Bäume waren von innen angefault

Pappel-Fällung in Hofgeismar ist Gewissensfrage

Gefällt: Bis Dienstagnachmittag hatten Sebastian Huke (Bild) und sein Kollege Steven Rudolph von der Firma Menke bereits 35 der etwa 60 teilweise angefaulten Pappeln am Ostufer der Lempe gefällt. Sie werden nun verheizt. Beim Umstürzen in den Brunnenpark (links) hätten die 25 Meter hohen Bäume auch dort Schäden anrichten können. Das wollte die Stadt nicht riskieren. Foto: Thiele

Hofgeismar. Der Beweis scheint erbracht: Bei über der Hälfte der 35 Pappeln, die am Ostufer der Lempe in Hofgeismar gefällt wurden, waren die Stämme am Fuß innen angefault.

Die weichen Stellen und Hohlräume maßen wenige Zentimeter oder fast den gesamten Stammdurchmesser. „Das war zu riskant, die stehen zu lassen“, waren sich nicht nur die Baumfäller sicher, sondern auch die Stadt als Auftraggeber und die genehmigenden Behörden.

Hier wird allerdings das Dilemma deutlich, in dem derzeit die Kommunen stecken. Sie handeln auch aus Finanznot. Denn die Lohnunternehmen, wie auch in diesem Fall, bieten ihre Fälldienste gratis an, wenn sie im Gegenzug das Holz mitnehmen dürfen. Die klammen Kommunen nehmen das Angebot landauf landauf meist dankend an und lassen dabei auch schon mal größere Bestände fällen. Ein Baumchirurg berechnet dagegen pro Baum mehrere hundert Euro, wenn er schadhafte Stellen inspiziert und repariert.

„Wenn es die Holzhackschnitzelfeuerungen nicht gäbe, dann würden die Pappeln noch Jahre stehen“, meinte auch Hans-Jürgen Schwabe vom Naturschutzbund, der darauf drängte, dass für die etwa 60 entfernten Pappeln umgehend Nachpflanzungen mit Weiden, Erlen und Eichen erfolgen. Der Nabu stimmte vor allem wegen der ökologischen Vielfalt zu, weil in Pappeln nur zehn Tierarten leben, in Weiden dagegen rund 500 verschiedene Arten von Lebewesen. Schwabe: „Nicht die Wirtschaft darf im Vordergrund stehen, sondern der Naturerhalt.“

Risiko: Bei 20 von 35 Bäumen war ein geringer bis (wie hier) großer Teil des Stammes verfault oder schon hohl. Wie sich das auf die Bruchsicherheit auswirkt, ist allerdings schwer zu sagen und bei jedem Baum unterschiedlich.

Vor überstürztem Aktionismus beim Fällen von Pappeln warnt auch Detlef Schmidt aus Grebenstein, öffentlich vereidigter Sachverständiger unter anderem für Baumpflege und Verkehrssicherheit von Bäumen. Er befürchtet, dass langfristig landschaftsprägende Gehölze verfeuert werden. Schmidt verweist auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes, der einen Freibrief zum Fällen aller Pappeln ablehnt (siehe unten). Er hätte ein etappenweises Fällen verteilt auf mehrere Jahre empfohlen. Heute könne man, etwa mit Schall, das Innere eines Baumes auch ohne Anbohren untersuchen. Die Größe einer Faul- oder Hohlstelle im Baum sage noch nichts über das Bruchrisiko aus, das bei jedem Baum anders sei und von vielen Faktoren abhänge. Rohre seien schließlich stabil und die Pappeln hätten die jüngsten Stürme auch überstanden.

Dieses Risiko wollte Hofgeismars Bürgermeister Markus Mannsbarth aber nicht eingehen, weil die Pappeln nicht nur Campingplatzbesucher, sondern an der übrigen Uferstrecke auch Spaziergänger im angrenzenden Brunnenpark gefährdeten. (tty)

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