Schutz vor der Vernichtung

Kindertransporte in der Nazi-Zeit: Grundschüler arbeiten Schicksal von Kasseler Jüdin auf

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Neue Bilder: Erik Kaiser, Joel Joppien, Karim Javaid, Noah Bulut, Josefin Jordan, Cayenne Schröder und Tee-Jay Oluwawemimo (von links) haben für die Ausstellung Tante und Onkel aus England aus den Geschichten von Dorrith Sims gemalt. 

Kreis Kassel. Die Kasselerin Dorrith Oppenheim wurde als Kind mit einem Kindertransport nach England geschickt - und konnte so die Judenvernichtung überleben. Ihre Geschichte wird nun von Grundschülern aufgearbeitet.

Ein siebenjähriges Mädchen aus Kassel überlebt, weil sie ihre Heimat und ihre Eltern verlässt und nach England flüchtet. So geschehen vor 80 Jahren, als die kleine Dorrith Oppenheim mit einem Kindertransport für jüdische Kinder nach England geschickt wurde und so die Judenvernichtung überlebte.

Weil Flucht auch heute wieder aktuell ist und damit sich Grundschüler in die Situation von Geflüchteten hineinversetzen können, hat das Stadtmuseum Hofgeismar gemeinsam mit mehreren Grundschulen im Altkreis Hofgeismar und in Kassel ein besonderes Projekt gestartet. In dessen Mittelpunkt stehen die Erlebnisse der kleinen Dorrith, die diese später in einem Buch verarbeitete. Die Geschichten daraus werden jetzt von den Schülern gezeichnet und gemalt und sollen eine Ausstellung zum 80. Jahrestag der Kindertransporte gestalten, die in Hofgeismar, Kassel und möglicherweise in Glasgow/Schottland zu sehen sein wird.

In Hofgeismar haben sich beispielsweise die Lehrerinnen Sabrina Tischer und Carolin Doelle mit den Klassen 4c und 4d der Würfelturmschule zwei Tage lang am Projekt beteiligt. Sie lasen gemeinsam das von Dorrith Sim fast 60 Jahre nach ihrer Rettung veröffentlichte Kinderbuch „In meiner Tasche“. Aus Fotos, Briefen und Berichten erfuhren die Schüler vom Schicksal der jüdischen Kinder und sprachen beispielsweise über die Bedeutung eines Kuscheltieres. Der Holocaust wurde zwar nicht ausgespart, Hauptthema war jedoch, wie die Kinder damals gerettet wurden, und ohne ihre Eltern ihr Leben bewältigten.

Ausstellung ab Ende April

Gemeinsam mit den Illustratorinnen Gabriele Hafermaas und Julia Drinnenberg, die gleichzeitig die jüdische Abteilung im Stadtmuseum Hofgeismar pädagogisch betreut, befassten sich die Schüler mit einer von zehn skurrilen und lustigen Geschichten, die Dorrith Sim für Kinder geschrieben hat. Im Mittelpunkt stehen Tante Aggie und ihr Mann Onkel Joe, deren Erlebnisse in Bildern festgehalten wurden. Diese werden später zu richtigen Büchern verbunden und zusammen mit einer Dokumentation ein wichtiger Punkt der Ausstellung sein, die ab Ende April im Stadtmuseum Hofgeismar an die Kindertransporte aus Nazi-Deutschland erinnert.

Nach dem Auftakt an der Würfelturmschule in Hofgeismar wird das Projekt nun in Trendelburg und an den anderen Hofgeismarer Schulen fortgesetzt. Die Lebensgeschichten von Dorrith aus Kassel und auch die von Erwin Goldschmidt und Hänschen Mathias aus Hofgeismar stehen beispielhaft für alle geretteten Kinder.

Hintergrund: Kindertransporte im Nationalsozialismus

Dorrith Marianne Oppenheim war eines von über 10.000 Kindern, die im Rahmen der 1938 begonnenen Kindertransporte nach England oder in andere europäische Länder gelangen konnten. Wenn schon die Erwachsenen nicht ausreisen konnten, so wollte man wenigstens versuchen, die Kinder zu retten. Das englische Kabinett beschloss, eine unbestimmte Zahl von verfolgten Kindern aus Deutschland einreisen zu lassen. 

Jüdische Organisationen, die den Transport organisierten, versprachen, dass keines der Kinder je von öffentlicher Hand unterstützt werden müsste. Patenschaften und Sponsoren sorgten für die Kinder. Bis zum Kriegsausbruch wurde das von der deutschen Regierung geduldet. Der letzte Kindertransport fand im Mai 1940 statt. 1,5 Millionen Kinder überlebten den deutschen Naziterror nicht.

Dorrith Marianne Oppenheim wurde 1931 in Kassel geboren. Im Juli 1939 schickten sie ihre Eltern mit einem Kindertransport nach England, um später nachzukommen. Das Mädchen kam in eine Pflegefamilie nach Edinburgh/Schottland, ging nach der Schulzeit zeitweise nach Brasilien. Später heiratete sie den Anwalt Andrew Sim. Die Familie hatte fünf Kinder.

1996 verarbeitete sie ihre Erinnerungen im Kinderbuch „In my pocket“, das wenige Jahre später auch auf Deutsch erschien. Mit ihrer Geburtsstadt Kassel versöhnte sie sich, nachdem sie im Jahr 2000 zur Einweihung der neuen Synagoge eingeladen wurde. Als Seniorin begann sie noch, ihre Muttersprache Deutsch zu erlernen, die sie als Kind verlernt hatte. Dorrith Sim starb 2012.

Diese Schulen sind beteiligt

Am Projekt beteiligt sind acht- bis zwölfjährige Schüler aus zehn Klassen und Gruppen der Grundschulen Hofgeismar und Trendelburg, der Käthe-Kollwitz-und Brüder-Grimm-Schule Hofgeismar, der Unterneustädter Schule Kassel und des Kindertreffs des Sara Nussbaum Zentrums Kassel. Die Ausstellung ist im Stadtmuseum Hofgeismar vom 28. April bis 7. Juli zu sehen, danach im Herbst in Kassel. Außerdem gibt es ein Angebot an das Scottish Jewish Archives Centre in Glasgow (wo Dorrith Sims Nachlass ist), die Ausstellung zu zeigen.

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