Der ehemalige Ärztliche Direktor des Evangelischen Krankenhaus im Interview

Prof. Vogel im Gespräch: "Wir brauchen eine gute Akutklinik in Hofgeismar"

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War Ärztlicher Direktor des Evangelischen Krankenhaus: Professor Dr. Werner Vogel. 

Technik und Globalisierung verändern unser Leben und die Heimat. Wie wird der Kreisteil Hofgeismar im Jahr 2030 aussehen? Übers Altern und die Gesundheitsversorgung sprachen wir mit Geriater Professor Werner Vogel.

Herr Professor Dr. Vogel, seit Jahren wird prognostiziert, dass die Telemedizin irgendwann den Arzt vor Ort ersetzt. Haben wir 2030 noch Mediziner im Kreisteil Hofgeismar?

Professor Vogel: Ich war in den 1980er-Jahren in der Uniklinik des Saarlands als Oberarzt zuständig für den Aufbau eines Computernetzwerks. Damals hieß es: In zehn Jahren werden wir keine Ärzte mehr brauchen, dann wird der Rechner die Diagnose übernehmen. Das ist nicht eingetreten. Stattdessen haben wir heute viel bessere Rechner und trotzdem Ärzte. Denn in der Medizin braucht es den menschlichen Kontakt, um zu verstehen, woran der Patient leidet. Die fantastische Technik kann da nur helfen.

Der Patient ist also der Garant dafür, dass wir weiter Ärzte hier brauchen?

Vogel: Eine Ferndiagnose mit einem beratenden Kollegen in Kassel ist gut, ersetzt aber nicht den Arzt vor Ort. Ein Patient kann nicht selbst formulieren, was ihm fehlt. Der Arzt muss durch seinen Beschwerdevortrag durchblicken. Er muss sagen, welche Art von Medizin hilft und zusammen mit dem Patienten die Lösung finden. Es geht nicht allein um die Information, sondern um die Beziehung von Mensch zu Mensch.

Was bedeutet das für die Gesundheitsversorgung der Zukunft im Kreisteil?

Vogel: Wir brauchen gute Ärzte in der Region. Wenn wir die in Deutschland nicht kriegen, kommen welche aus dem Ausland, wo sie wiederum fehlen. Wir brauchen in Hofgeismar eine gute Akutklinik. Dort muss nicht jeder medizinische Eingriff möglich sein. Aber wir müssen die Basis hier machen. Wir brauchen eine gute ambulante und stationäre Grundversorgung, auch in meinem Fach, der geriatrischen Medizin. Die gibt es hier seit fast 50 Jahren. Man muss sie gut erhalten, denn das Evangelische Krankenhaus versorgt die ganze Region.

Warum ist ausgerechnet die Geriatrie so wichtig?

Vogel: Weil sie hier mit hohem Aufwand und Herzblut entwickelt wurde. Wir werden in Zukunft Menschen haben, die nicht im Pflegeheimen alt werden wollen und können. Und sie dauerhaft in Kliniken zu behandeln, wäre gar nicht bezahlbar. Dort wird oft so wenig altersgerechte, zielgerichtete Medizin gemacht, dass alte Patienten noch kränker werden können. Wir müssen zurück zu der Frage: Was ist für den Patienten gut und was können wir anwenden? Das geht nur im interdisziplinären Dialog – also mit Ärzten aller Fachrichtungen und medizinischen Fachberufe. Da muss auch ein Gatekeeper [Torwächter Anmerk. der Red.] sein – also eine Person, die Probleme erkennt und weiterdelegiert.

Haben wir schon die Mittel, Menschen so zu behandeln?

Vogel:Die Instrumente dafür sind da. Aber wir müssen sie auch nutzen und nicht nur sehen, wo wir ein Krankenhaus am billigsten hinstellen. Wir brauchen Raum und Zeit, um menschliche Atmosphäre zu schaffen. Das ist es, was am Krähenberg funktioniert. Das ist es, was schon der erste Chefarzt Dr. Hans Leutiger am Krähenberg gemacht hat.

Wie muss sich das medizinische Angebot bis 2030 verändern?

Vogel:Im Jahr 2030 bin ich 82 und genau in der Altersgruppe, die dann Hilfe braucht. Der größte geriatrische Bedarf wird zwischen 2030 und 2040 erreicht sein, wenn die Babyboomer-Generation in dieses Alter kommt. In der Akutmedizin und Geriatrie können wir vieles anbieten, wir haben aber nichts im ambulanten Bereich. Es gibt nur zwei ambulante Geriatrien in Deutschland.

Wird man in Zukunft anders altern als bisher?

Vogel:Wenn man sich gesund erhält, Vorsorgemedizin nutzt, Sport treibt und das Gehirn fit hält, wird man länger leben und dennoch gesund bleiben. Trotzdem wird es am Ende wahrscheinlich, dass man Hilfe braucht. Wir haben dann hilfsbedürftige Menschen mit dem Wunsch, möglichst lange selbstständig zu bleiben. Wenn dann die nötigen Strukturen da sind, wird es uns gut gehen, selbst wenn wir krank werden.

Prognosen sagen, dass der Altersdurchschnitt steigt. Sind wir 2030 im Kreisteil eine Region der Rentner?

Vogel:Das kann sich sehr schnell ändern. Wir haben junge Bürgermeister mit Ideen. In den USA ist es selbstverständlich, das man eine halbe Stunde vom Wohnort zu Arbeit fährt. Wenn die Verkehrsverbindung gut und etabliert ist, werden die Leute wieder aufs Land ziehen. Das darf dann allerdings nicht so hässlich geworden sein, dass man dort nicht mehr leben will. Falls aber die Landflucht anhält, werden wir eine Bevölkerung der Alten sein. Aber man wird uns nicht vergessen, denn wir haben eine Lobby und werden sagen: Wir wollen eine gute ärztliche Versorgung und eine intakte Umwelt.

Was machen Sie persönlich im Jahr 2030?

Vogel: Ich hoffe, dass meine Frau und ich gesund bleiben. Ich würde gern weiter Kunst wie meine Bildhauerei und Musik machen. Ich kann mir auch Hobbys vorstellen, die nicht so körperlich anstrengend sind. Mit dem Kopf kann man am längsten arbeiten. Wir haben so viele Aufgaben, Kinderbetreuung gehört dazu. Es gibt viele Bereiche in unserer Gesellschaft, für die man erfahrene Menschen braucht. Solche Ehrenämter können wie ein Beruf sein, nur dass es kein Geld gibt. 

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