Preisverfall in der Milchwirtschaft

Milchbauern in Hofgeismar: Bessere Konzepte müssen her

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Hohe Verluste: Fred Becker aus Reinhardshagen hält 90 Kühe in seinem Milchviehbetrieb. Bis zu 5000 Euro an Einbußen hat er durch den starken Preisverfall der Milch.

Schöneberg. Die EU hat eine Nothilfe für die Bauern auf den Weg gebracht. Landwirte aus der Region berichten, warum für sie die Förderung nicht infrage kommt.

Drei Familien hat der landwirtschaftliche Betrieb von Dieter Scholle über Jahrzehnte ernährt. Inzwischen ist das nicht mehr so - durch den enormen Preisverfall in der Milchwirtschaft, sieht es längst nicht mehr rosig aus in seinem Milchviehbetrieb in Schöneberg.

Dieter Scholle

„Seit eineinhalb Jahren leben wir von unseren Rücklagen“, sagt der Schöneberger, eigentlich hätten sie davon Investitionen tätigen wollen, doch die seien nun hinfällig geworden. Hat Scholle für den Liter Milch im Sommer 2014 noch 35 Cent bekommen, so sind es jetzt gerade mal 26 Cent. „Unsere Erträge sind um 25 Prozent zurückgegangen - irgendwann zwingt so ein Preisverfall auch einen Betrieb wie unseren in die Knie.“ Sollte die Krise noch ein Jahr andauern, dann werde es ziemlich kritisch, so seine Prognose, schließlich hätten schon jetzt viele kleinere Milchbauern aufgeben müssen. Für Scholle bedeutet der aktuelle Milchpreis, dass er keinen Gewinn macht. Es gebe allerdings auch Betriebe, die dadurch rote Zahlen schrieben. Mehr als 150 Euro pro Tag an Einbußen hat der Landwirt inzwischen, da jede Kuh zwei Euro weniger für ihre Milch bringt.

Der Nothilfe-Kredit kam für den Milchbauern nicht in Frage. „Das ist etwas für diejenigen, die kurz vor dem Aus sind, denn es ist eine kurzfristige Hilfe, die aber keine echte Lösung sein kann.“ Laut Scholle müssten andere Konzepte her und zwar solche, die längerfristig Entlastung bringen würden. „Dieser EU-Kredit muss in vier Jahren zurückgezahlt werden und was man an Zuschuss bekommt, ist nicht wirklich viel.“ Außerdem seien die Bedingungen, ihn zu erhalten, nicht einfach, so dass er dieses von vornherein abgelehnt habe. Für Scholle ist das Nothilfe-Programm eigentlich nur eine Art Alibi der Politiker. Es helfe ihnen nicht wirklich, aber die können sagen, sie hätten was getan. Was passiert, wenn der Preisverfall noch ein Jahr anhält, kann Scholle nicht genau sagen. „Wahrscheinlich werde ich dann auch zur Bank müssen und einen Kredit aufnehmen.“

Auch Milchbauer Fred Becker aus Reinhardshagen hat die Unterstützung der EU nicht in Anspruch genommen: „Die Richtlinien sind so eng gestrickt, dass ich keine Chance hatte“, sagt das Vorstandsmitglied des Regionalbauernverbandes Kurhessen. Um den Betrieb, in dem er 90 Milchkühe hält, aufrecht zu erhalten, hatte er schon im Vorfeld einen Kredit bei einer Bank abgeschlossen. Da sich dieser nicht mit dem Nothilfe- Programm vereinbaren ließ, fiel er durch das Raster. Zwischen 4000 bis 5000 Euro Einbußen hat der Landwirt derzeit pro Monat. „Sollte das Ganze noch ein Jahr gehen, muss ich vielleicht auch die Türe zu machen, schließlich kann man sich ja nicht ständig weiter verschulden.“ Laut Becker müssten sie mindestens 36 Cent pro Liter Milch erhalten, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Somit blickt der Reinhardshäger auch sorgenvoll in die Zukunft.

Auch Schweinebauern haben hohe Einbußen 

Dass der Preisverfall nicht nur den Milchviehbetrieben zu schaffen macht, sondern die Schweinezuchtbetriebe ebenso betrifft, macht Helmut Grandjot aus Schöneberg deutlich. Einige seiner Kollegen hätten ihre Betriebe längst geschlossen und vielen stehe das Wasser bis zum Hals, sagt der Ferkelproduzent.

„Bis vor eineinhalb Jahren war der Preis noch stabil, da haben wir für ein Ferkel 75 Euro bekommen“, erklärt der Landwirt, seit mehr als einem Jahr lägen die Preise nun bei 50 Euro, so dass sie nicht nur keinen Gewinn machten, sondern drauf zahlen müssten. Da er über eine Biogasanlage verfüge, sei seine Lage nicht allzu drastisch, vielmehr mache er sich Sorgen um seine Berufskollegen, von denen viele ernsthafte Probleme hätten.

65 Euro an Produktionskosten fallen bei Grandjot für ein Ferkel an. Da inzwischen rund zehn Euro pro Tier fehlen, sind das auf seinen Betrieb umgerechnet mindestens 130 000 Euro, die er im vergangenen Jahr drauf gelegt hat. Als Ferkelproduzenten seien sie die letzten in der Kette, was die Mäster ihnen als Preis anbieten würden, müssten sie akzeptieren. Dass es auch denen in diesen Zeiten nicht gut geht, davon ist der Schöneberger überzeugt - allerdings würden diese gerade noch so eine „schwarze Null“schreiben, sie hingegen würden bares Geld verlieren.

Da Grandjot genügend Einnahmen aus seiner Biogasanlage akquirieren kann, brauchte er auf den Kredit der EU nicht zurückgreifen. Tatsächlich wisse er im Kreisteil nur von einem Kollegen, der dies in Anspruch genommen hätte. Man rede nicht gerne darüber. So einfach soll es zudem nicht sein, in das Nothilfe Programm aufgenommen zu werden.

Dass es wahrscheinlich in diesem Jahr noch schwierig in ihrer Branche bleibt, davon ist Grandjot überzeugt. „Jeder Tag kostet uns Landwirten bares Geld. Wir können nur hoffen, dass es bald wieder besser wird.“ Zudem sieht es der Schöneberger als Unding an, dass inzwischen gute Teile der Schweine im Hundefutter landen. „Der russische Absatzmarkt wurde dicht gemacht - nun ist der Preis für Schweinefleisch so im Keller, dass es sich sogar rechnet, mit einem guten Schinken Hundefutter zu produzieren.“

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