Nach Tod von Jugendlichen: Warnung vor Kohlenmonoxid

Schornsteinfeger und Feuerwehrmann warnen: Gas-Tod kommt schleichend

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Lebensrettender Sauerstoff: Im Fall einer Kohlenmonoxidvergiftung muss schnellstens für Frischluft gesorgt werden. Zusätzlich werden Betroffene mit konzentriertem Sauerstoff beatmet. Doch für fast 500 Deutsche jährlich kommt jede Hilfe zu spät. 

Hofgeismar. Der Tod von sechs Jugendlichen bei Arnstein hat dramatisch gezeigt, wie gefährlich das Gas Kohlenmonoxid (CO) ist. Moderne Häuser erleichtern Vergiftungen sogar noch.

Der Tod kommt schleichend: Wenn bei einem Brand Kohlenmonoxid entsteht und sich in der Luft ansammelt, dann setzt bald die giftige Wirkung ein – der Mensch wird müde, schläft ein und stirbt, wenn er nicht gefunden wird.

Früher vergifteten sich Menschen durch Autoabgase, was seit Einführung der Katalysatoren nicht mehr so schnell geschieht. Dafür haben andere Ursachen zugenommen, mit denen niemand rechnet. Immer mehr Menschen holen sich wieder Holzbrennöfen oder -kamine in die Wohnung oder Dekokamine mit Ethanol. Sie alle benötigen Sauerstoff zur ordentlichen Verbrennung. Der kann aber knapp werden, wie Schornsteinfegermeister Rainer Wiegand berichtet.

Dunstabzugshauben mit Abluftsystem (Umluft ist nicht betroffen) können 120 bis 1000 Kubikmeter Luft pro Stunde aus dem Haus befördern und einen Unterdruck erzeugen, der dafür sorgt, dass Abgase aus Öfen nicht mehr abziehen können, sondern im Raum bleiben. Und neue Fenster sind viermal dichter als Fenster aus den 1980er Jahren, die wenigstens noch Frischluft durch Ritzen hereinließen.

Riskant: Starke Dunstabzugshauben können für Probleme in Öfen sorgen, wie Rainer Wiegand mit einer Flamme demonstriert.

Restglut, so schildern Wiegand und sein Feuerwehrkollege Mark Bornhage, sei das Gefährlichste, weil der Auftrieb zum Gasabzug nicht mehr reicht, aber die Glut doch noch Kohlenmonoxid erzeugt. Deshalb sei es unverantwortlich, auskokelnde Grills zum Schutz etwa vor Regen in die Wohnung zu stellen, genauso, wie überhaupt in der Wohnung zu grillen.

Manche Grillfans und Verkäufer eines aktuellen „rauchfreien Grills“ sagen zwar, dass man beim Grillen in Räumen für ausreichende Belüftung sorgen müsse. Die Herstellerfirma in Ludwigshafen erklärte gestern jedoch auf unsere Anfrage, dass der Grill nur für die Benutzung im Freien vorgesehen sei und man niemals Werbung für das Grillen in Innenräumen mache. Das sei viel zu gefährlich.

Schornsteinfeger Wiegand bemängelt, dass die CO-Problematik von vielen Menschen nicht ernst genommen wird. Er und Bornhage raten dringend, sich neben Rauchmeldern auch einen CO-Warner (ab etwa 40 Euro) zuzulegen, der das unsichtbare Gas erkennen kann: „Es geht schließlich um ihr Leben“.

Bornhage sagt, dass ältere Menschen, die noch mit Öfen groß geworden sind, die Problematik besser verstehen als Jugendliche. „Da muss man noch viel aufklären“, sagt auch Arzt Peter Stahl. Vor allem bei Feiern, wenn es etwas lockerer zugehe, lasse oft die Aufmerksamkeit für Gefahren nach. 

Jährlich 500 Tote durch Kohlenmonoxid

Die Zahl der Kohlenmonoxidvergiftungen steigt seit einigen Jahren wieder an. Im Jahr 2011 starben durch den „stillen Killer“ CO in Deutschland 481 Menschen, 2500 Vergiftete wurden gerettet. Bei einer normalen Verbrennung verbindet sich der Kohlenstoff (C) mit dem Luftsauerstoff (O), es entstehen Kohlendioxid (CO2) und Ruß. Wenn jedoch nicht genug Sauerstoff vorhanden ist, entsteht bei dieser unvollständigen Verbrennung Kohlenmonoxid (CO).

Der Grenzwert in der Raumluft liegt bei 35 ppm (Teile pro Million). Bei Werten darüber treten nach längerer Einwirkung Kopfschmerzen, Ermüdung und Schwindel auf, ab 400 ppm wird es lebensgefährlich. Mit höherer Konzentration tritt der Tod durch innerliches Ersticken immer schneller ein, ab 3200 ppm nach 30 Minuten, ab 12 800 ppm innerhalb von ein bis drei Minuten.

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