Problem ist oft die Anfahrt

77 Lehrstellen im Kreisteil Hofgeismar sind noch unbesetzt

+
Moritz Grede, 18, aus Edertal, Abiturient – er macht seit erstem August eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration bei Management Services Helwig Schmitt GmbH Hofgeismar.

Hofgeismar. Die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, war selten so gut wie derzeit. Auch wenn das Ausbildungsjahr zum 1. August oder 1. September begann, sind immer noch 77 Stellen unbesetzt.

Verkäufer, Dachdecker, Einzelhandelskaufmann/frau – die Liste der unbesetzten Lehrstellen, die es im Kreisteil Hofgeismar gibt, ist lang. 77 Stellen waren es zum Stichtag 30. August genau. Zur gleichen Zeit waren noch 58 junge Leute auf der Suche. 

Auch wenn dies nur die Zahlen sind, die über die Arbeitsagentur laufen, so zeichnet sich auch im Kreisteil, was bundesweit eintreten dürfte: Es gibt mehr Ausbildungsplätze als Jugendliche, die einen solchen Platz suchen. Die Situation hat sich damit in den vergangenen 15 Jahren grundlegend geändert. Damals konkurrierten bundesweit 740.000 Jugendliche um 470.000 Lehrstellen. Appelle seitens der Politik an die Betriebe, über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden, waren an der Tagesordnung. 

Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage schloss sich in den Folgejahren immer mehr. Aus drei Gründen: Die boomende Wirtschaft schaffte mehr Ausbildungsplätze, während die Zahl der Jugendlichen – Stichwort: demografischer Wandel – sank. Zugleich strebten mehr junge Leute eine akademische Ausbildung an. Die Folge: Vergangenes Jahr (die 2018er Zahlen gibt es erst in einigen Wochen) gab es 547.000 Bewerber und damit 2000 mehr als Stellen. In diesem Jahr könnte es erstmals mehr Ausbildungsplätze als Bewerber geben. 

Während sich die Jugendlichen über eine vergleichsweise gute Auswahl an Ausbildungsstellen freuen können, wird es für Unternehmen manchmal schwer, Interessierte zu finden. Betroffen sind vor allem Betriebe, die schwer mit öffentlichen Verkehrsmittel zu erreichen sind. Dort bleiben Stellen unbesetzt.

Problem ist oft die Anfahrt

„Ich komme mit dem Auto. Da ist es kein Problem herzukommen“, sagt Marika Borleis. Die angehende Industriekauffrau aus Dörnberg arbeitet in Immenhausen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre sie wohl anderthalb Stunden unterwegs, bis sie den Weg von zu Hause bis zur Firma Sera zurücklegen würde. Mit dem Auto ist das einfacher.

Marika Borleis aus Dörnberg, Auszubildende bei der Sera in Immenhausen.

Der Weg zur Arbeit stellt für Berufseinsteiger oft ein Problem dar. Wer in Langenthal arbeitet, Bäcker werden will und in Zierenberg eine Stelle findet, hat Probleme, pünktlich am Arbeitsplatz zu sein, wenn er nicht selbst einen fahrbaren Untersatz hat. Betriebe, die in Ortschaften entlang der Bahnlinie sind, haben es da deutlich einfacher. Auch wenn die Zahl der für den Ausbildungsmarkt zur Verfügung stehenden Jugendlichen sinkt, sie haben zumindest diesbezüglich kein Problem. Dennoch ist es nötig, kräftig die Werbetrommel zu rühren, um die besten Jugendlichen zu gewinnen.

„Wir sind bei Azubi-Messen unterwegs und werben auch mit Hilfe unserer Auszubildenden viel auf Instagram und Facebook“, erzählt beispielsweise Natalie Lieder, die bei der Immenhäuser Firma Sera für das Personalwesen zuständig ist. Der große Aufwand in Sachen Azubi-Anwerbung lohnt sich: Alle zehn Ausbildungsstellen konnten besetzt werden, man hatte genügend Bewerber, um eine gute Auswahl treffen zu können. Von großer Auswahl kann Axel Przyludski hingegen nur träumen. 

Er und Frau Astrid betreiben zwar einen gut gehenden und über die Region hinaus bekannten Hotel- und Gastronomiebetrieb, doch sie haben einen Mehrfach-Nachteil. Das Gastronomiegewerbe gehört bei Jugendlichen wegen der Arbeitszeiten ohnehin nicht zu den am stärksten nachgefragten Berufen, zum anderen ist ihr Kronenhof in Oedelsheim. Landschaftlich ist er herrlich gelegen, verkehrstechnisch nicht.

Und Auszubildende haben hier ein Doppelproblem: Sie müssen nicht nur nach Oedelsheim kommen, sondern auch nach Kassel – wo der Berufsschulunterricht stattfindet. In diesem Jahr konnte Przyludski wieder zwei Auszubildende einstellen und hat damit insgesamt drei. Aber in den vergangenen Jahren war es schwierig: „Jahrelang hatten wir gar keinen.“ In diesem Jahr lief es gut, er ist zufrieden.

Celine Kloppmann, 17 Jahre aus Deisel – sie macht seit dem ersten August eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei der Firma Hagebaumarkt Löber in Hofgeismar. Sie hat einen qualifizierten Realschulabschluss.

Zufrieden sind auch die meisten Auszubildenden mit ihrer Stelle. Wir haben mehrere von ihnen gefragt – auch wenn der Chef außer Hörweite war.

Klagen gab es kaum, höchstens mal den Wunsch, nicht namentlich in der Zeitung zu erscheinen. Wir haben Jugendliche im ersten oder zweiten Ausbildungsjahr gefragt, was sie in den ersten Monaten erlebten, was ihnen gefiel und was sie negativ überaschte. Eine kleine Auswahl haben wir auf dieser Seite zusammengestellt. 

Freie Stellen in vielen Bereichen

1. August und 1. September sind die beiden Daten, an denen das Ausbildungsjahr beginnt. Doch auch wenn der Stichtag vorbei ist, so die Agentur für Arbeit, können sich suchende Jugendliche immer noch melden. Und freie Stellen gibt es noch zur Genüge, sagt die Sprecherin der Agentur, Cornelia Harberg. Und auch die Bandbreite der angebotenen Berufsrichtungen ist groß. Unbesetzt sind im Kreisteil Hofgeismar unter anderem sieben Ausbildungsstellen für Verkäufer/in, drei für Einzelhandelskaufmann/frau, zwei für Dachdecker/in, zwei für Koch/Köchin und ebenfalls zwei für Friseur/in. Einzelne Stellen gibt es noch in vielen Bereichen – von Lagerist/in bis Hotelfachmann/frau, von Kraftfahrer/in bis Maler/in, zum Beispiel. Wer sucht, sollte sich umgehend mit der Agentur für Arbeit in Verbindung setzen.

Wir haben nachgefragt bei: 

  • Celine Kloppmann, 17 Jahre, aus Deisel macht eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei der Firma Hagebaumarkt Löber in Hofgeismar. Sie hat einen qualifizierten Realschulabschluss.
  • Vincent Rüsges, 19, aus Vellmar, Fachabiturient - er absolviert im Autohaus Ostmann in Hofgeismar eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker.
  • Marika Borleis, 20, kommt aus Dörnberg. Bei der Firma Sera in Immenhausen hat sie seit einem Jahr einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau.
  • Moritz Grede, 18, aus Edertal, Abiturient, macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration bei Management Services Helwig Schmitt GmbH Hofgeismar.
Vincent Rüsges, 19 aus Vellmar, Fachabiturient – er macht im Autohaus Ostmann in Hofgeismar eine Ausbildung zum KFZ- Mechatroniker.

Warum haben Sie diesen Ausbildungsberuf gewählt?

Kloppmann: Meine Oma hat schon bei Löber gelernt und hier viele Jahre glücklich im Büro gearbeitet. Sie war es, die mir diese Ausbildungsstelle sehr ans Herz gelegt hat. Und da ich unbedingt im Büro arbeiten wollte, so wie es auch meine Mutter macht, habe ich mich für diese Stelle entschieden.

Rüsges: Autos fand ich schon immer spannend. Da mein Vater viel selbst an unseren Autos repariert hat und ich ihm oft dabei geholfen habe, erkannte ich schon als Kind, dass ich Spaß am Schrauben habe.

Borleis: Ich war an einem beruflichen Gymnasium in Kassel und mir hat Wirtschaft und Rechnungswesen viel Spaß gemacht. Da lag es nahe, einen Beruf mit diesen Schwerpunkten zu wählen.

Grede: Von klein auf habe ich mich schon für Computer interessiert. Schon als Kind habe ich am Rechner meiner Mutter gespielt und so ging es immer weiter. Mein Ausbildungsberuf hat auch eine praktische Seite. Ich wollte beispielsweise nicht wie ein Programmierer den ganzen Tag nur am Schreibtisch sitzen und tippen.

Was war bisher die positivste Erfahrung der Ausbildung?

Kloppmann: Vom ersten Tag an gehörte ich dazu. Ich war nicht die Neue, sondern es fühlte sich an, als ob ich schon 25 Jahre hier arbeite.

Rüsges: Als ich nach dem ersten Lehrjahr selbstständig Arbeiten übernehmen durfte war das schon eine tolle Sache. Neu war für mich auch die Tatsache, Trinkgeld zu bekommen. Gerade bei größeren Reparaturen kommt das immer mal vor, was mich freut.

Borleis: Die Atmosphäre hier im Betrieb ist offen und nett. Und ich kann bei jedem Prozess, den ich mache, nachvollziehen, wie er von Anfang bis Ende läuft.

Grede: Neulich habe ich ein neues Programm erarbeitet und für Alle freigegeben, das war schon etwas Besonderes. Gut finde ich auch, dass wir hier so viel Wasser auf Chef-Kosten trinken dürfen wie wir wollen, bei Hitze hilfreich.

Was hat Sie negativ überrascht im bisherigen Berufsleben?

Kloppmann: Beim besten Willen fällt mir da nichts ein. Es ist sogar oft so, dass ich traurig bin, wenn ich um 17 Uhr Feierabend habe.

Rüsges: Am Anfang meiner Lehrzeit war ich überrascht, wie kaputt ich doch am Abend bin. Wir tragen Arbeitsschuhe und lange Hosen, was im Sommer schon schlauchen kann. Doch daran gewöhnt man sich.

Borleis: Man hat viel weniger Freizeit als früher, wenn man Ferien hatte. Rückblickend muss ich sagen: Man hätte die Ferien noch mehr genießen sollen. Vielleicht ist das auch ein Tipp für alle Noch-Schüler.

Grede: Wirklich Negatives gab es bisher gar nicht. Ich musste mich nur daran gewöhnen, dass wir zur Arbeit nicht in kurzen Hosen erscheinen dürfen, da wir ja auch mit Kunden zu tun haben.

Was haben Sie mit Ihrem ersten Gehalt gemacht?

Kloppmann: Ich bekomme jetzt mein erstes Gehalt. Davon werde ich auf jeden Fall meine Eltern zum Essen einladen und den Rest komplett beim Shoppen auf den Kopf hauen. Sparen kann ich dann etwas von dem kommendem Geld.

Rüsges: Vom ersten Geld habe ich meine Eltern zum Essen eingeladen und ihnen eine Kleinigkeit geschenkt - einfach weil ich mal etwas zurückgeben wollte. Der Rest ist für anderes schnell durchgegangen.

Borleis: Ich bin mit einer Freundin shoppen gegangen – ohne auf jeden Cent achten zu müssen. Und natürlich hab ich mir auch Kleidung gekauft.

Grede: Ich bekomme rund 750 Euro pro Monat. Für die Benzinkostengeht viel drauf. Was übrig bleibt, spare ich, denn vielleicht werde ich nach Hofgeismar ziehen. Dafür benötige ich dann Geld.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.