Brief mit Gewinnbenachrichtung

Mit Schwindlern auf Kaffeefahrt: HNA-Reporter begleitete dubiose Busfahrt

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Undercover im Bus: Auch der Hofgeismarer Rolf Gutenberger (Mitte) bekam eine der dubiosen Einladung mit dem Geldversprechen. Er wendete sich an die HNA. Jan Schumann (rechts) fuhr mit nach Obersuhl und staunte über die dreiste Gewinnspielmasche.

Hofgeismar: Eine zweifelhafte Firma macht derzeit Geschäfte im Landkreis Kassel. Senioren werden mit Geldgewinnen auf Busfahrten gelockt. Die Polizei rät zur Anzeige. Ein Reporter der HNA begleitete die Kaffeefahrt.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben tatsächlich gewonnen“, steht in der Einladung der Rentnerin aus Kassel. Jetzt liegt sie rücklings auf einem Tisch in einer Gaststätte in Obersuhl (Gemeinde Wildeck im Landkreis Hersfeld-Rotenburg). Ein Mann, der sich Herr Haack nennt, zückt eine Art Geigerzähler und startet die Elektrosmog-Kontrolle.

Geht es nach dem Verkäufer mit dem knackenden Messgerät, steht es nicht gut um die Gesundheit der Frau. „So viel gefährliche Elektrostrahlung fließt durch Ihren Körper!“ Haack wüsste Rat. Er wirbt für Magnetfeld-Bettdecken. Kostenpunkt: 2598 Euro. Für einen Schlaf ohne Todesstrahlen.

18 weitere Rentner aus Hofgeismar, Vellmar, Immenhausen und Kassel sitzen am vergangenen Dienstag in der Gaststätte „Zur Krone“. Manche nicken ernst, andere dösen. Auch in ihren Einladungen stand: „Herzlichen Glückwunsch“. Die meisten hier sind älter als 70 Jahre.

Im Publikum sitzt auch der 54-jährige Hofgeismarer Rolf Gutenberger. Weil ihm die Einladung höchst dubios erschien, kontaktierte er die HNA. Ein Reporter fuhr undercover mit.

2000 Euro und eine Fahrradverlosung sind das Versprechen, mit dem die Teilnehmer in den Bus gelockt werden, doch die Reise entpuppt sich als ordinäre Werbefahrt - davon stand nichts in dem Brief.

„Natürlich kümmern wir uns nachher noch um Ihren Gewinn“, kündigt Haack am Beginn des ganztägigen Werbemarathons an. Da ist es gerade 11 Uhr. Sieben Stunden später wird jeder der erschöpften Senioren ein Rubbellos bekommen, wie sie in Tabakshops für einen Euro verkauft werden. Das heißt: Mit großen Mengen Bargeld geht hier niemand nach Hause - abgesehen von den beiden Verkäufern.

Unter rhetorisches Dauerfeuer setzen Herr Haack und ein zweiter Verkäufer die Senioren, sieben Stunden lang. „Als Sie heute aus dem Bus gestiegen sind, habe ich sie nicht bloß an der Tür begrüßt, weil ich so nett bin“, verkündet Haack. Sondern: „Ich wollte sehen, wie es um Ihre Knie bestellt ist. Und das sah nicht gut aus.“ Mehrere Dosen Gelenksalbe wird er heute verkaufen, außerdem Kissen, Gesichtscrème und hässliche Metallarmbänder. Einige Teilnehmer werden am Endes des Tages sogar Ferienreisen bei den Männern buchen.

Haack legt Wert darauf, dass die Veranstaltung „natürlich freiwillig ist“. Niemand wird gezwungen, etwas zu kaufen. Doch verschwinden können die geprellten Rentner nicht: Obersuhl liegt an der hessisch-thüringischen Grenze im Landkreis Hersfeld-Rotenburg - und der Bus steht vor der Gaststätte. Das Ziel der Reise stand nicht in der anonym verschickten Einladung.

Viele der Senioren sagen, sie hätten im Voraus geahnt, worauf sie sich eingelassen haben. Keiner empört sich über sieben Stunden Werbegefasel, keiner fordert seine 2000 Euro ein. Und zum Glück kauft keiner die Magnetfelddecke.

Von Jan Schumann

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