37-Jähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt

Verurteilter Hofgeismarer wohl Teil eines millionenschweren Heroin-Netzwerks

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Großrazzia in der Hofgeismarer Schirmerstraße: Zeitgleich mit der Festnahme wurden auch Immobilien der Heroindealer, wie hier eine Autoglaswerkstatt, auf Tatmittel und Rauschgift untersucht. 

Hofgeismar. Am Mittwoch erst war ein 37-Jähriger aus Hofgeismar wegen Heroinhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Jetzt erhebt die Staatsanwaltschaft noch viel schwerere Vorwürfe.

Aktualisiert um 10.57 Uhr - Der Mann soll Teil eines Netzwerkes mit Millionenerlös sein. Die Ermittlungsrichterin des Amtsgerichtes Kassel erließ auf Antrag einen weiteren Untersuchungshaftbefehl gegen den Hofgeismarer. Bei den Ermittlungen habe sich ein weiterer Verdacht ergeben. Die Polizei geht davon aus, dass innerhalb seines Netzwerks in den letzten zwölf Jahren rund 120 kg Heroin mit einem Gesamterlös von etwa 1,2 Millionen Euro umgesetzt wurden. "Das ist eine Hausnummer, wie sie selten vorkommt", sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Der Verbleib in der Untersuchungshaft vereinfache weitere Ermittlungen.

Im Juni vergangenen Jahres war bekannt geworden, dass intensive und umfangreiche Ermittlungen des Polizeipräsidiums Nordhessen in Kassel im Bereich der Drogenkriminalität zu Festnahmen von vier damals mutmaßlichen Rauschgifthändlern und der Sicherstellung von rund zwei Kilo Heroin, knapp 50.000 Euro Bargeld, vier Autos und umfangreichen Beweismaterials geführt hatten.

In dieser Woche waren in Kassel mehrere Urteile gesprochen worden. Der 37-jährige Hauptangeklagte wurde wegen des Handels mit Heroin in erheblichen Mengen zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. 

Seine 31 und 26 Jahre alten Mitangeklagten wurden zu Freiheitsstrafen von zwei bzw. einem Jahre verurteilt – beide Strafen wurden für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der vierte Angeklagte, ein 27-Jähriger, der wie die anderen drei ebenfalls in Hofgeismar wohnt, wurde vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. Mit den Urteilen ging der im Februar begonnene Prozess vor der 5. Strafkammer des Kasseler Landgerichts zu Ende. Der Urteilsverkündung am Mittwochmittag wohnten zahlreiche Freunde und Bekannte der Angeklagten bei.

Hintergrund: Das wird den Verurteilten vorgeworfen

Als Richter Stanoschek die siebenjährige Haftstrafe gegen den Hauptangeklagten verkündete, ging ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Offenbar hatten sie auf ein milderes Urteil gehofft. Das nämlich hatte die hochkarätig besetzte Verteidigerbank des 37-Jährigen gefordert. Die Anwälte sahen in ihren Plädoyers ein Verwertungsverbot für Beweise, die durch verdeckte Ermittler der Polizei geliefert worden waren. Diese hätten den Angeklagten zu einem großen Deal mit mehreren Kilo Heroin über Wochen gedrängt. Dies sei eine rechtsstaatswidrige Tatprovokation gewesen, argumentierten die Verteidiger. 

Eine solche rechtswidrige Stimulierung des Verdächtigen konnte die Strafkammer allerdings nicht erkennen. Der Angeklagte selbst sei stets Herr seines Handelns gewesen und habe Mengen und Preise des hochkonzentrierten Stoffes selbst bestimmt. Die Beamten hätten sich stets im Rahmen des Erlaubten bewegt. 

Am 1. Juni 2017 schnappte die Polizeifalle zu und der Angeklagte und seine Helfer wurden mit zwei Kilogramm Heroin erwischt und festgenommen. 

Eine Spielothek in Hannover war für den Hofgeismarer Rauschgifthändler und seinen 31 Jahre alten Helfer die Adresse, die sie seit Anfang 2016 in regelmäßigen Fahrten ansteuerten. Dort bezogen sie das Heroin, das für den Weiterverkauf im Raum Kassel bestimmt war.

Die Fahrten und die Übernahme des Rauschgiftes in Hannover seien „immer nach demselben Ritual“ abgelaufen, fasste Richter Stanoschek, Vorsitzender der Strafkammer, die Erkenntnisse aus der Beweisaufnahme zusammen. Nach einer Plauderei bei einem Kaffee übernahm der 37-jährige Haupttäter dann das hartgepresste in 500-Gramm-Päckchen abgepackte Heroin von seinem 43 Jahre alten kurdischen Lieferanten. Dieser war bereits vergangenes Jahr vom Landgericht Hannover zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Heroin: Eine hochkonzentrierte Droge

Bei den ersten Treffen in Hannover habe der 31-jährige Helfer noch nicht mitbekommen, um welche Geschäfte es sich handelte. Eingeweiht wurde er erst einige Wochen später. Dann aber wies ihn sein Chef auch in das versteckte Lager in einer Hofgeismarer Autoglas-Werkstatt ein.

Dort lernte der 31-Jährige dann auch das Portionieren und das Strecken des Heroins kennen. Das Rauschgift, das die Hofgeismarer in einem sehr hohen Wirkstoffgehalt von bis zu 50 Prozent Heroinhydrochlorid bezogen, konnte mit der achtfachen Menge an Streckmitteln „verdünnt“ und damit verkaufsfertig gemacht werden. Während das Gramm in der Szene wischen 14 und 18 Euro gehandelt wird, kostet das konzentrierte Ausgangsprodukt zwischen 45 und 50 Euro pro Gramm.

In der Folgezeit lernte der 31-jährige Helfer, der sich im Prozess einmal als das „Mädchen für alles“ bezeichnete, auch einige Abnehmer in Kassel kennen. So war er in der Lage, auch Auslieferungsfahrten zu übernehmen.

Es war die Zeit, da wurden die Hofgeismarer Dealer bereits von der Polizei observiert. Um weitere Detailkenntnisse zu erlangen, setzte diese Ende 2016 zusätzlich eine Frau aus der Kasseler Drogenszene auf sie an. Der 40-Jährigen, gegen die ebenfalls Ermittlungen liefen, wurde aufgrund ihrer Kooperation von der Polizei Strafmilderung zugesichert.

Nach einigen Monaten gelang es der polizeilichen Vertrauensperson, den 37-Jährigen mit verdeckten Ermittlern der Polizei in Kontakt zu bringen. Einer der beiden Beamte wurde als reicher Dozent aus der Schweiz getarnt. Bei mehreren Treffen in Kassel und Göttingen wurde dann eine Lieferung von acht Kilogramm Heroin zum Bruttopreis von 360.000 Euro und einem Rabatt von 10.000 Euro vereinbart.

Am 1. Juni 2017 sollten die ersten zwei Kilogramm an den reichen Schweizer übergeben werden. Doch am Übergabeort in Großburgwedel wurde der Deal durch den Zugriff der Polizei dann abrupt beendet. Es war der Tag, an dem bei einer Großrazzia der Polizei Autos, Telefone, Bargeld sowie Rauschgift beschlagnahmt wurden.

Vor Gericht hatte der 37-jährige verurteilte Heroinhändler angegeben, arbeitslos zu sein. Er sei Hartz-IV-Bezieher. Doch der Sozialhilfebezug passte nicht zu seinem Lebensstil. So waren auf ihn ein BMW sowie ein Porsche Carrera zugelassen. Seinem Helfer hatte er einen VW Passat überlassen. Weil alle Fahrzeuge als Tatmittel gelten, waren sie beschlagnahmt und von der Polizei versteigert worden. Die Erlöse lagen bei 11.000 Euro für den VW, 16.000 Euro für den BMW und 42.000 Euro für den Porsche. 

Der 37-Jährige habe insgesamt mindestens vier Kilogramm Heroin in den Verkehr gebracht. Bei einem Kilopreis von 45.000 Euro sei das eine Gesamteinnahme von 180.000 Euro gewesen, hatte der Staatsanwalt berechnet. Das Gericht reduzierte diese Summe und erkannte auf eine vorzunehmende Vermögensabschöpfung von 157.000 Euro. Abzüglich des Erlöses aus der Fahrzeugversteigerung verbleiben somit noch 90.000 Euro Vermögen abzuschöpfen. 

Die finanziellen Möglichkeiten seines Chefes hatte der 31-jährige Beihelfer nicht. Außer seiner zur Bewährung ausgesetzten zweijährigen Haftstrafe hat er eine Geldbuße von 2000 Euro zu entrichten. 

Eine zur Bewährung ausgesetzte einjährige Freiheitsstrafe trifft den 26 Jahre alten weiteren Beihelfer. Der Verwandte des 37-Jährigen hatte in Hannover mit einer Sporttasche herumlaufen müssen, die für die Polizei den Anschein erwecken sollte, sie sei mit Heroin gefüllt. Damit sollte getestet werden, ob die Polizei bereits auf der Spur war. Das Gericht sah hierin den Tatbestand der Beihilfe. Der 26-Jährige muss eine Geldbuße von 1000 Euro zahlen. 

Ihm sowie dem 31-Jährigen stellte das Gericht eine günstige Sozialprognose. Anders als der Freigesprochene 27-Jährige werden beide noch an den Gerichtskosten beteiligt.

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