Bürgermeister fühlen sich übergangen

Windpark-Protest im Reinhardswald: Politiker wandern mit 150 Waldschützern

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Protest im Wald: 150 Teilnehmer machten sich am Sonntagnachmittag auf den Weg zu den geplanten Windkraftanlagen auf dem Langenberg.

Seit Jahren protestieren Windkraftgegner gegen neue Anlagen im Reinhardswald. Nun rief ein Aktionsbündnis zu einer Wanderung auf. Die Pläne, hieß es dort, seien "ein Frevel an der Natur". 

Der Protest gegen die Windpark-Planungen im Reinhardswald gewinnt weiter an Dynamik. Am Sonntag kamen 150 Besucher, um an einer geführten Wanderung zu den möglichen Standorten von bis zu 250 Meter hohen Windenergieanlagen teilzunehmen. Mit dabei: Vier Bürgermeister sowie fünf Landtagskandidaten. Eingeladen zu der nun schon vierten Protestwanderung hatte das Aktionsbündnis Märchenland. 

Das Bündnis kämpft seit Jahren gegen die drohende „Industriealisierung des Reinhardswaldes“ durch riesige Windenergieanlagen sowie Pipeline und Speicherbecken für salzhaltige Abwässer in Hessens größtem zusammenhängenden Waldgebiet. Ein noch intakter, weitgehend unzerschnittener und für Artenschutz und -vielfalt unverzichtbarer Lebensraum und Erholungsraum für den Menschen drohe vernichtet zu werden, so das Bündnis. 

Angeschlossen haben sich dem Protest auch die meisten Bürgermeister der Reinhardswaldregion. Diesmal wanderten mit Cornelius Turrey (Oberweser), Fred Dettmar (Reinhardshagen), Martin Lange (Trendelburg) und Mirko von Pietrowsky (Bodenfelde). An die 60 000 Menschen lebten im und am Reinhardswald. Doch ihre Interessen würden von der Landesregierung nicht vertreten, sagte Cornelius Turrey. „Wir sind der Reinhardswald, aber wir werden nicht gefragt und unsere Antworten interessieren niemand“, sprach Turrey auch für seine Kollegen. 

Sind sich in der Ablehnung der Windkraft im Wald einig (von links): Die Bürgermeister von Trendelburg, Reinhardshagen und Oberweser – Martin Lange, Fred Dettmar, Cornelius Turrey.

Die Ablehnung der Windkraftpläne teilen die Landtagskandidaten Oliver Ulloth (SPD), Florian Kohlweg (AfD) und Malte Fehling (FWG). Alexander Lorch (CDU) und Juri Stölzner (Grüne) sehen sich dagegen in einer schwierigen Lage. Während ihre, die Landesregierung bildenden Parteien, der Windkraft im Wald den Weg ebnen, sehen sie die „Pläne kritisch“ (Lorch) oder wollen die Anlagenzahl zumindest reduziert sehen (Stölzner).

Mehr zum Thema: "Irrweg der Energiewende

Nach einer Stunde legen die Wanderer auf der Höhe des Langenbergs bei Gottsbüren einen Stopp ein. Orkan Friederike hat im Januar hier eine Schneise geschlagen. Genau hier soll eine der 16 Windkraftanlagen entstehen. Frisch aufgebrochene Erde und Kalkschotter zeugen noch von vor Kurzem stattgefundenen Erkundungsbohrungen.

Die 150 Teilnehmer der Protestwanderung genießen den unverstellten Blick in die von der Oktobersonne vergoldete Landschaft – bis weit ins Westfälische hinein. Jan Eric Müller-Zitzke jedoch muss an dieser Stelle die innehaltenden Wanderer darauf hinweisen, dass Ruhe und Idylle des Waldes bedroht sind. Denn auf dem Kamm von Langenberg und Hahneberg könnten sich schon bald die mächtigen Windräder der neuesten Generation drehen. Mit einer Gesamthöhe von 245 und einer Rotorspannweite von 150 Metern. Die von einer solchen Anlage bestrichene Fläche betrage 17 000 Quadratmeter. 

Von dem nur einige Kilometer entfernten Wesertal aus betrachtet reichten die Riesen, deren Fundamente auf etwa 450 Meter über NN in den Boden getrieben werden müssten, dann bis zu 600 Meter in den Himmel. „So hoch wie die höchsten Wolkenkratzer der Erde“, sagt Müller-Zitzke. „Von unten wirkt das dann wie ein gigantischer Stacheldrahtverhau.“ 

Die Problematik der Fundamentierung der tausende Tonnen schweren Masten auf dem weichen Buntsandstein und die sich daraus ergebenden Gefahren für das Grundwasser will Müller-Zitzke nicht weiter vertiefen und erwähnt sie nur. „Unglaublich“, „nicht zu fassen“, „was für ein Frevel an Natur und Landschaft“, „entsetzlich“. Das sind die darauf immer wieder zu hörenden Kommentare der Wanderer. 

Stärkung: Am Ende der gut vorbereiteten Wanderung bot das Aktionsbündnis den Teilnehmern Kaffee, Kuchen und Kaltgetränke an. Viele unterstützten die Aktion mit einer Spende.

Auch Kommunalpolitikern, die sich schon seit Jahren mit der von der Energiegenossenschaft Reinhardswald (EGR) im Verbund mit Land und Hessen Forst vorangetrieben Windparkplanung auseinandersetzen müssen, fehlt jegliches Verständnis. Martin Lange ist Bürgermeister von Trendelburg, der Stadt, die Gründungsmitglied der EGR war. „Für mich ist es nur schwer auszuhalten, was hier passieren soll“, sagt Lange. Wohl keiner wolle mehr zurück zur Atomkraft. „Aber Windkraft in der Mitte des Reinhardswaldes, das ist der verrückteste Irrweg der eigentlich sinnvollen Energiewende.“

Ebenso wie sein Kollege Cornelius Turrey (Oberweser) ist Reinhardshagens Bürgermeister Fred Dettmar von der Landesregierung enttäuscht. So sei es beispielsweise „eine Sisyphusaufgabe einen Termin für die Übergabe einer Resolution zu bekommen.“ Der Regierungspräsident wolle nicht und der Ministerpräsident melde sich nicht. „Einen riesen Hals“ bekommt Dettmar, wenn er an die Grünen denkt. „Die lassen unseren Protest einfach links liegen.“ Dabei müsste es doch für die Ökopartei darum gehen, „den Wald zu bewahren, auch aus Klimaschutzgründen.“ Wie seinen Kollegen ist auch Dettmar daraufhin der laut durch die Idylle des Waldes hallende Applaus der Wanderer sicher.

Hintergrund:

Nach Informationen des Aktionsbündnisses Märchenland wird für den Windpark am Langenberg/Hahneberg nun mit 16 statt mit bisher zwölf Anlagen geplant. Allein für diesen Windpark müsse eine acht Meter breite und fünf Kilometer lange Zuwegung auf dem Bergkamm neu gebaut werden. Eine Waldwiese werde komplett zerstört und ein wertvoller alter Buchenbestand von 10 Hektar würde von den Windrädern umzingelt. Dieser Wald aber sei Lebensraum für Fledermäuse, Spechte und andere Tiere. Für den Bau der Windräder und Straßen müssen laut Berechnungen der Waldschützer mehrere hunderttausend Quadratmeter Wald gerodet werden. 

Stellungnahme der Energiegenossenschaft Reinhardswald zu den Protesten: 

Der Vorsitzende der Energiegenossenschaft Reinhardswald Danny Sutor wirft der Bürgerinitiative Aktionsbündnis Märchenland bewusste Falschinformation vor. „Die Verantwortlichen nennen Fakten, von denen sie genau wissen, dass sie nicht korrekt sind. Auf diese Weise werden in der Bevölkerung falsche Sorgen und Ängste geschürt“, sagt der Grebensteiner Bürgermeister. 

Konkret benennt Sutor Fakten, die bei einer von der BI geführten Wanderung am vergangenen Wochenende genannt wurden (wir berichteten). Weder seien Zuwegungen mit einer Breite von acht Metern geplant, noch würde hektarweise Buchenbestand gerodet werden müssen. Wie aus den Planungsunterlagen ersichtlich sei, wären die benötigten Wege maximal 4,50 Meter breit. 

Zudem sei ein Flyer, auf dem für die Wanderungen geworben wird, fehlerhaft. Die Zuwegungen seien nicht der Planung gemäß eingezeichnet, ein benannter Windkraftstandort nicht mehr Teil des Vorhabens. Fotos suggerierten zudem die Zerstörung einer Waldwiese, die nicht berührt werde, wie Sutor mitteilt. „Windkraft im Reinhardswald ist nicht der bequemste Weg. Wir kennen seinen Wert und gehen behutsam vor, müssen aber eben auch unseren Baustein zur Energiewende beitragen“, sagt Sutor. 

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