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Sie hilft, die Gegenwart zu verstehen: Kontroverse Diskussionen im geschützten Raum in Hofgeismar

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Von: Bernd Schünemann

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Im Park am Gesundbrunnen: Studienleiter Bernd Kappes (links) und Akademie-Direktor Karl Waldeck vor dem Schlösschen, das auch Tagungsstätte ist.
Im Park am Gesundbrunnen: Studienleiter Bernd Kappes (links) und Akademie-Direktor Karl Waldeck vor dem Schlösschen, das auch Tagungsstätte ist. © Bernd Schünemann

Das offene Wort ist ein hohes Gut. Das zeigen gerade Staaten wie Russland und China, die die Meinungsfreiheit unterbinden.

Hofgeismar – Für die Evangelische Akademie Hofgeismar hat das offene Wort seit jeher eine große Bedeutung. Sie will einen Raum bieten, in dem über ganz unterschiedliche Themen diskutiert werden kann – ohne Sorge vor Verfolgung, Shitstorm oder sogar Bedrohung.

Diesen Raum bietet die Akademie jetzt seit 75 Jahren.

Der Anfang

Gegründet wurde die Evangelische Akademie 1947 – wie viele andere Akademien der Landeskirchen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Anfänge lagen im heutigen Baunataler Stadtteil Guntershausen, berichtet Direktor Karl Waldeck. Der Ort war damals ein Bahnknotenpunkt – und die Akademie für ihre Besucher gut erreichbar.        Ein geschützter Raum für offene Worte war damals besonders wichtig – nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft in Deutschland, in denen eine andere Meinung lebensgefährlich sein konnte. Die Kirche wollte über Gemeinde- und diakonische Arbeit hinaus einen Beitrag leisten zum Aufbau eines demokratischen Systems. So entstand die Idee, Akademien zu gründen. Sie sollten „als Brücken in die Gesellschaft“ helfen, beispielsweise wissenschaftliche Themen in die Gesellschaft hineinzutragen, sagt Waldeck.

Start in Hofgeismar

1952 zog die Akademie nach Hofgeismar um. Die Landeskirche hatte dort das Gelände der früheren Kureinrichtung am Gesundbrunnen gekauft. In der Nachbarschaft gab es schon die Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen. Auch das Predigerseminar – heute das Evangelische Studienseminar, an dem angehende Pfarrer ausgebildet werden – arbeitete seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Stadt. Im Schlösschen begann 1952 der Tagungsbetrieb. Mit Altenhilfe, Studienseminar und Akademie hat Hofgeismar bis heute eine große Bedeutung für die Landeskirche. Unter anderem tagt die Synode der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck regelmäßig in der Stadt.

Der Auftrag

Die Akademie ist thematisch breit aufgestellt – das ist einer ihrer Pfeiler, sagen Waldeck und Bernd Kappes. Er ist seit kurzem Studienleiter mit Leitungsaufgaben in Hofgeismar. Mit vielen unterschiedlichen Aspekten wolle sie dazu beitragen, „die Gegenwart zu verstehen“, sagt Waldeck. Dazu gehörten nicht nur Fragen der Religion, des Glaubens und der Philosophie. Die Akademie „will mit ihrer Arbeit zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen beitragen“, ergänzt Kappes. Sie solle bei der Urteilsfindung und Handlungsorientierung helfen. Dabei genieße die Einrichtung große Autonomie in der Landeskirche.

Die Themen

Von weltweit bis lokal, von Asyl bis Klimawandel, für Hauptberufliche wie für Menschen, die ehrenamtlich tätig sind: Die etwa 15 Mitarbeiter stellen alljährlich ein umfangreiches Programm zusammen. Dabei fließe natürlich immer die „evangelische Perspektive ein“, ergänzt Waldeck. Außerdem wolle man die Menschen aus der Region miteinander ins Gespräch bringen. Deswegen werden zum Beispiel Landwirte und Förster zu den Veranstaltungen eingeladen. Dort wird dann aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert: „Tagungen leben von der Kontroverse“, unterstreicht Bernd Kappes.      Die documenta ist immer wieder Thema, gewissermaßen vor der Haustür. Die Akademie bietet aber auch Tagungen für Berufsgruppen an. So gibt es für Polizisten Ende Mai das Thema Rassismus als Herausforderung für die Polizei.      Das Angebot reicht von 90-minütigen Abendveranstaltungen und Wochenendveranstaltungen über Bildungsurlaub bis hin zu Studienreisen.

Die Arbeit

Auch an der Akademie ist Corona natürlich nicht vorübergegangen. Neue Online-Formate sind in den vergangenen beiden Jahren entstanden. Zum Beispiel die Reihe „Was bewegt“. Hier steht ebenfalls noch im Mai der Krieg gegen die Ukraine im Mittelpunkt. 4300 Teilnehmer haben 2021 das Angebot genutzt. Waldeck sieht die Akademie damit auf einem guten Weg: Das seien 30 Prozent mehr als zuvor. Nicht alle Themen eigneten sich für Online-Veranstaltungen. Deswegen werde die Akademie weiterhin auch auf Präsenz setzen. An den Online-Angeboten nehmen inzwischen Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus teil.

Die Leitung

Der Akademiedirektor wird für acht Jahre berufen. Dann können noch einmal vier Jahre angehängt werden, sagt Karl Waldeck. Diese zwölfjährige Dienstzeit endet für Waldeck Ende Februar 2023. Bernd Kappes unterstützt Waldeck bei der Führung der Akademie. Er befasst sich unter anderem mit Organisations- und Konzeptentwicklung sowie theologischen Grundfragen. Für Karl Waldeck ist der Leitungsposten auf dem parkartigen Gelände „der schönste Arbeitsplatz in der Landeskirche“.

Die Jubiläumsfeier

Zum Jubiläum werden unter anderem Bischöfin Dr. Beate Hofmann und der Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Olaf-Axel Burow von der Universität Kassel zu einer Zukunftswerkstatt erwartet. Coronabedingt findet das Jubiläum im geschlossenen Kreis statt. Dabei wird nicht nur gefeiert, sagen Waldeck und Kappes. Die Gäste sollen am Freitag in Gruppenarbeit Ideen für die Zukunft der Akademie entwickeln und vorstellen.

Am Samstag folgt ein Festakt. Dabei wird es unter anderem Grußworte von der Evangelischen Akademie in Frankfurt und von Staatssekretärin Ayse Asar aus dem Hessischen Wissenschaftsministerium geben. (Bernd Schünemann)

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