Tipp schlägt dem Fass den Boden aus.“ 
  • „Bei der Überschrift dachte ich zunächst an eine Satire, merkte aber sehr schnell, dass dies tatsächlich ernst gemeint ist.“ 
  • „Sie rufen hier zur Tierquälerei auf und sind dafür verantwortlich, wenn jetzt hunderte Tiere ein Leben in Einsamkeit fristen müssen.“ 
  • „Sie fördern damit das Leid dieser wundervollen, aber noch sehr missverstandenen Tiere in unserer Gesellschaft.“ 
  • „Der Artikel in der aktuellen Ausgabe zur Kaninchenhaltung ist absoluter Unfug und vollkommen unerträglich für mich als glückliche Hasen-Mutti von zwei Kaninchen.“ 
  • „Jeder einzelne Satz ist einfach falsch.“ 
  • „Ich bin sehr empört über ihren Artikel über die Haltung von Kaninchen. Zu sagen, man sollte Kaninchen alleine halten, ist absolut tierschutzwidrig.“ 
  • „Dieser Artikel ist der größte Schwachsinn, den ich je gelesen habe.“
  •  „Wie kann man nur so einen unwissenden, grausamen Artikel schreiben?“ 
  • „Als ich Ihren Artikel gestern gelesen habe, war ich sehr traurig und wütend zugleich.“ 
  • „Was schreiben Sie denn für eine Scheiße in Ihrem Beitrag über Kaninchenhaltung?“

Kaninchen-Tipps im Internet

Sachlich fundierte Hinweise zur Haltung von Kaninchen, gibt es auch im Internet. Auf www.moehren-sind-orange.de informiert beispielsweise ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der sich nach eigenen Angaben „für die Grundbedürfnisse von Kaninchen einsetzt. 

Seit Januar 2008 gibt es den Kaninchen-Ratgeber www.kaninchenwiese.de. Dahinter verbirgt sich eine spezielle Fachseite für Kaninchenhalter, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, fundierte Informationen über die Haltung von Kaninchen bereitzustellen und über ihre Bedürfnisse aufzuklären.

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