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Kelten in Nordhessen: Buch zieht neue Schlüsse zur Vorgeschichte in der Region

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Von: Thomas Thiele

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Archäologen sorgen manchmal auch in Nordhessen für erstaunliche Funde aus der Keltenzeit, wie hier am Hohen Dörnberg. Im Bild Grabungsleiter Patrick Mertl (stehend) und Krister Albert vom Forschungsteam der Uni Mainz im Jahre 2009. Archi
Archäologen sorgen manchmal auch in Nordhessen für erstaunliche Funde aus der Keltenzeit, wie hier am Hohen Dörnberg. Im Bild Grabungsleiter Patrick Mertl (stehend) und Krister Albert vom Forschungsteam der Uni Mainz im Jahre 2009. © Bea Ricken

Zwei Autoren aus dem Kreis Kassel haben sich auf die Spur eines rätselhaften Volkes begeben: Kelten – und darüber ein Buch geschrieben.

Kreis Kassel – Das Vorhandensein der Römer in der nordhessischen Grenzregion ist spätestens seit den spektakulären Lager- und Schlachtfeldfunden bei Hedemünden und am Harzhorn bei Northeim neu im Bewusstsein. Aber die Geschichte der von 800 bis etwa 100 vor Christus hier lebenden Kelten war bisher eher Insidern bekannt. Nur der Fund des Keltenfürsten vom Glauberg („der mit den Mickymausohren“) weiter südlich in der Wetterau sorgte 1996 für Aufsehen. Das soll das jüngst erschienene Buch von Udo Schlitzberger und Klaus Fröhlich über die „Keltenzeit im Norden Hessens“ gründlich ändern. Der dunkle Winter bietet Zeit, sich anhand von 170 Fotos, 100 Landkarten und präzisen, neugierig machenden und überraschenden Texten vorzubereiten auf sommerliche Exkursionen zu 51 Fundstätten und Orten aus der Keltenzeit in Nordhessen.

Eigene Exkursionen

Über Jahre hinweg haben sich die beiden Autoren in Kursen der Volkshochschule Region Kassel mit fachkundigen und engagierten Teilnehmern intensiv mit Spuren der Römer im Chattenland befasst, hatten antike Reisewege in den hessischen Mittelgebirgen studiert und bei Exkursionen vor Ort ihre Theorien überprüft. Ausgehend von diesen Ergebnissen erstellten sie neue Übersichten uralter Fernhandels- und Reisewege. Gemeinsam mit früheren Beschreibungen und archäologischen Fundberichten sowie neuen digitalen Geländemodellen kommen sie zu einem überraschenden Fazit – dass praktisch bei fast jedem heutigen Ort entlang der wichtigsten Wege eine frühe Keltenburg oder -siedlung zu finden ist. Frühe Fernwege führten schon immer über trockene Höhenrücken und mieden die unwegsamen, nassen Flusstäler.

Die Kelten sind rätselhaft, weil sie keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, aber reichlich Spuren von Bauwerken und Keramik, seltener auch Schmuck und Skulpturen.

Wer waren die Kelten?

Die Kelten gelten als antikes Kernvolk Europas. Doch tatsächlich ist es eine Vielzahl von Stämmen, die als Krieger, Händler und Bauern vom 8. bis zum 1. Jahrhundert vor Christus das Gebiet nördlich der Alpen vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer besiedelten. Die Epoche wird Eisenzeit genannt, als das härtere Eisen als Werkstoff die Bronze verdrängte. Der erste Abschnitt der Kelten-Zeit heißt Hallstatt-Zeit, der spätere Latène-Kultur. Seit 180 Jahren wurden in ganz Europa immer wieder prächtige Gräber von Keltenfürsten entdeckt.

Das von Schlitzberger/Fröhlich untersuchte Areal deckt das große Gebiet ab zwischen der Amöneburg (bei Marburg) im Süden und der Sieburg (Bad Karlshafen) im Norden sowie dem Eisenberg (Battenberg/Eder) im Westen und der Boyneburg (Sontra) im Osten. Die Autoren haben 32 Befestigungen und Burgen, zwölf unbefestigte Siedlungen, vier Bestattungsplätze und drei Kultplätze behandelt und aufgesucht.

Kelten wurden vorher offenbar nur in Südhessen erforscht – in Nordhessen gibt es jedoch bedeutende Funde

Der Forscherdrang der Autoren, die beide am Dörnberg aufwuchsen, wird angetrieben durch die Tatsache, dass in der bisherigen Forschung die Kelten offenbar nur in Südhessen ernsthaft erforscht und wahrgenommen werden. „Man gewinnt den Eindruck, dass eine archäologisch und historisch fragwürdige Demarkationslinie zwischen dem Dünsberg im Lahntal und dem Glauberg in der Wetterau gezogen wird“, meinen die Autoren. Die sei aber wegen der bedeutenden Funde und Befunde in Nordhessen nicht haltbar.

Zum Gegenbeweis beschreiben Schlitzberger und Fröhlich zwar im ersten Teil des Buches bedeutende Prunkgräber der keltischen Elite aus Burgund, Württemberg (Hohenasperg), Frankfurt und vom Glauberg sowie detailliert keltische Fürstensitze (Oppida) an Donau und Lahn, im Taunus und der Rhön sowie in Thüringen.

Sammelt alles Wissen und neue Thesen über die Kelten in Nordhessen: das neue Buch, das auf dem Titelbild einen Halsring aus Bronze und eine Luftaufnahme des Keltenzentrums Dörnberg mit der Keltenburg zeigt. Repro: Thomas Thiele
Sammelt alles Wissen und neue Thesen über die Kelten in Nordhessen: das neue Buch, das auf dem Titelbild einen Halsring aus Bronze und eine Luftaufnahme des Keltenzentrums Dörnberg mit der Keltenburg zeigt. Repro: Thomas Thiele © Thiele, Thomas

Den größten Teil nimmt die Schilderung einer Vielfalt von Fundstätten und Nachweisen in Nordhessen ein, nachdem die Autoren erklärt haben, mit welchen Fakten und Mitteln sie weitere historische Fernwege und Querverbindungen erschlossen und sinnvoll belegt haben. So konnten sie beispielsweise eine Querverbindung zwischen der antiken Heidenstraße und der antiken Weinstraße herausarbeiten und nachweisen, dass die Keltenburg auf dem Eisenberg bei Battenberg nicht, wie bisher angenommen, im Abseits lag, sondern an einer Hauptstraße.

Neubewertungen

Auch die beiden Altenburgen (bei Römersberg und Niedenstein) erscheinen durch die Neubewertung in neuem Licht. Der scheinbar abgelegene kleine Wall Hohestein bei Meinhard-Motzenrode an der Werra wird durch neue Erkenntnisse zur prominenten Bergfestung mit Wohlstand bringendem Salz, Kultur und Fernhandel an prominenter Stelle an der verkehrsreichen Heidenstraße von Köln in die Lausitz. Die Autoren holen auch die Hünselburg und die Heckelsburg am Edersee wieder ans Licht.

Das Zusammenarbeiten vieler Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen und Sichtweisen in den Vhs-Kursen habe in der Kooperation aus „Technik, Fachwissen und gesundem Menschenverstand“ zu Ergebnissen geführt, die mancher Einzelautor oder Wissenschaftler eines einzigen Fachgebietes nicht schaffen würde, argumentieren sie.

Sie beschreiben die Fundorte zwar auch aus eigener Anschauung, belegen und ergänzen sie aber mit allen bekannten historischen Fakten, Beschreibungen und wissenschaftlichen Ergebnissen. Dabei stellen sie auch widersprüchliche Aussagen zu keltisch oder nicht-keltisch gegenüber. Weil die Autoren auch neueste Untersuchungen berücksichtigen, werden manche bisherigen Einschätzungen korrigiert. So war etwa die Festung Altenburg bei Niedenstein deutlich größer als bisher gedacht, die Schauenburg bei Hoof noch nicht als keltisch eingestuft. 2021 entdeckte der Vhs-Kurs auf dem Burgberg Grebenstein keltenzeitliche Gefäßstücke.

Diese Orte gelten als keltenzeitliche Höhenbefestigungen in der Region

Sieburg (Bad Karlshafen), Eberschützer Klippe (Trendelburg-Eberschütz), Rosenberg (Liebenau-Niedermeiser), Ahlberg (Immenhausen-Mariendorf), Hoher Dörnberg (Zierenberg), Hunrodsberg (Kassel-Wilhelmshöhe), Hirzstein (Schauenburg-Elgershausen), Baunsberg (Baunatal-Altenritte), Burgberg (Baunatal-Großenritte), Bilstein (Edermünde-Besse), Odenberg (Gudensberg), Heiligenberg (Felsberg-Gensungen), Rhündaer Berg (Felsberg-Rhünda), Hohestein (Meinhard-Hitzelrode), Boyneburg (Sontra-Wichmannshausen), Hasunger Berg (Zierenberg-Burghasungen), Oppidum Altenburg (Niedenstein), Heckelsburg (Vöhl-Thalitter), Hinterberg (Fritzlar-Lohne), Siedlung Geismar (Fritzlar), Büraberg (Fritzlar), Hundsburg (Borken-Kerstenhausen), Eisenberg (Battenberg/Eder), Altenburg (Neuental-Römersberg), Landsburg (Schwalmstadt-Michelsberg), Christenberg (Münchhausen), Eibenhardt (Wetter-Oberrosphe) und Amöneburg (Amöneburg).

Forschung überfällig

Provokant legen sie den Finger in die Wunde mit der lange bekannten, aber bis heute von der Denkmalpflege unerforschten 140 Hektar großen Sieburg bei Bad Karlshafen, der größten Befestigungsanlage in Hessen. Der Limesforscher Professor Reinhard Suchier beschrieb 1880 noch vorhandene Reste von Burgmauern, deren Steinquadern aber kurz darauf zum Forstwegebau verwendet und deren Wälle durch Forstkultur zerstört wurden. Hier sei eine wissenschaftliche Erforschung längst überfällig.

Macht vom Dörnberg

Am Schluss wendet sich das Buch dann mit einer gewissen Genugtuung auf 67 Seiten dem Hohen Dörnberg zu, der in der Keltenzeit mit einer vier Meter hohen Mauer vermutlich ein Macht- und Kulturzentrum in der Nordspitze Hessens bis ins Kasseler Becken war, möglicherweise ein Vorposten an der Grenze zu den Germanen.

Der Machtbereich dieser Keltenfürsten reichte ein bis drei Tagesreisen (20 bis 60 Kilometer) im Umkreis, 13 weitere Fundorte liegen konzentrisch um den Dörnberg. Hier brachten archäologische Untersuchungen 2008 und 2009 überraschend zahlreiche Funde (allein 2200 Scherben auf 16 Quadratmetern) zutage, die bisher Hypothetisches eindeutig bewiesen.

Die beiden Autoren haben damit eines der spannendsten Bücher zur Geschichte der Region vorgelegt, das zudem herausfordert, die Landschaft nun mit anderen Augen zu sehen.

Buch: Auf den Spuren der Kelten, Udo Schlitzberger und Klaus Fröhlich, Euregioverlag Kassel, 216 Seiten, 22,90 Euro. Info: euregioverlag.de.

Die Autoren von „Auf den Spuren der Kelten“

Klaus Fröhlich Autor
Klaus Fröhlich, Autor von „Auf den Spuren der Kelten“ © Schaumlöffel/nh

Klaus Fröhlich (75) aus Habichtswald-Dörnberg, früher Kfz-Meister und Autohändler, Heimatforscher, langjähriger Dozent der Vhs Region Kassel.

Udo Schlitzberger Autor
Udo Schlitzberger, Autor von „Auf den Spuren der Kelten“ © Schaumlöffel/nh

Dr. Udo Schlitzberger (76) aus Calden-Fürstenwald, studierte Geschichte, Politik, Germanistik, Philosophie. Er war Lehrer in Niestetal und Oberzwehren, dann Landtagsabgeordneter, später Landrat des Kreises Kassel und viele Jahre Dozent der Vhs.

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