Kampf um die Erinnerung

Mord im Reinhardswald: Alter Kriminalfall bewegt bis heute

Neue Eiche: Als Ersatz wurde neben der erneuerten Infotafel eine neue Eiche gepflanzt. Zur Schaufel griffen (von links) Forstamtsleiter Dr. Markus Ziegeler, Pfarrer Karl Waldeck, Historiker Dr. Siegfried Lotze und Bianka Zydek (Naturpark).
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Neue Eiche: Als Ersatz wurde neben der erneuerten Infotafel eine neue Eiche gepflanzt. Zur Schaufel griffen (von links) Forstamtsleiter Dr. Markus Ziegeler, Pfarrer Karl Waldeck, Historiker Dr. Siegfried Lotze und Bianka Zydek (Naturpark).

Vor 352 Jahren wurde ein Reisender beim Judenbaum im Reinhardswald ermordet. Jetzt wurde die Erinnerungstafel erneuert. Ein Kampf dauert an: gegen Vandalismus an Schild und Baum.

Reinhardswald – Die Erinnerung an einen Mord vor 352 Jahren im Reinhardswald lebt bis heute weiter. Der Naturpark Reinhardswald hat gemeinsam mit dem Forstamt Reinhardshagen und der Evangelischen Akademie Hofgeismar in der Nähe des damaligen Tatortes einen neuen „Judenbaum“ gepflanzt und eine Infotafel aufgestellt. Sie ist Bestandteil des neuen Besucherleitsystems im Naturpark.

In einer kleinen Runde mit Vertretern von Naturpark, Forstverwaltung und Kommunen verwies die Naturpark-Geschäftsführerin Bianka Zydek darauf, dass sechs neue Info-Stelen, sieben neue Wander-Infotafeln und neu ausgewiesene Rundwanderwege dabei helfen, den Reinhardswald weiter für naturliebende Besucher zu erschließen. Zu den 18.000 Euro Gesamtkosten gab es einen Zuschuss von 14.000 Euro aus dem Regional- budget von Bund und Land.

Der neugepflanzte Baum, unweit des heutigen Friedwaldes, eine Eiche, gezogen aus den „alten Riesen“ im Urwald Sababurg, ersetzt mehrere Vorgängerbäume, die meist durch Vandalismus eingingen. Karl Waldeck, Direktor der Evangelischen Akademie in Hofgeismar, erinnerte an das wechselhafte Leben der Menschen mit dem Wald, der gerade mit Sturmschäden, Trockenheit und Käferbefall wieder eine Krise durchmache.

Er schilderte auch den Kriminalfall vom Heiligabend 1668, als der jüdische Textilkaufmann Samuel von Schwartzkirchen bei seiner Rückreise aus Amsterdam, wo er Samt, Seide und Leinen eingekauft hatte, auf dem Handelspfad durch den Reinhardswald kam und an dieser Stelle von mehreren Männern überfallen und tödlich verletzt wurde. Der Baum, an dem dies geschah, war 40 Jahre später in der Schleensteinschen Landkarte bereits als Judenbaum verzeichnet.

Waldeck verwies auf die von Annette von Droste-Hülshoff verfasste Erzählung „Die Judenbuche“ und meinte, dass die Versuchung naheliege, dieses großartige Stück Literatur für den Reinhardswald zu reklamieren. Es gebe Parallelen zu einem Ereignis in der Heimat der Schriftstellerin, doch keinen endgültigen Beweis. Der Judenmord von 1668, bei dem es um Waren und Geld ging, wecke Erinnerungen an früheren Judenhass und man müsse beklagen, dass der Antisemitismus höchst lebendig sei. Auch in dieser Gegend, denn der Vorgängerbaum wurde mutwillig zerstört, die alte Tafel mit Hakenkreuzen verunstaltet. Die neue Stele sende die Botschaft, Gewalt zu widerstehen, gleich gegen wen. Waldeck: „Wehret den Anfängen, zeigen wir Courage. Wir pflanzen heute Erinnerung, an und von diesem Ort zu uns und unseren Mitmenschen“. Forstamtsleiter Dr. Markus Ziegeler sagte, man habe in diesem Jahr 1,5 Millionen neue Eichen gepflanzt und da habe man genug, den Judenbaum immer wieder neu zu pflanzen. (Thomas Thiele)

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