Reaktionen zu Sarrazins Thesen: „Beleidigend und absolut taktlos“

Foto: Gratzke/Montage: Thiele
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Foto: Gratzke/Montage: Thiele

Hofgeismar. Die Thesen von Thilo Sarrazin sind Gesprächsthema. Wir haben uns umgehört, was die Menschen im Kreisteil sagen. Wir fragten in der Fußgängerzone, waren beim deutsch-türkischen Frauentreff in Hofgeismar und in Oberstufengymnasium Albert-Schweitzer-Schule (ASS).

Die Schule. Für die 13. Klasse der ASS geht es gleich morgens im Biologieleistungskurs um Sarrazin. „Die Aussage über das bestimmte Juden-Gen ist falsch“, fasst Yannick Wennde (19) aus Udenhausen zusammen. Die Schüler stellen zusammen mit ihrem Lehrer Marc Vollmer fest, dass sich menschliche Gene nicht an einer Religion festmachen lassen oder dass die Religion Gene bestimmen kann. Umwelt, Nahrung und andere Lebensumstände würden bei der Evolution Einfluss nehmen, die religiöse Anschauung sicher nicht.

Grundkurses Ethik. Der von Gabriele Gratz geleitete Grundkurs an der ASS kommt zufällig auf die Thesen von Sarrazin zu sprechen. „Eigentlich sprachen wir über allgemein ethische Grundsätze,“ so der 15-jährige Schüler Dorian Le Jeune aus Immenhausen. Doch schnell kommt der Kurs auf die aktuelle Diskussion zu sprechen. Fazit nach ausführlicher Diskussion: Das Thema Migration und Integration wird von Sarrazin zu polemisch in den Mittelpunkt gerückt. „Er hat einfach nur beleidigend Behauptungen aufgestellt und machte keine konstruktiven Vorschläge. Und wenn man sich schon in solch einer hohen Position befindet, dann sollte man mit solchen Themen nicht taktlos umgehen“, kritisiert die Schülerin Malin Brietzke (17) aus Stammen. Angelina Neusel (17) aus Espenau pflichtet bei und berichtet, was Migranten empfinden, wenn sie mit den Sarrazin-Thesen konfrontiert werden. Eine türkisch-stämmige Mitschülerin habe Tags zuvor im Unterricht erzählt, wie sie sich seit den Äußerungen des SPD-Politikers fühlte: „Persönlich angegriffen und absolut vorverurteilt.“

Die Buchhandlung. „Die Eule“ in Hofgeismar. Dort setzt sich Babette Langscheid (42), Inhaberin des Geschäfts, mit den Inhalten von Sarrazins brenzligen Thesen auseinander und macht sich ihre Gedanken. Immerhin ist in ihrem Laden das umstritten Buch erhältlich. „In einer Woche habe ich 35 Stück verkauft,“ rechnet die Besitzerin vor. „Darin sind auch die Vorbestellungen miteinbezogen. Und die erste Auflage ist bereits vergriffen.“ Nächste Woche rechnet sie mit der Lieferung der zweiten Auflage. Für sie ist der Wirbel eine reine PR-Masche. „Würde das Buch nicht so von den Medien gepusht werden, dann würde sich keiner dafür interessieren.“

Die Politik. Dort sorgt Sarazzin vor allem für Aufregung. Durch die pauschalen und falschen Behauptungen würde Fremdenhass geschürt, erklärt SPD-Bezirksvorsitzender Manfred Schaub. Über Integration müsse man natürlich diskutieren, aber Sarrazin verletze die Gefühle der Migranten. Das sei „nicht tolerierbar.“ Schon gar nicht von einer Partei, deren Mitglieder selbst unter dem intoleranten rassistischem Nazi-Regim gelitten hätten. Wenig Verständnis für die Thesen Sarrazins hat Caldens Bürgermeister Andreas Dinges. „Als Diplom-Biologe habe ich Kenntnis darüber, was vererbt werden kann, und was nicht.“ Die Unterschiede, die Sarrazin zwischen den verschiedenen Ethnien propagiert, sind überbewertet. Die gleichen Unterschiede existierten auch innerhalb einer Kultur, sagt Dinges, der keinen gesteigerten Wert darauf legt, das polarisierende Buch des Vorstandsmitgliedes der Bundesbank zu lesen.

Deutsch-türkischer Frauentreff in Hofgeismar. „Ich finde die Geschichte wird in den Medien zu hochgekocht. Türkische Migrantinnen haben andere Probleme, als die Äußerungen von Thilo Sarrazin ernst zu nehmen,“ sagt Ilse Wilhelm (61) aus Hofgeismar. Sie leitet den Frauentreff zusammen mit Margret Christoforatos. Ihre Meinung zu den polarisierenden Thesen ist klar: Wenn der Rückhalt in der Gemeinschaft gegeben ist, dann treffen solche Behauptungen keinen Migranten.

Fußgängerzone. Auch hier ist Sarrazin Gesprächsthema. Und auch hier findet sich niemand, der sich öffentlich positiv zu diesen Thesen äußert. „Ich finde die Aussagen des SPD-Politikers unmöglich und schlimm. Er neigt dazu, das Verhalten von bestimmten Bevölkerungsgruppen zu verallgemeinern; und das schürt den Rechtsextremismus in unserem Land enorm.“ Andrea Beckmann (41) aus Reinhardshagen. „Ich lebe seit 15 Jahren in Deutschland und habe meine Wurzeln in der Türkei. Ich habe mich noch nie so unwohl gefühlt, wie in den letzten Tagen. Es ist ein persönlicher und ungerechterAngriff auf alle muslimischen Migranten. Es wird uns nicht die Möglichkeit gegeben, dass wir uns in Deutschland frei entfalten können.“

Cevik Davut (29) aus Kassel. „Ich stimme mit Sarrazin überhaupt nicht überein. Schließlich kann dieser Mann, der aus einer ganz anderen Gesellschaftsschicht stammt als Migranten, deren Probleme und Integrationsbereitschaft nicht beurteilen. Er pauschalisiert und das alles nur, um sein Buch letztlich besser verkaufen zu können.“ Nadine Schapiro (20) aus Hofgeismar. „Ich werde mir das Buch auf keinen Fall kaufen. Das ist sinnlos ausgegebenes Geld für mich. “ Stephan Bunzenthal (30) aus Hofgeismar.

Von Steffi Gratzke

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