Mit Fahrrad, Anhänger und Hund: Obdachloser erzählt von der Straße

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Treue Freundin und Begleiterin: Hündin Emma ist in vielen Dingen eine Hilfe für Hartmut Nölling. Als Wachhündin und Kameradin ist das Tier für den Obdachlosen unverzichtbar.

Hofgeismar. Wenn Hartmut Nölling auf seinem Fahrrad durch Deutschland radelt, geht er als Tourist durch. Doch der 54-Jährige lebt auf der Straße - man sieht es ihm nur nicht an.

Das ist kein Zufall. „Ich würde meine Sachen nie in Einkaufstüten umhertragen oder mir Plastiktüten umbinden“, sagt Nölling. „Wer so rumläuft, ist gleich in einer Opfersituation und damit leicht angreifbar.“

Zurzeit überwintert Nölling in einer Übergangswohnung des Tagestreffs Kanapee in Hofgeismar, den Rest des Jahres reist er mit Fahrrad, einem Anhänger für seine Sachen und Hündin Emma. „Das Tier ist meine Lebensversicherung“, sagt er. Der Hund ist immer bei ihm, schlägt sofort an, wenn sich jemand seinem Schlafplatz nähert, und bewacht das Fahrrad. Außer Pfefferspray hat Nölling für seinen Schutz nichts dabei. Angst hat er auf der Straße aber nicht, auch nicht nach den zwei Morden an Obdachlosen in Kassel (Ende November auf dem Schulhof der Elisabeth-Knipping-Schule und im Mai an der Fulda an Monika S.).

Nacht sicher verbringen

„Diese Menschen waren an ihren Ort gebunden und hielten sich in der Stadt auf, wo die Gefahrensituation am größten ist“, sagt Nölling. Er selbst baut sein Zelt nie in Zentren auf, sondern sucht die Ruhe weit ab vom Trubel. „Die Nacht ziemlich sicher verbringen kann man zum Beispiel in Grillhütten.“ Wenn man denn doch in der Stadt übernachten müsse, seien Schul- und Friedhöfe gute Plätze.

Er selbst ist auch schon überfallen worden. Von einer auf die andere Sekunde waren alle seine Sachen weg, die er über Jahre zusammengetragen hatte. „Das war wirklich schlimm, ich stand mit Nichts da.“ Der Überfall war an einem Bahnhof in Berlin passiert und hatte nichts mit der Obdachlosigkeit zu tun, da ist sich Nölling sicher. „Ich sah aus wie ein ganz normaler Reisender mit Rucksack, das war ein Zufall.“

Fit durchs Radfahren

Bis auf diesen Vorfall hat Nölling noch keine gefährlichen Situationen während seines Lebens auf der Straße gemacht. „Es kommt viel auf einen selbst an“, sagt der 54-Jährige. „Ich bin kein Alkoholiker, durch das Radfahren körperlich fit, nehme keine Drogen und versuche, meine Sachen immer ordentlich zu halten.“ Mit dieser Lebensart könne man ein Leben auf der Straße in Deutschland gut aushalten.

Es gibt aber auch Städte, die Nölling komplett meidet. Gießen beispielsweise sei zum Brennpunkt geworden. „Früher war die Stadt klasse, man hat immer irgendwo ein Frühstück bekommen. Jetzt ist Gießen von der Drogenszene überschwemmt und zu gefährlich geworden.“

Das Weihnachtsfest verbringt Nölling in Hofgeismar, doch die Tage danach trifft er sich mit seiner Tochter bei einem Freund. „Ich lebe freiwillig auf der Straße und bin zufrieden mit meinem Leben.“

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