Urteil vor Gericht

Künstler posiert mit Kalaschnikow-Attrappe - am Ende triumphiert er mit geballten Fäusten

Der Künstler Artur Klose trägt eine Clowns-Perücke und hält die Attrappe eines russischen Sturmgewehrs nach oben.
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Der Künstler hatte mit der Attrappe eines russischen Sturmgewehrs posiert und das Bild auf Facebook veröffentlicht.

Ein Künstler posiert auf Facebook mit der Attrappe einer Kalaschnikow. Dafür muss er sich nun vor Gericht verantworten. Das Urteil überrascht selbst ihn.

Kassel / Hofgeismar – Als der Richter das Urteil „Freispruch“ bekannt gibt, schaut der Angeklagte Artur Klose zunächst ungläubig seinen Verteidiger Werner Momberg an. Als der nickt, reißt Klose triumphierend die geballten Fäuste in die Höhe – und handelt sich dafür einen Tadel von Richter Reichhardt ein.

Immerhin: Der 49-jährige Hofgeismarer hat nach zwei Gerichtsverhandlungen in einer Sache obsiegt, die von der Anklage in bitterem Ernst als Vortäuschung einer Straftat, Störung der öffentlichen Ordnung und Verstoß gegen das Kriegswaffengesetz angesehen, vom Angeklagte aber als provozierende Aktionskunst deklariert worden war. Unbeteiligte würden vielleicht auch von einem komödiantischen Possenspiel sprechen.

Was war geschehen? Anfang 2018 fühlte sich Klose, ein Deutscher mit polnischen Wurzeln, vom Kreis Kassel und Landrat Uwe Schmidt fremdenfeindlich diskriminiert. Er reagierte darauf mit einem Foto auf seiner Facebook-Seite, das ihn mit der täuschend echt aussehenden Attrappe eines russischen AK-47-Sturmgewehrs in der einen und einem amtlichen Gerichtsschreiben in der anderen Hand zeigte.

Von Polizei und Staatsanwalt wurde dies als Drohgebärde gegen Amtsträger ausgelegt, Aktionskünstler Klose hingegen sah darin ein Kunstwerk gegen braune Umtriebe und Fremdenfeindlichkeit im Land. Am 30. Mai 2018 besuchte ihn ein Sondereinsatzkommando in seinem Haus in Hofgeismar. Klose wurde zu Boden gebracht, in Handschellen gelegt und erkennungsdienstlich behandelt. Die Kalaschnikov, eine vor zehn Jahren übers Internet in Spanien erworbene, nicht schussfähige Scheinwaffe, wurde konfisziert.

Aber er hatte ja noch eine. Zwei Wochen später postete er damit ein zweites Foto, diesmal im Clownskostüm mit roter Knollennase. Die Folge: zweite Hausdurchsuchung, Sicherstellung auch der zweiten Scheinwaffe.

Im April 2020 verurteilte ihn das Amtsgericht Hofgeismar zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen á zehn Euro. Gegen das Urteil legten Klose und auch die Anklage Berufung ein. Diesmal forderte Staatsanwältin Josefine Köpf 130 Tagessätze á zehn Euro. Verteidiger Momberg hingegen plädierte auf Freispruch. „Glauben Sie wirklich, er wäre mit der Kalaschnikov in den Gerichtssaal marschierte und hätte Richter und Staatsanwalt erschossen“, fragte Momberg ironisch.

Richter Reichhardt glaubte das nicht und ließ sich auch nicht von den Wortlawinen beeindrucken, die der durchaus anstrengende Angeklagte durch den Gerichtssaal fluten ließ. Reichhardt und seine Schöffen sahen keinen der schwerwiegenden Anklagepunkte als erfüllt an. Die Berufung der Staatsanwaltschaft wurde verworfen, was Anklägerin Köpf mit einem Gesicht quittierte, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

Die Kammer sprach den Mann frei. Ob die Fotos nun Kunst oder schlicht Unsinn waren, wurde nicht festgestellt. In jedem Fall seien sie durch die Kunstfreiheit gedeckt. Und die 258 Euro, die Klose für die Kalaschnikow-Attrappen beim Online-Händler bezahlt hatte, bekommt er vom Staat erstattet. Das scheinbare Kriegsgerät freilich nicht. (Thomas Stier)

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